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Das Haus in der Lindengasse weist erheblichen Sanierungsbedarf auf. ARCHIVFOTO: JWR

Überraschende Wende

Im Streit um die Sozialwohnungen in Allendorf könnte es nun ernst werden

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Seit Jahren ist in Allendorf von einer Sanierung der Sozialwohnungen in der Lindengasse die Rede, nun sollte sie endlich starten. Doch SPD und CDU wittern nun einen Affront.

Dieses Haus, das zu einem Sorgenkind und Zankapfel in einer klammen Kommune geworden ist, machte vor fünf Jahren traurige Schlagzeilen. Bei einem Brand darin starben zwei Kinder, drei Menschen wurden verletzt. Viele nahmen Anteil, boten Unterstützung. Die Brandwohnung wurde saniert, das Gebäude geriet wieder aus dem Fokus. Es gehört der Stadt, sie hält dort Sozialwohnungen vor. Häufiger war von Sanierungsbedarf die Rede, das Dach sei undicht. Grundlegend angepackt hat die Stadt das Haus Lindengasse 16 bisher nicht.

Das sollte sich nun ändern: Bei einer Ortsbesichtigung samt Architektin im vergangenen Herbst wurden Mängel aufgenommen. Bürgermeister Thomas Benz (FW) teilte im Parlament mit, man müsse sich "mit oberster Priorität" um das Dach kümmern. Im Ältestenrat wurde, wie CDU und SPD betonen, vereinbart, sich dieses Problems endlich anzunehmen. 100 000 Euro standen im Raum, die etwa zur Hälfte durch Förderung finanziert werde könnten. Eine Beschlussvorlage ging ins Parlament. Die Sache nahm Fahrt auf - so schien es zumindest.

Allendorf: Heftiger Streit im Januar

Doch statt eines Votums für die Dachsanierung folgte ein überraschender Sinneswandel im Parlament im Dezember 2019: Seitens der Grünen war von einem "Fass ohne Boden" die Rede. Aus der FW-Fraktion kamen Bedenken, man müsse bis zu 800 000 Euro investieren, um das komplette Haus zu sanieren. Am Ende stand ein einstimmiger Beschluss bei drei Enthaltungen der SPD: Der Magistrat soll Gespräche mit Wohnbau-Gesellschaften führen, um die Möglichkeit eines Verkaufs zu prüfen. Voraussetzung für einen Verkauf sei aber, die Mieter mit einzubeziehen und ihnen andere Wohnungen anzubieten.

In der Januarsitzung wurde der Streit heftiger. Die Verwaltung schlug vor, die gut 50 000 Euro Förderung für eine Teilsanierung der Straße "Am Erlen" zu nutzen, dafür fand sich keine Mehrheit. Als Alternative stimmte das Parlament dafür, das Geld für barrierefreie Toiletten im Allendorfer Bürgerhaus zu verwenden. "Man kann die Leute nicht unter einem kaputten Dach sitzen lassen", kritisierte CDU-Fraktionschef Ulrich Krieb. Karlheinz Erbach, Vorsitzender der SPD-Fraktion, findet dieses Umschwenken "absolut herzlos". In der Sitzung erinnerte er an die Bewohner des städtischen Hauses: "Es geht um Menschen, die seit 2016 vertröstet werden."

Allendorf: Finanzausschuss berät

Die FW-Fraktion erwiderte, es sei unrealistisch, die Dachsanierung noch 2020 umzusetzen. Damit die Fördermittel nicht verfallen, solle man sie umwidmen. "Es regnet ja noch keine Sturzbäche durchs Dach", sagte Manuel Sult (FW).

Wie es mit dem Haus weitergeht, könnte sich am heutigen Montag entscheiden: Der Finanzausschuss berät über den Haushalt. Kürzlich hat die Verwaltung den Fraktionen Zahlen zu Sanierungskosten für das Haus vorgelegt, sie dürften ebenfalls Thema sein.

Verkauf? Sanierung? Oder langfristig der Abriss? "Herr Erbach hat Recht: Da wohnen Menschen. Wir haben eine Fürsorgepflicht", äußerte sich Bürgermeister Benz am Freitag. "Wir müssen aufs Gas drücken, brauchen in der nächsten Woche eine Entscheidung", sonst drohten Fördermittel zu verfallen. Den Vorwurf, die Verwaltung sei untätig geblieben und informiere unzureichend, könne er aber nicht nachvollziehen. Er gehe von Sanierungskosten in Höhe von gut 400 000 Euro aus, die Umsetzung werde schwierig. Die Baugenossenschaft Lollar und Lumdatal werde das Haus nicht kaufen, so Benz.

Eine einfache Lösung für die Lindengasse 16 wird es kaum geben, aber irgendeine - zumindest da herrscht Einigkeit - muss her. Wie steht der Bürgermeister dazu? "Ich bin da hin- und hergerissen", sagt Benz. Entscheiden müsse das Parlament.

Allendorf: CDU sieht Affront

Dort allerdings, im Parlament, hegt mancher den Verdacht, diese Entscheidung sei womöglich längst gefallen oder vorbereitet (siehe Infokasten). Auch wegen eines Details im Haushaltsplan, das stutzig macht: Im Januar hat Benz den Etatentwurf eingebracht. CDU und SPD verweisen auf Seite 193: "Die Dachsanierung des Hauses Lindengasse 16 mit Mitteln des Kommunal-Investitionsprogramms (KIP) 2016 wurde mit Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 16. Dezember 2019 ersatzlos gestrichen."

Zwar war in der Sitzung beschlossen worden, dass der Magistrat Alternativvorschläge für die Verwendung der Fördermittel vorlegen soll. Es war aber keine Rede davon, die Sanierung "ersatzlos zu streichen".

Krieb (CDU) sieht einen "Affront gegen das Parlament". Es sehe so aus, als sei "von langer Hand vorgesehen", weiter kein Geld für das Haus in die Hand zu nehmen. Auch die SPD argwöhnt, die anderweitige Verwendung der Fördermittel sei vielleicht schon länger ausgemacht. Aus dem Stehgreif könne er nicht sagen, was es mit dem Haushaltsvermerk auf sich hat, sagt der Bürgermeister, "das müssen wir prüfen". Was dabei rauskommt, dürfte auch einige Parlamentsmitglieder interessieren.

Info: Verkauf aus Verwaltung?

Im Zusammenhang mit dem sanierungsbedürftigen Haus in der Lindengasse ließ eine Anfrage des SPD-Fraktionschefs Erbach in der letzten Parlamentssitzung aufhorchen: Ein Allendorfer habe nachfragen lassen, ob es möglich sei, eine der Sozialwohnungen zu mieten. Aus der Verwaltung sei mitgeteilt worden, "das Haus werde verkauft", sagte Erbach.

Die Verwaltung hat den Auftrag, auch einen Verkauf zu prüfen. Die Parlamentsentscheidung steht aber noch aus, weshalb eine solche Auskunft aus dem Rathaus problematisch sein könnte.

Bürgermeister Benz wollte dies in der Sitzung so nicht stehen lassen ("fast schon eine böswillige Unterstellung"). Ein Verkauf sei "vielleicht geplant, aber nicht entschieden".

Gegenüber der GAZ sagte Benz nun, er habe jedenfalls nicht auf Bürgeranfrage von einem angeblichen Verkauf gesprochen. Er wisse auch nichts davon, dass ein Mitarbeiter der Verwaltung diese Einschätzung gegeben habe.

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