In der Zeit der Corona-Krise war die Leitung des Gesundheitsamts bisher vakant. Zum 1. Januar soll die Stelle nun besetzt werden. FOTOS: SRS
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In der Zeit der Corona-Krise war die Leitung des Gesundheitsamts bisher vakant. Zum 1. Januar soll die Stelle nun besetzt werden. FOTOS: SRS

Interview zu Corona-Fallzahlen

Steigende Corona-Fallzahlen im Kreis Gießen: "Ein importiertes Problem"

  • vonStefan Schaal
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Die Zahl der aktiven Corona-Fälle im Kreis hat sich seit Anfang August mehr als verdoppelt. Es bleibt dennoch ein moderater Anstieg. "Die Frage aber ist, wie sich die Zahlen weiter entwickeln", sagt Dr. Anja Hauri, die Leiterin des Fachdienstes Hygiene im Gesundheitsamt. Gemeinsam mit Landrätin Anita Schneider ordnet sie die Lage im Kreis ein.

Im Kreisgebiet gibt es aktuell 32 aktive Fälle, Anfang des Monats waren es noch 13. Wie schätzen Sie diesen Anstieg ein?

Dr. Anja Hauri: Überwiegend handelt es sich bei den Infizierten um Menschen, die aus Urlaubsländern zurückkehren oder ihren direkten Kontaktpersonen. Das heißt, im Kreis selbst haben wir keine langen Infektionsketten. Fraglich ist, wie viele der infizierten Reiserückkehrer wir tatsächlich identifizieren und erfassen. Da besteht eine Unsicherheit. Noch aber ist es vor allem ein importiertes Problem. Es gibt im Kreis keine anhaltende Übertragungsketten. Wir hoffen, dass das so bleibt.

Alarmierend ist der Anstieg also nicht?

Hauri: Na ja, was heißt alarmierend? Die Frage ist, wie sich die Zahlen weiter entwickeln. Wir sind sehr froh, dass der Bundesgesundheitsminister geregelt hat, dass sich Reiserückkehrer aus Risikogebieten beim Gesundheitsamt melden müssen.

Anita Schneider: Das war auch eine unserer Forderungen in einem Fachgespräch mit Gesundheitsminister Kai Klose. Vor allem wegen dieser Meldungen und Fragen von Reiserückkehrern glüht derzeit unsere Hotline. Wir werden darauf reagieren.

Inwiefern?

Schneider: Wir wollen ein Meldesystem per Internet aufbauen. Reiserückkehrer könnten sich online melden, ihre Daten hinterlassen und erhalten sofort eine Reaktion, sie werden dann in einem Schreiben über weitere Schritte informiert.

Wann soll dieses Meldesystem per Internet kommen?

Schneider: Die IT der Kreisverwaltung ist beauftragt, ein solches System zu entwickeln oder einzukaufen. Wir hoffen, dass das so schnell wie möglich eingerichtet wird.

Aus welchen Ländern kommen die meisten infizierten Reiserückkehrer?

Hauri: Die beiden am häufigsten genannten Länder sind Kroatien und die Türkei.

Gibt es im Kreis Schwerpunkte, was die Corona-Infektionen angeht?

Hauri:Wir wissen, wie viele Menschen an welchen Orten infiziert sind. Aber es handelt sich um Einzelfälle. Es gibt keine regionalen Schwerpunkte. Weil es sich vor allem um Reiserückkehrer handelt und nicht um Übertragungen innerhalb der Kreisbevölkerung, ist die Frage nach Schwerpunkten für uns auch momentan nicht relevant.

Ab welcher Zahl von aktiven Fällen wäre die Situation denn kritisch?

Hauri: In den kommenden Wochen wird sich zeigen, wie die Situation an den Schulen unter anderem mit Kindern ist, die aus Urlauben in Risikogebieten zurück kommen. Die Situation ist kritisch, weil offen ist, wie es weiter geht.

Ab wann würde man sich Sorgen machen?

