Stimmen im Kopf

  • Rüdiger Soßdorf
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Was treibt einen Menschen dazu, einem anderen mit einer 10 Kilo schweren Hantel auf den Kopf zu schlagen? Oder wenig später einem anderen Mitbewohner von hinten mit einem Küchenmesser an die Kehle zu gehen? Am Landgericht Gießen wird über die Zukunft eines jungen Mannes aus Somalia verhandelt.

Es ist ein sogenanntes Sicherungsverfahren, das die 5. große Strafkammer am Landgericht Gießen unter Leitung von Richterin Regine Enders-Kunze zu verhandeln hat. Um die Frage zu klären, ob der Angeklagte in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht wird.

Stimmen sind es laut Mohamed T. gewesen, die ihn zu seinen Taten getrieben haben. Er habe Befehle dieser Stimmen ausgeführt, ließ er vor Gericht erklären. Es sei nicht sein Wille gewesen. Er habe es so nicht gewollt und es tue ihm leid, sagte er gegenüber einem seiner Opfer, das als Zeuge erschienen war. Die gegen ihn erhobenen Vorwürfe seien zutreffend, lässt er von seinem Verteidiger Alexander Hauer und via Dolmetscher erklären. Weitere Stichworte beim Versuch, das Phänomen zu beschreiben: fremdgesteuert, verflucht oder verzaubert. Als würden mehrere Menschen in ihm leben, gab der junge Mann zu Protokoll. Er führe deren Anweisungen nur aus.

Der 37-jährige Somalier T. lebt seit dem Frühjahr 2015 in Deutschland und hat eine wahre Odyssee hinter sich: Nach erfolgreichem Schulabschluss in seiner Heimat erhielt der junge Mann aus einer kinderreichen Familie ein Stipendium zum Studium im Sudan. Als Programmierer sei er dort qualifiziert worden. Als er wegen des Bürgerkrieges nicht mehr in seine Heimat zurück konnte, machte er sich im Jahr 2013 auf den Weg nach Norden. Durch die Sahara Richtung Mittelmeer. Vier Tage trieb er in einem Schlauchboot auf dem Meer ("Ich hatte Todesangst"), bis er gerettet wurde und ins Lager nach Lampedusa kam. Ein weiteres Jahr lebte er in Italien auf der Straße, war eigenen Schilderungen zufolge krank, bekam aber keine Behandlung. Der Somalier berichtet von massiven Schlafstörungen und Albträumen. Damals, in Italien, fingen auch die Stimmen im Kopf an, berichtet der junge Mann dem Gericht.

2015 dann folgte die Weiterreise via Amsterdam nach Deutschland, ins Erstaufnahmelager in Gießen. Seitdem befindet er sich im Asylverfahren, hatte noch keine Anhörung und mithin nur eine Aufenthaltsgestattung.

Von Gießen aus wurde Mohamed T. Wohnraum in der Gemeinschaftsunterkunft in der Biebertaler Karlstraße zugewiesen. Doch auch zu dieser Zeit ging es ihm eigenem Bekunden zufolge nicht gut: Er habe sich einsam gefühlt, wollte nicht mehr leben. "Ich war körperlich ein Wrack und ich war kopfkrank. Die Stimmen wurden immer mehr."

In Biebertal schlug er im September 2019 einem schlafenden Mitbewohner die Hantel auf den Kopf. Es ging glimpflich ab: Der Mann erlitt eine starke Prellung an Kopf und Wange.

Was folgte, war die Verlegung nach Stockhausen in eine andere Gemeinschaftsunterkunft. Das Haus teilte sich der Somalier mit einem einzigen weiteren Mitbewohner. Ersten Aussagen gegenüber der Polizei soll es Streit um die Regulierung der Heizung in der gemeinschaftlich genutzten Küche gegeben haben. Was womöglich die Messer- attacke auslöste.

Der Angeklagte hatte in ersten Vernehmungen zudem die Vermutung geäußert, er sei von dem Mitbewohner mit Gift bespritzt worden.

An einen Streit um die Raumtemperatur vermochte sich das 24-jährige Opfer gestern als Zeuge vor Gericht nicht mehr zu erinnern. Überhaupt habe er Mohamed T. in den acht Wochen seit dessen Einzug in Stockhausen nur zwei- oder dreimal gesehen. "Wir hatten eigentlich nichts miteinander zu tun." Der 24-Jährige konnte die Messerattacke abwehren und nach draußen flüchten, wo sich das Gerangel fortsetzte. T. zog Rasierklingen aus der Hosentasche und verletzte den anderen Mann mit mehreren Schnitten. Nach Hilferufen kamen zwei Frauen aus der Nachbarschaft und trennten die Kämpfenden.

Die Stich- und Schnittverletzungen waren auch in diesem Fall gottlob eher glimpflich. Nach drei Tagen konnte das Opfer das Krankenhaus wieder verlassen. Mohammed T. war zum Tatzeitpunkt weder alkoholisiert noch unter Drogen, das haben Untersuchungen seinerzeit ergeben.

Danach kam Mohamed T. zuerst in Untersuchungshaft. Mittlerweile befindet er sich in der Vitos-Klinik im nordhessischen Haina und ist in ärztlicher Behandlung. Seitdem werden die Stimmen im Kopf weniger. Schon eine Weile hat T. nichts mehr gehört.

Das Verfahren wird in der kommenden Woche fortgesetzt. Dann mit Erörterungen des Vorfalls in Biebertal und mit Aussagen zweier medizinischer Gutachter.

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