Arbeitsmarkt

Steigt die Arbeitslosen-Quote im Kreis Gießen?

  • vonLena Karber
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Mehrere Monate in Folge hat die Arbeitslosigkeit im Kreis Gießen zugenommen. Überraschende Nachrichten gibt es jedoch vom Ausbildungsmarkt.

Arm ist, wer keine Arbeit hat - das gilt in der heutigen Zeit immer weniger. Während im Jahr 2005 in Deutschland einer von 20 Beschäftigten als armutsgefährdet galt, war es 2018 bereits einer von zehn. Trotzdem ist Arbeitslosigkeit in Deutschland noch immer Armutsrisiko Nummer eins und somit ein Faktor, der gerade vor dem Hintergrund der Corona-Krise von Interesse ist. Wird die angespannte wirtschaftliche Lage dazu führen, dass immer mehr Menschen keinen Job haben?

Auf den ersten Blick boten die Zahlen zuletzt wenig Grund für Optimismus. Im Bezirk der Agentur für Arbeit Gießen war die Arbeitslosigkeit in den vergangenen fünf Monaten gestiegen - und das, wie Pressesprecher Johannes Paul erklärt, obwohl darunter Monate waren in denen "tendenziell eine rückläufige Arbeitslosigkeit für die Jahreszeit üblich sei". Nun gibt es jedoch gute Nachrichten: Im September habe sich die Lage etwas entspannt, heißt es im jüngst veröffentlichten Arbeitsmarktbericht der Gießener Agentur für Arbeit.

Corona: Ausbildungsmarkt leidet kaum

Auch für Schulabgänger und Berufseinsteiger ist die Situation aktuell wohl nicht so dramatisch, wie vielfach befürchtet. Wie Paul im Gespräch mit dieser Zeitung berichtete, seien Reisebüros und Hotels durch die Pandemie zwar stark gebeutelt, doch insgesamt habe sich die Gesamtzahl der Ausbildungsstellen kaum verringert. "Abgesehen von diesen zwei Branchen merken wir das Corona-Jahr auf dem Ausbildungsmarkt nicht."

Aktuell ist es laut Paul jedoch schwer abzusehen, wie sich der Arbeitsmarkt weiter entwickelt. Wie viele Betriebe Insolvenz anmelden müssen und welche dauerhaften Folgen drohen, sei unklar. "Corona macht es unmöglich, eine Prognose abzugeben."

Entwicklung war jahrelang positiv

Ein Blick auf die Daten der vergangenen Jahre zeigt, dass die Arbeitslosenquote in Deutschland vor der Pandemie über Jahre gesunken war. So zählte Arbeitslosigkeit seit den 1980er Jahren zu den großen sozialen Problemen und erreichte 2005 nach stetigem Anstieg eine Quote von 11,7 Prozent. Danach entspannte sich die Lage, allen Staats- und Bankenkrisen zum Trotz. Ende 2019 lag die bundesweite Arbeitslosenquote bei 5 Prozent (5,2 bei den Männern und bei 4,7 bei den Frauen). Die Werte im Kreis Gießen waren ähnlich: Die Männerarbeitslosenquote lag 0,6 Prozentpunkte höher, die der Frauen entsprach exakt den Ergebnissen der bundesweiten Erhebung.

Leichter Anstieg der Arbeitslosigkeit 2019

Allerdings fällt beim Blick auf die Zahlen von 2019 eine Abweichung zum Bundestrend auf: Während die gesamtdeutsche Arbeitslosenquote von 2018 zu 2019 von 5,2 Prozent auf 5 Prozent sank, stagnierte die Quote der Männerarbeitslosigkeit hierzulande. Bei den Frauen gab es sogar einen leichten Anstieg. Ist das ein Grund zur Beunruhigung?

Paul verneint das. Der Pressesprecher des Arbeitsamtes sieht in dieser Abweichung keine Trendwende. Wenn man die nominalen Zahlen betrachte, seien nur knapp 100 Frauen mehr arbeitslos gemeldet gewesen als im Jahr 2018, sagt er. Schon die Insolvenz einer einzigen Firma könnte Schwankungen in diesem Größenbereich auslösen,. "Als Schlecker damals schließen musste, waren in Gießen zum Beispiel gleich etwa 2000 Frauen mehr arbeitslos gemeldet."

Melden sich mehr Frauen arbeitslos?

Paul hat noch einen anderen möglichen Erklärungsansatz parat: Beauftragte für Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt würden in Gießen aktiv Personen, die längere Zeit einer Pflegetätigkeit nachgegangen sind oder aus einer Erziehungspause kommen, anwerben und sie dazu ermuntern, sich arbeitslos zu melden. Nur weil ihre Ansprüche auf Arbeitslosengeld erloschen seien, würden viele nämlich von diesem Schritt absehen. "Das ist jedoch falsch", betont Paul im Hinblick auf dadurch entstehende Nachteile bei der Arbeitssuche. Mit verschiedenen Formaten versuche man daher, diese Personen - in der Regel Frauen - dazu zu ermutigen, sich arbeitsslos zu melden. "Die der Anstieg der Frauenarbeitslosenquote könnte also durchaus durch dieses Einwerben bedingt sein", erklärt er. Insofern sieht Paul den Trend der sinkenden Arbeitslosenzahlen durch die Abweichungen im Jahr 2019 im Kreis Gießen nicht unterbrochen.

"Im langfristigen Verlauf sehen wir einen kontinuierlichen Rückgang", sagt Paul. So sank die Arbeitslosenquote im Kreis Gießen zwischen 2014 und 2018 bei den Männern um 1,3 und bei den Frauen um 1,8 Prozentpunkte. Die Auswirkungen von Corona stehen jedoch noch in den Sternen.

Mitarbeit: ZDS

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