Heuchelheim: Die Gemeinde mit der kleinsten Gemarkungsfläche und einer der höchsten Siedlungsdichten im Kreis Gießen.	FOTO: HENSS
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Heuchelheim: Die Gemeinde mit der kleinsten Gemarkungsfläche und einer der höchsten Siedlungsdichten im Kreis Gießen. FOTO: HENSS

Ideen in Heuchelheim

Stress im Wohnviertel: Wenn »Monsterhäuser« in der Nachbarschaft entstehen

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Musste das denn sein? Darf das denn so groß sein? So lauten die häufig gestellten Fragen, wenn in der Nachbarschaft ein Haus empor wächst, das größer wird als die Bebauung in der Umgebung. Das sorgt nicht selten für Ärger im Viertel. Die Grünen denken über Lösungen nach.

Seit Jahren macht das Wort vom »Betongold« die Runde. Geld auf der Bank bringt keine Zins-Erträge. Ergo wird ungebrochen in Immobilien investiert. Zunehmend sind in den vergangenen Jahren ältere Baulücken in den Blick gerückt. Auch ehedem weniger interessante Lagen werden plötzlich attraktiv - und in dem einen oder anderen Viertel ist schon ein Häuschen aus den 50er- oder 60er-Jahren gefallen. Und größeren Neubauten gewichen, die ihren Eigentümern mehr Rendite versprechen.

»In den letzten Jahren hat die Anzahl völlig überdimensionierter Bauvorhaben, insbesondere Mehrfamilienhäuser als Investorenprojekte, in Heuchelheim deutlich zugenommen«, beklagt etwa Stephan Henrich von den dortigen Grünen. Und man darf getrost davon ausgehen, dass Henrich weiß, wozu er seine Meinung darlegt: Er verdient sein Geld als Abteilungsleiter im Gießener Stadtplanungsamt.

Die Grünen wollen in Heuchelheim gar von betroffenen Anliegern Beschwerden über eine Abwertung des Wohnumfeldes vernommen haben. Denn es sorgt schnell für Ärger in einem Wohnquartier, wenn Grundstücke ausgenutzt werden, bis es quietscht.

In Heuchelheim haben die Grünen mehrere Projekte ausgemacht, die aufgrund ihrer Dimensionen augenfällig sind. Sie sprechen gar von »Bauskandalen«. Dazu gab es bereits eine Anfrage an den Gemeindevorstand um Bürgermeister Lars Burkhard Steinz (CDU). Die Grünen vermuteten »ungerechtfertigte Genehmigungen« und wollten dafür Verantwortlichkeiten klären.

Wobei sich Bauherren und Investoren in Heuchelheim und anderswo zumeist nicht abseits des geltenden Rechts bewegen. Ganz im Gegenteil. Sie nutzen lückenhafte Festsetzungen alter Bebauungspläne aus. Da fehlen teils klar definierte Baufenster oder Grenzabstände. Da sind Höhenfestsetzungen oder die Anzahl von Wohneinheiten pro Haus oder Grundstück nicht festgelegt. Manchmal fehlen sogar Bebauungspläne, etwa in Altortslagen.

Nicht selten greift dann der Paragraf 34 des Baugesetzbuches. Der besagt schlicht, dass sich ein Haus in die Umgebungsbebauung einfügen soll. Was das bedeutet, das erläutert Grünen-Baufachmann Henrich: Neubauten müssen sich mit Trauf- und Firsthöhe, Lage und Größe in die sogenannte Eigenart der Umgebungs-Bebauung einfügen. Das heißt, so übersetzt er für den Laien: Das Gebäude darf nicht wahrnehmbar höher und größer oder in einem deutlich anderen Abstand zur Straße als die benachbarte Bebauung genehmigt werden.

Just das sei, so zeige das Beispiel Heuchelheim den Grünen, in einigen Fällen nicht erreicht worden. Häuser seien zwei oder drei Meter höher als zulässig oder die Grundfläche set sei bis zu 50 Prozent größer geworden.

Haben Kommunen die offenen Fragen zu Bebauungsplänen nicht auf dem Schirm oder erteilen dennoch ihr Einvernehmen, dann bleibt der Bauaufsicht beim Landkreis zumeist nichts anderes übrig, als Häuser zu genehmigen. Auch wenn die hinterher für Kritik sorgen.

Die Aufgabenverteilung ist klar: Kommunen geben mit Bebauungsplänen den Rahmen vor. Die Behörde, die auf dieser Grundlage Bauvorhaben bewilligen oder ablehnen kann, ist die Bauaufsicht beim Kreis. Diese ist Überwachungsbehörde und hat für das Einhalten der Bauvorschriften zu sorgen. »Die Kommunen haben vor langer Zeit ihre Kompetenzen diesbezüglich an den Kreis abgegeben weil sie es nicht leisten konnten«, erläutert Heuchelheims Bürgermeister Burkhard Steinz.

Der Grüne Henrich spricht von einem »geteilten Versagen« zwischen Gemeinden und Landkreis.

Die Debatte wird vielerorts geführt. In Pohlheim etwa sprach man vor wenigen Jahren von »Monsterhäusern«, die durch lückenhafte Vorgaben entstehen. Gerade die SPD machte sich für ein Nachschärfen der Bebauungspläne stark. Doch das wurde seinerzeit mehrheitlich von der Politik nicht gewünscht. Zumal es eine Mammutaufgabe ist: In den Pohlheim-Dörfern gibt es rund 180 Bebauungspläne.

Andere Kommunen versuchen es: In Wettenberg sind in den vergangenen Jahren 22 ältere Bebauungspläne überarbeitet worden, um unerwünschte Entwicklungen einzubremsen. Auch Stellplatzsatzungen werden als Steuerungsinstrument Instrument angewendet.

In Heuchelheim sollen in den kommenden Jahren für das gesamte Gemeindegebiet sukzessive die Bebauungspläne aktualisiert werden. 166 000 Euro stehen im Etatentwurf für dieses Jahr bereit. Das reicht aber voraussichtlich nur für vier einzelne Pläne. Weitere müssen folgen. Bürgermeister Steinz ist klar: »Dies wird in den nächsten Jahren so weitergehen«.

Die Heuchelheimer Grünen haben unterdessen eine weitere Idee, die ins Programm der Kreis-Grünen zur Kommunalwahl eingeflossen ist: Experten in der Kreisbauverwaltung könnten die kleineren Kreiskommunen bei der Anwendung des »Einfügungsparagrafen« 34 des Baugesetzbuches oder bei der Beurteilung von Befreiungen beraten - quasi eine Schnittstelle zwischen beiden Behörden.

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