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Eva Bornwasser kümmert sich als studentische Aushilfe beim Kreis-Gesundheitsamt um Menschen in Quarantäne.

Studentin im Corona-Einsatz

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Eva Bornwasser hilft als Studentin zurzeit im Kreis-Gesundheitsamt aus, kontaktiert Menschen in Quarantäne. Zuvor war sie als Impflotsin in Hungen tätig. In beiden Jobs hat sie viel Dankbarkeit, aber auch Unmut von Betroffenen erfahren.

Gießen – In »normalen« Zeiten würde Eva Bornwasser gerade vielleicht in einem Hörsaal oder Seminarraum pauken, stattdessen sitzt sie nun in einem Büro in der Kreisverwaltung, ihrem momentanen Arbeitsplatz. An drei bis vier Tagen pro Woche hilft die 27-Jährige zurzeit als Werksstudentin im Kreis-Gesundheitsamt aus. Sie hält Kontakt zu Kreisbewohnern, die sich gerade in Corona-Quarantäne befinden, betreut sie am Telefon. Bornwasser ist Teil des Teams »Symptomabfrage«, erkundigt sich nach dem Befinden der Menschen am anderen Ende der Leitung, hilft bei Fragen, füllt Bescheinigungen aus. Ihr Tagespensum schreibt die Software »Sormas« vor - ein Programm, das auf die Kontaktnachverfolgung bei Krankheiten zugeschnitten ist.

Bornwasser betreut Menschen in einer schwierigen Situation. Wie sind die Reaktionen, wenn das Gesundheitsamt während der Quarantäne durchklingelt? Corona-Leugner, die die amtliche Anweisung ignorieren wollen, habe sie zum Glück noch nicht am Telefon gehabt, so Bornwasser. »In der Regel sind die Leute nett und froh, dass sie einen Ansprechpartner haben.« Doch es gibt Ausnahmen: »Es kommt schon vor, dass Leute ein bisschen aufgebracht sind« - etwa dann, wenn jemand keine Symptome spürt, sich fit fühlt und trotzdem in zweiwöchiger Isolation bleiben muss. Oder in Fällen, wo Menschen wegen der Quarantäne-Anordnung einen schwer kranken Angehörigen oder einen gerade geborenen Enkel nicht besuchen können. »Manche sind dann etwas mürrisch. Dann erkläre ich ihnen: Wenn Sie draußen rumlaufen, können Sie andere anstecken.«

Im Zweifel gelte: Quarantäne ist Quarantäne. Bornwasser trägt große Verantwortung, und einen Ermessensspielraum im Einzelfall habe sie nicht, betont die Studentin. Doch es sei ihr wichtig, sich bei den Gesprächen Zeit zu nehmen, manchmal auch jenseits der Symptom-Abfrage. »Eine Frau sagte neulich nach Tagen in Quarantäne: Sie sind die Erste, die sich nach mir erkundigt! Sie fühlte sich allein gelassen, das war total schlimm für sie«, berichtet Bornwasser. »Sie hat geweint, ich habe sie in Ruhe ausreden lassen.« Mitunter braucht es vor allem ein offenes Ohr und etwas Trost.

Trotz manchmal schwieriger Gespräche und bedrückender Einzelfälle falle ihr es nicht schwer, nach der Arbeit abzuschalten, sagt Bornwasser. »Ich fühle mich im Team super aufgehoben, mache den Job total gern«, nicht zuletzt auch als Ausgleich zum zurzeit rein digitalen Uni-Betrieb. Die gebürtige Altenstädterin ist zum Studium nach Gießen gekommen, hat den Bachelor in Ernährungswissenschaften kürzlich abgeschlossen und hängt nun den Master dran. Bis Ende Juni wird sie voraussichtlich weiter Telefonschichten beim Gesundheitsamt übernehmen, vielleicht auch noch darüber hinaus.

Kontaktnachverfolgung und Tests sind zwei wichtige Säulen der Pandemiebekämpfung. Eine weitere ist die Impfkampagne - und auch in diesem Bereich hat Bornwasser schon reichlich Erfahrung gesammelt: Von Mitte Januar bis Ende März war sie als Impflotsin in Hungen tätig. Der Landkreis hatte die Initiative gestartet und auf alle Kreiskommunen ausgeweitet, insgesamt gehörten 38 Impflotsinnen und -lotsen zu dem Team. Der Ansatz: Gerade ältere Menschen sollten bei Bedarf Hilfe bei der Impf-Registrierung und Terminvereinbarung über das Portal des Landes bekommen.

Die Ausschreibung für die Impflotsen-Dienste stieß bei Bornwasser auf Interesse: »Es hat sich spannend angehört und ich finde es gut, das zu unterstützen.« Wenige Tage nach der Bewerbung, erzählt die Studentin, habe sie schon in Hungen angefangen. Ihr Arbeitsplatz war ein Raum im dortigen Kulturzentrum, ausgestattet mit Laptop, Drucker und einem Diensthandy, auf dem pro Tag zwischen 9 und 16 Uhr anfangs bis zu 150 Anrufe eingingen.

»Am Anfang war es echt extrem«, blickt Bornwasser zurück. Die Verzweiflung bei jenen, die über die Registrierungs-Hotline des Landes nicht durchkamen, sei teils groß gewesen. »Manche Senioren hatten über Tage hinweg 70 mal dort angerufen - und sich dann auch stressen lassen, wenn es wieder nicht funktioniert hat.« Umso glücklicher waren diese, als sich die Studentin dann als Impflotsin ihrer annahm. Anfangs habe sie neben der Registrierung auch die Terminvereinbarung im Impfzentrum für die hilfesuchenden Hungener übernommen, später seien die Termine dann zugeschickt worden. »An manchen Tagen konnte ich 30 Leute informieren, dass sie einen Impftermin haben« - eine Nachricht, auf die mancher lange gewartet hatte.

Doch auch bei dieser Tätigkeit musste Bornwasser mit Unmut umgehen. Etwa dann, wenn ein Mittsiebziger seit Wochen auf seine Impfung gehofft und dann erfahren hat, dass eine viel jüngere Person schon am Zug war, zum Beispiel von Berufs wegen. »Es ging nicht nur darum, schnell einen Termin zu bekommen, sondern auch darum zu wissen, wie es weitergeht«, sagt Bornwasser. Die Wochen in Hungen hat sie als Bereicherung empfunden. Ein Nebeneffekt: »Ich hatte am Ende das Gefühl, dass ich halb Hungen kenne« - zumindest die Straßennamen.

So gerne sie im Gesundheitsamt arbeitet: Bornwasser hofft, dass in nicht allzu ferner Zukunft auch bei ihr ein normalerer Alltag wieder Einzug hält. Dann hätte sie auch die Option, ihr Studium wie vor Corona zu finanzieren - mit Jobs in der Gastronomie.

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