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Stelldichein der "Hippies"

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Alle reden in diesen Tagen von Woodstock - doch im Sommer 1969 zog es "die Hippies" auch in ein Dorf im Gießener Land. An einem Samstag im August gaben sich mit den Petards und den Rattles gleich zwei Hochkaräter der Beat-Szene die Klinke in die Hand - im Kirmeszelt in Albach.

Was wäre ich damals als 13-Jährige so gerne auf das Beat-Konzert nach Albach gegangen", seufzt die Frau noch heute enttäuscht und erinnert sich. "Von meinem Schlafzimmerfenster aus konnte ich die Musik hören und sah den ganzen Abend die Lichtblitze, die von der Bühne durch das Kirmeszelt in den Himmel drangen. Doch meine Eltern waren unerbittlich", beklagt die 63-Jährige, die im benachbarten Steinbach aufwuchs.

Inzwischen sind fünf Jahrzehnte vergangen, als im kleinen Ort Albach großer Aufruhr unter der Dorfbevölkerung ausbrach. Die Burschenschaft "Blaue Jungs" als Ausrichter des jährlichen Volksfestes hatte sich für den Kirmessamstag, den 9. August 1969, etwas ganz Besonderes, völlig Neues einfallen lassen. Und war damit vermeintlich ins unheilvolle finanzielle Risiko gegangen. Für diesen Abend hatten die Albacher Burschen zwei der damals bekanntesten Beatbands in Deutschland, The Petards und The Rattles zu einem "Großen Beat-Concert" verpflichtet. Als Vorband aus den heimischen Gefilden kamen The Starfighters.

"Beat" wurde die populäre Musik in den Sechziger- und Siebzigerjahren genannt, "Beat-Club" hieß damals die kultige Fernsehsendung mit Livemusik, moderiert von Uschi Nerke.

Die Gerüchteküche kocht

Das kesse Unterfangen der Burschen hatte für großes Gerede im Dorf gesorgt. Ein gewaltiges finanzielles Fiasko wurde prophezeit. Die Eltern der Protagonisten müssten ganz bestimmt eine ihrer acht Kühe verkaufen, um die teuren Bands bezahlen zu können - so eines der Gerüchte, die wochenlang durch den Ort schwirrten.

Doch wie sich Zeitzeugen noch heute erinnern können, kam alles ganz anders. Die Eintrittskarten kosteten vier D-Mark im Vorverkauf und gingen im Umkreis von 50 Kilometern weg wie warme Semmeln. Bereits am Vorabend des Beat-Konzerts fand eine regelrechte Völkerwanderung zur Albacher Festwiese (am Ortseingang von Steinbach kommend) statt: Mehr als 100 Musikfans reisten an, zahlreiche Kleinzelte wurden aufgebaut. Viele der zumeist langhaarigen Besucher nächtigten bei hochsommerlichen Temperaturen mit Decken auch im Freien. Nicht wenige Albacher beäugten "diese Hippies" mit Besorgnis - und riesiger Neugierde. So etwas war Ende der Sechzigerjahre in dem 600-Seelen-Dorf völlig unbekannt.

Der Beat-Abend der Burschenschaftler entpuppte sich entgegen den Erwartungen der älteren dörflichen Bevölkerung als voller Erfolg in jeglicher Hinsicht. Eine begeisterte Besucherschar im vierstelligen Bereich, ein völlig friedlicher Verlauf und ein stattlicher finanzieller Überschuss führten dazu, dass es 1970 eine Neuauflage gab - diesmal mit einer groß angekündigten "non stop-psychedelic music light show" sowie einer "fashion parade", einer Modenschau der einstigen In-Boutique Babalou - damals ansässig im Rundbau am Gießener Ludwigsplatz.

Erneut waren The Petards aus Schrecksbach (Schwalm) verpflichtet worden; sie kamen auch in den Folgejahren noch mehrmals nach Albach. Zudem traten 1970 die Black Shadows und Lony and The Misfits als bekannte Bands aus dem heimischen Raum auf. In den nächsten vier Jahren gaben zahlreiche deutschlandweit bekannte Beat-Größen ihre musikalische Visitenkarte in Albach ab: Jeronimo, Kin Ping Meh, Guru Guru, Birthcontrol, Pell Mell. The Gents vervollständigten die Reihe der Bands aus dem heimischen Raum. Ein Teil des hart erarbeiteten finanziellen Überschusses wurde von den Albacher Burschen reggelmäßig bei einer mehrtägigen Reise "verbraten".

Nach insgesamt sechs Jahren, in denen die Kirmes auf fünf Tage ausgedehnt worden war - freitags bis dienstags -, war dann plötzlich Schluss: Der Hauptprotagonist hatte sein Studium beendet und ging 1974 beruflich nach Südamerika. Kurz zuvor hatte er die 1969 von ihren Eltern beim ersten Beat-Konzert "Ausgesperrte" geheiratet, um sie danach über den "Großen Teich" mitzunehmen. Die weiteren Jungs der Albacher Burschenschaft wollten keine Großveranstaltungen ohne den Kumpel stemmen, der sich nach Übersee "davongemacht" hatte. Das Ende der Albacher Beat-Konzerte bedeutete schließlich auch das unwiderrufliche Aus für die örtliche Kirmes.

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