Schneider: Es gibt ja ein Eindämmungskonzept des Landes Hessen, das fünf farblich markierte Stufen hat, von grün bis dunkelrot.

Auf den Kreis umgerechnet mit 240 000 Einwohnern müssten sich demnach für die zweite Eskalationsstufe 54 Menschen in einer Woche infizieren.

Schneider: Wir sind im grünen Bereich abgebildet. Und noch weit von Stufe 2 entfernt. Das hilft vielleicht bei der Einordnung, wo wir uns derzeit bewegen.

Inwiefern wäre der Landkreis auf eine Eskalationsstufe 2 gewappnet?

Schneider: Wir haben uns in den vergangenen Monaten auch der Aufstellung des Personals gewidmet. Es gibt einen Nachtragshaushalt, der sich hauptsächlich mit den Stellen des Gesundheitsamts beschäftigt. Derzeit laufen Vorstellungsgespräche für einen Epidemologen. Im Fachdienst Hygiene haben wir zukünftig 30 Mitarbeiter, wir haben mit 9,75 Stellen angefangen, da sieht man die Entwicklung der vergangenen Monate.

Unbesetzt bleibt allerdings weiter die Leitung des Gesundheitsamts.

Schneider: Das wird sich bald ändern. Derzeit laufen sehr hoffnungsvolle Gespräche. Wir gehen davon aus, dass wir den Posten des Leiters des Gesundheitsamts zum 1. Januar 2021 besetzen können.

Inwiefern war die Arbeit des Gesundheitsamts durch die Vakanz eingeschränkt?

Hauri: Dr. Jörg Bremer war ja als erfahrener Amtsarzt bis Ende Juni beratend tätig. Außerdem gibt es eine Kooperationsvertrag mit dem Gesundheitsamt des Main-Kinzig-Kreises.

War die Arbeit im Gesundheitsamt durch die Vakanz erschwert?

Hauri: Es fehlt an Manpower. Im Hygienebereich hatten wir bisher nur zwei Arztstellen, da mangelt es an einem erfahrenen Amtsleiter, der voll ausgebildet ist und die Gegebenheiten im Kreis kennt.

Warum verläuft die Suche nach einem neuen Leiter so schwierig?

Schneider: Das Kreisgebiet ist ein Standort mit mehreren Krankenhäusern und Kliniken, in diesen Häusern ist die Anstellung in der Regel finanziell reizvoller. Die Kreisverwaltung verfolgt inzwischen aber auch das Ziel, zukünftig Fachärzte und somit auch leitende Mitarbeiter im Gesundheitsamt selbst auszubilden. Eine solche Stelle zur Ausbildung ist bereits ausgeschrieben.

Im landesweiten Vergleich ist die Zahl der Corona-Infektionen im Kreis auffällig niedrig. Warum?

Hauri: Für Infektionen können auch zufällige Ereignisse sorgen. Diese wiederum sind abhängig von den örtlichen Besonderheiten. Ein Grund zum Beispiel mag sein, dass wir im Kreisgebiet keinen großen fleischverarbeitenden Betrieb haben. Wie die Landrätin kürzlich betont hat, ist das aber auch das Ergebnis guter Arbeit im Gesundheitsamt. Es gelingt uns bisher relativ schnell, bei Ansteckungen die Kontakte der Infizierten zurückzuverfolgen offen zu legen und zu handeln und so Infektionsketten frühzeitig zu unterbrechen.

Ist es richtig, dass das Corona-Virus bisher nur in einem der Pflegeheime im Kreis, in Wißmar, aufgetreten ist?

Hauri: Das ist richtig. Da können wir froh sein. Wir führen mit Pflegeheimen zweiwöchentliche Telefonkonferenzen. Bei der Aufnahme neuer Bewohner in Seniorenzentren gibt es im Vorfeld zwei Tests und eine Quarantäne-Zeit zuhause. Die enge Vernetzung von Gesundheitsamt, Pflegeheimen und Krankenhäusern macht sich bezahlt.

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