Das Gendersternchen wird immer mehr zum Alltag - auch im Gießener Land?
+
Das Gendersternchen wird immer mehr zum Alltag - auch im Gießener Land?

Sprache

Wie stehen die Kommunen im Kreis Gießen zum Gendern?

  • Lena Karber
    VonLena Karber
    schließen

Das Thema genderneutrale Sprache sorgt für hitzige Debatten. Einer Umfrage zufolge lehnt die Mehrheit der Deutschen sie ab. Gleichzeitig befindet sich die Sprache im Wandel. Wie gehen die Kommunen im Landkreis damit um?

Gießen – Leser und Leserinnen, Lesende, LeserInnen, Leser/innen oder doch eher Leser*innen? Das Thema Gendern erhitzt derzeit die Gemüter. Doch ist es nur eine Debatte abgehobener Großstädter oder hat sie längst auch den ländlichen Raum erreicht?

Auffällig ist, dass etliche Kommunen im Landkreis noch auf der Suche nach einer Regelung sind, wie sie mit Doppelpunkten, Binnen-I’s und Sternchen umgehen - oder sich darüber offenbar kaum Gedanken gemacht haben. Nur wenige beziehen jedenfalls klar Position. So wie Lars Burkhard Steinz, Heuchelheims jüngst wiedergewählter Bürgermeister. Genderzeichen lehnt er ab. »Wir beteiligen uns nicht an gesellschaftspolitischen Initiativen kleiner gesellschaftlicher Minderheiten mit großem Einfluss«, sagt er.

Wie wird das Gendern im Landkreis Gießen gehandhabt?

Dabei ist die Debatte ums Gendern keinesfalls so neu: Das generische Maskulinum - also die Verwendung der männlichen Form als geschlechtsunabhängige Formulierung - steht schon länger in der Kritik. So zeigen Untersuchungen, dass damit in der Praxis häufig das männliche Geschlecht assoziiert wird. Bereits vor 30 Jahren hat die interministerielle Arbeitsgruppe »Rechtssprache« daher die Empfehlung ausgesprochen, in der Gesetzes- und Verwaltungssprache das generische Maskulinum zu vermeiden und stattdessen neutrale Formulierungen oder sowohl die männliche als auch die weibliche Form zu verwenden.

Inzwischen ist das nicht nur in Gesetzestexten, sondern auch in vielen anderen Bereichen Usus - in unterschiedlichen Varianten und mit unterschiedlicher Konsequenz, wie auch der Blick auf die Außenkommunikation der Kreis-Kommunen zeigt. Bei der Anrede nur »liebe Bürger« zu schreiben und auf die weibliche Form zu verzichten, das ist längst aus den Amtsstuben verschwunden. Und auch das andere Extrem - Begriffe wie »Bürger*innenmeister*innenkandidat*innen« - findet man nicht. Doch dazwischen gibt es eine Reihe Abstufungen.

Landkreis Gießen: Hungen setzt auf Genderstern „mit Einschränkung“

In Hungen etwa findet der Genderstern als Ergänzung zur Nennung der weiblichen und der männlichen Form durchaus Verwendung, sagt Bürgermeister Rainer Wengorsch. »Allerdings mit der Einschränkung, dass der herausgegebene Text für die Bürger*innen weiterhin lesbar und verständlich sein muss.«

Dass Genderzeichen die Lesbarkeit von Texten erschwerten, ist eines der Argumente, die aus Sicht vieler Menschen gegen ihre Verwendung sprechen. Diese Überlegungen spielen auch in Lich eine Rolle, wo im Rathaus sowohl die männliche als auch die weibliche Form genutzt werden. »Allzu oft wird die Verwaltungssprache als ohnehin zu kompliziert oder fachspezifisch empfunden«, sagt Bürgermeister Julien Neubert. »Weitere Änderungen der gängigen Verwaltungssprache durch Genderregeln, die nicht jeder in der Verwaltung und ebenso nicht jeder in der Bürgerschaft beherrscht, würden die Verwaltungskommunikation mit den Bürgerinnen und Bürgern zusätzlich noch erschweren«, sagt er.

Interessant aber ist vor allem eines: Egal, ob Gendersternchen wie in Hungen verwendet werden, oder wie in Heuchelheim darauf verzichtet wird, Rückmeldung aus der Bevölkerung haben die Rathauschefs dafür bislang in keiner der Kommunen erhalten. Deutschlandweite Umfragen zeigen allerdings, dass die Skepsis gegenüber genderneutraler Sprache hoch ist: Laut infratest Dimap liegt die Ablehnung bei 65 Prozent. Das Meinungsforschungsinstitut Civey hat für den »Spiegel« sogar ermittelt, dass rund die Hälfte der Bevölkerung ein Genderverbot in amtlichen Texten und in Schulen befürwortet, wie es jüngst in Frankreich erlassen wurde. Insbesondere AfD- und FDP-Anhänger, aber auch CDU-Wähler unterstützen einen solchen Vorstoß. Mehrheitlich dagegen sind nur die Grünen-Wähler.

Landkreis Gießen: Kreisverwaltung gendert bewusst

In den Duden wurde der Genderstern noch nicht aufgenommen, aber es finden sich Hinweise zum gendergerechten Sprachgebrauch. Zudem werden die Einträge zu femininen Formen, die vorher lediglich Verweise waren, zu Vollartikeln ausgebaut und die einstigen Referenzartikel als explizit männlich definiert. Kritiker sehen darin eine Sprachmanipulation, die Duden-Redaktion betont hingegen, Änderungen der Sprache lediglich abzubilden.

Bewusst gegendert wird im Kreishaus. Dort sagt man, man verfolge eine Reihe von Ansätzen, um »eine diskriminierungsfreie und verständliche Sprache« zu wählen, erklärt Landkreis-Pressesprecher Dirk Wingender. Das setzt natürlich voraus, dass das generische Maskulinum als diskriminierend bewertet wird. Wingender sagt, das Nutzen einer lebendigen Sprache und das Formulieren aktiver Sätze ermögliche in vielen Fällen, »dass gar keine geschlechtsspezifische Bezeichnung nötig ist«. Ein Text könne durchaus »durchgängig geschlechtergerecht formuliert sein, ohne dass zwingend ein einziger Stern oder Doppelpunkt dazu beitragen muss«.

Dann wird aus »nutzerfreundlich« etwa »nutzungsfreundlich«. Oder aus Studenten werden Studierende, auch wenn diese gerade eher Feiernde oder Reisende sind.

Hier erzählt eine Gießener Chefärztin, warum Sie Gendern für wichtig hält.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare