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Wer selbst einen Stein auf Reisen schicken will, bemalt ihn am besten mit Acrylfarbe. Besonders fein werden die Motive mit entsprechenden Stiften. Auf der Rückseite findet der Entdecker einen Hinweis, fast wie beim Finden einer Flaschenpost. FOTO: ADOBESTOCK/CAGKAN/PM

Steine auf Wanderschaft

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Immer mehr kleine, bunt bemalte Steine verstecken sich überall im Landkreis. Dahinter verbirgt sich der Trend der Wandersteine. "Jeder kann mitmachen", sagt Stefanie Thomä aus Linden. Sie hat bereits über 200 Steine verziert und sucht nun Mitstreiter.

Sie liegen auf Parkbänken und Stromkästen, an Bushaltestellen und in Parks. Sie sind gut versteckt, aber nicht zu gut, denn sie sollen gefunden werden: Sogenannte Wandersteine haben ihren Weg auch in den Landkreis Gießen gefunden. Bunt bemalte Steine mit knalligen Mustern und Schnörkeln, mit kleinen Kunstwerken oder kindlichen Krakeleien. "Painted Rocks" heißen die farbenfrohen Kiesel im englischsprachigen Ausland - aus den USA soll der Trend ursprünglich stammen.

Die Idee ist simpel: Wer einen der Wandersteine findet, soll ihn mitnehmen. Einen kleinen Haken hat die Sache dann aber doch, denn der Trend spielt sich teils im Internet ab. Es ist fast wie mit dem Finden einer Flaschenpost: Der Absender wünscht eine Nachricht vom Zufallsempfänger, nur erfolgt diese mittels der Vorteile der sozialen Medien. Verschiedene regionale Wanderstein-Facebook-Gruppen sprießen derzeit wie Pilze aus dem Boden. Dort soll der Finder ein Foto vom gefundenen Stein mit dem Hinweis auf den Fundort posten. Im besten Fall wird er anschließend erneut versteckt.

"MHSteine" beziehungsweise "MittelhessenSteine" heißt die Gruppe auf Facebook, in der Menschen aus dem Landkreis Gleichgesinnte finden. Sie existiert seit Ende Juli 2019 und zählt aktuell fast 1000 Mitglieder. Eines davon, und dazu ein sehr aktives, ist Stefanie Thomä. Die 44-Jährige aus Linden trat der Gruppe Mitte des vergangenen Jahres bei. "Zum ersten Mal habe ich davon im Urlaub auf Borkum gehört", sagt Thomä. Im Norden Deutschlands sei der Trend zuerst übergeschwappt, "Küstensteine" ist heute eine der größten Facebook-Gruppe und hat über 30 000 Mitglieder. Dort wurde auch Thomä Mitglied, nachdem sie ihren ersten Stein gefunden hatte. "Das war mehr eine Kritzelei", sagt sie und lacht, "ich habe zuerst gar nicht wahrgenommen, dass es so ein Wanderstein ist." Thomä entdeckte dann jedoch den Facebook-Hinweis auf der Rückseite des Steines und veröffentlichte ein Bild in dem sozialen Netzwerk. Wie sich herausstellte, war es das Werk eines Fünfjährigen. "Die Mutter hat sich gemeldet und meinte, dass sich ihr Sohn riesig gefreut hätte", erzählt die Lindenerin. Das ist vielleicht auch eines der schönsten Dinge am Trend, jeder kann mitmachen. "Es geht nicht darum, große Kunstwerke zu malen", erzählt Thomä, "sondern einem Menschen, den man gar nicht kennt, eine Freude zu machen. Jeder Stein ist schön!"

Auf die Rückseiten eines jeden ihrer Steine schreibt die 44-Jährige immer wieder dieselben Worte: "Finden, freuen, posten". Sie schätzt, dass sie schon über 200 davon auf die Reise geschickt hat. "Es hat einen kleinen Suchtfaktor", gesteht sie, "es macht einfach unheimlich viel Spaß." Früher, so sagt sie, sei sie gar kein kreativer Typ gewesen. Schon in der Schule nicht. Jetzt sei das Bemalen ein richtiges Hobby für sie. "Das Schöne ist ja, dass man es einfach so zwischendurch machen kann." Ihre Lieblingsmotive sind Tiere und Landschaften, auch Sinnsprüche findet sie gut. Oft biete sich schon die natürliche Form des Steines für ein Motiv an. "Mir kommt bei den meisten Steinen gleich eine Idee, was drauf könnte."

Allein für Hessen gibt es über 50 verschiedene Wanderstein-Gruppen auf Facebook. Der Trend scheint angekommen zu sein. Und doch: "Die Aktivität hier in der Region hält sich noch in Grenzen", sagt Thomä. Nur acht ihrer Steine seien bisher gefunden worden. "Viele kennen das ja noch gar nicht oder haben keinen Facebook-Account", sagt Thomä. Manche würden darum einfach an den Steinen vorbeigehen oder sich nicht trauen, diese mitzunehmen. Auch das hätte sie schon beobachtet.

Dazu käme, dass Mittelhessen als Region sehr weit gefasst sei. Im Landkreis Gießen sei sie eine der wenigen, die malen und verstecken. "Ich hoffe, dass sich das noch etwas verbreitet", sagt sie und fügt lachend hinzu: "Dann könnte ich auch mal einen Stein finden."

Warum jetzt und warum dieser Trend? Wer sich die vielen Beiträge in der Gruppe "MittelhessenSteine" durchliest, bekommt ein Gespür dafür. Die Mitglieder freuen sich über jeden noch so kleinen, bunten Fund.

Teils treffen sie sich zum gemeinsamen Malen oder fertigen in der Familie die farbenfrohen Steine. Eine simple Idee, die Menschen zusammenbringt. Sie weg von Bildschirmen und raus ins Freie bewegt. Thomä hat noch eine Theorie: "Ich glaube, der Trend schärft den Blick für die kleinen Alltagsfreuden."

,,Es geht nicht darum, große Kunstwerke zu malen, sondern einem Menschen, den man gar nicht kennt, eine Freude zu machen.

,,Ich glaube, der Trend schärft den Blick für die kleinen Alltagsfreuden.

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