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Reisen

Auf Stroh geschlafen: Eine ungewöhnliche Urlaubsgeschichte aus den 1950ern

Äste als Zeltstangen, ein Bett aus Stroh, Brot ohne Wurst und eine vorzeitige Abreise - trotzdem schwärmt Christel Karber von ihrem ersten Urlaub in den 1950er Jahren. Der Grund: Wasserski.

Es war nicht nur ihre erste gemeinsame Reise, es war für beide überhaupt der allererste Urlaub. »Zuvor waren die Kriegsjahre, da konnte man keinen Urlaub machen und danach ging das auch nicht gleich«, erzählt Christel Karber und blickt auf die schwierigen Umstände ihrer ersten Reise zurück. Diese führte sie mit ihrem damaligen Verlobten Friedhelm in den 1950er Jahre an den Wörthersee in Österreich. »Das Geld fehlte, aber wir waren jung und hatten das Bedürfnis, mal rauszukommen und was von der Welt zu sehen«, sagt sie. »Das haben wir dann in die Tat umgesetzt.«

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Auf einem kleinen Motorrad machten sie sich auf den Weg. »Als wir ankamen, haben wir dann unser Zeltchen aufgebaut«, erzählt Karber. Mit den heute gängigen Modellen hatte das Konstrukt jedoch wenig zu tun. Zeltstangen etwa hatten die beiden nicht, also ging es zunächst ab in den Wald. Dort sammelten sie Äste, um ihr Lager aufschlagen zu können - nicht ganz ohne Ärger mit dem Förster, wie Karber verrät. Doch schließlich stand das Zelt. Und als gleich am ersten Tag der Regen einsetzte, hielt es von oben dicht.

Allerdings hatte das junge Paar auch keine Unterlage dabei. »Der Boden war klitschnass«, erinnert sich Karber. »Also sind wir zum Bauern und haben für eine Mark Stroh gekauft.« So konnten sie auf dem Trockenen schlafen. Und am nächsten Tag besserte sich dann auch das Wetter.

Eine neue Sportart: Wasserski

Am See machten die beiden eine Entdeckung, die ihre erste Reise nicht nur prägen, sondern schließlich auch verkürzen sollte: Direkt am Steg gab es eine Wasserskischule mit einem kleinen Boot. Damals war das noch etwas sehr Ungewöhnliches. Obwohl die Sportart ihren Ursprung bereits in den 1920er Jahren hatte, fand sie als Freizeitvergnügen erst nach dem Zweiten Weltkrieg Verbreitung. Nachdem eine amerikanische Wasserskishowgruppe dort verweilt hatte, setzte Anfang der 1950er Jahre rund um den Wörthersee ein regelrechter Boom ein. Die Besucher aus Ruttershausen hatten Wasserski zuvor noch nicht gekannt. »Mittlerweile kann man das am Heuchelheimer oder am Niederweimarer See machen«, sagt Karber und berichtet, dass ihr Sohn und seine beiden Jungs dort häufig seien. »Aber damals war das etwas Besonderes.«

Umso größer war die Begeisterung bei den beiden Mittelhessen. Nachdem sie zunächst eine Weile vom Ufer aus zugesehen hatten, wagten Christel und Friedhelm Karber sich schließlich selbst auf das Wasser. »Es hat gleich geklappt, wir standen sofort«, erzählt sie voller Stolz. »Und weil wir so begeistert waren, sind wir immer wieder gefahren und haben Zeit und Geld vergessen.«

Das hatte allerdings Konsequenzen, war doch das Reisebudget der beiden jungen Leute begrenzt. »Wir sind gefahren, bis wir gemerkt haben, dass wir kein Geld mehr für Lebensmittel hatten«, sagt Karber und lacht. Ein Brot sei zwar noch drin gewesen - aber für Wurst dazu habe es nicht mehr gereicht. Die beiden von nun an begeisterten Wasserskiläufer beschlossen daher notgedrungen, deutlich früher als geplant die Heimreise nach Hessen anzutreten.

Der Traum vom eigenen Boot

Dort, in Ruttershausen, wurde ein Haus gebaut und 1956 der Bund fürs Leben geschlossen. Friedhelm Karber baute ein Speditionsunternehmen auf und hatte damit einigen Erfolg, so dass auch die Urlaube im Laufe der Jahre immer komfortabler wurden. Galt zunächst noch ein richtiges Zelt mit Planen, Unterboden und Stangen als deutliche Steigerung, schliefen die Karbers später beim Camping dann doch lieber im eigenen Wohnwagen oder Wohnmobil.

Und auch der am Wörthersee entdeckten Wasserski-Leidenschaft kam das zuverlässig laufende Geschäft zugute: Bei einer Wasserskischule mussten Christel und Friedhelm später nicht mehr anheuern, denn sie erfüllten sich den Traum von einem eigenen kleinen Boot. Ihre Sommerurlaube verbrachten sie mit diesem am liebsten in Jugoslawien, im Winter ging es zum Skifahren nach Serfaus. Und auch abseits der »Bretter« blieb Urlaub immer ein wichtiges Thema, so dass das Paar im Laufe der Jahre viel von der Welt gesehen hat. Einmal ging es mit dem Flugzeug sogar ganz um den Globus.

Pläne bis zum Schluss

»Der Friedhelm war niemand, der einfach nur geschafft hat«, erzählt Karber. »Er hat Tag und Nacht geschafft, um sich etwas leisten zu können und hatte immer Pläne.« So war es bis zum Schluss.

2011 verstarb Christel Karbers Ehemann plötzlich - zwischen zwei Urlauben. Die beiden waren gerade erst von einer Auslandsreise zurückgekommen und wollten wenige Tage später wieder aufbrechen, nach Spitzbergen sollte es gehen. Doch diesen Plan konnten sie nicht mehr verwirklichen.

Obwohl Christel Karber sich damals sicher war, nie mehr zu verreisen, hat sie seitdem mit ihrer Familie noch die eine oder andere Ecke der Welt erkundet. In besonderer Erinnerung ist ihr dennoch vor allem ihre erste Reise geblieben. Trotz all der Unwägbarkeiten, oder vielleicht auch gerade deswegen. »Dieser Urlaub«, sagt die heute 89-Jährige rückblickend, »war so primitiv und die Begeisterung so groß.«

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