Das Immelmann-Denkmal nahe der Burg Staufenberg wurde 1965 errichtet. Mehrfach diente es als Treffpunkt von Neonazis.
+
Das Immelmann-Denkmal nahe der Burg Staufenberg wurde 1965 errichtet. Mehrfach diente es als Treffpunkt von Neonazis.

Von den Nationalsozialisten vereinnahmt

Umstrittenes Denkmal in Staufenberg: Immelmann-Stele erinnert an Nazi-Idol

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
    schließen

Die Immelmann-Stele in Staufenberg hat schon mehrfach für politische Auseinandersetzungen gesorgt. Denn das Denkmal erinnert an einen Weltkriegshelden, der von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde.

Staufenberg – In Ostpolen, gar nicht weit von der Grenze zu Litauen, steht eines der Führerhauptquartiere. Von dort, von der sogenannten Wolfsschanze aus, organisierte Adolf Hitler im Zweiten Weltkrieg zu Teilen seinen mörderischen Feldzug im Osten. Anfang 1945 versuchten die Nazis, die riesige Anlage mit Büros, Kasernen, Kino und Bunkern zu sprengen. Bis heute stehen die Trümmerreste im Rastenburger Wald in Masuren. Und locken Touristen an. Bis zu 200 000 jedes Jahr. Junge, Alte, Geschichtsinteressierte, Ewiggestrige.

Sie kommen aus unterschiedlichsten Beweggründen. Vielleicht um den Versuch zu unternehmen, das Grauen des Krieges durch Anschauung nachzuvollziehen. Vielleicht, weil es einen makabren Reiz auslöst, am gleichen Ort zu sein wie der »GröFaZ« anno 1944. Immerhin: Das langsam verfallende Denkmal in den ostpolnischen Wäldern lädt zur Auseinandersetzung mit einem der düstersten Kapitel deutscher Geschichte ein.

Weltkriegsheld und Nazi-Vorbild: Max Immelmann war Jagdflieger im Ersten Weltkrieg

Eine Bedeutung, die der Immelmann-Stele nahe der Staufenberger Oberburg seit Jahren nicht mehr zuteil zu werden scheint. Es ist still geworden um das einst umstrittene Denkmal, das 1965 von der Traditionsgemeinschaft des Sturzkampfgeschwaders 2 »Immelmann« initiiert wurde. Max Immelmann war einer der bekanntesten Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Nach ihm sind bis heute unter anderem zwei Bundeswehr-Kasernen benannt. Doch auch die Nationalsozialisten vereinnahmten den Weltkriegshelden für sich, der 1916 in einem Luftgefecht starb: Mit eben jener Namensverleihung an das Sturzkampfgeschwader 2 der Luftwaffe.

Ursprünglich trug die Stele zwei nachgebildete Sturzkampfbomber. Doch diese Teile wurden 1981 demontiert und sind seitdem verschwunden.

Wiederholt trafen sich in den 1980er Jahren Neonazi-Gruppen am Denkmal nahe der Burg Staufenberg. In der Stadt gab es damals erste Überlegungen, die Säule zu entfernen. Doch die Traditionsgemeinschaft lehnte dies seinerzeit ab. In den 1990er -Jahren sorgte die Stele erneut für eine größere politische Debatte in der Staufenberger Kommunalpolitik. Abriss oder Erhalt? Das war weiterhin die Frage.

Die Argumentationslinien seinerzeit: Werde die Säule abgerissen, könne vielleicht ein »falsches Signal« gesetzt werden. Andererseits: »Werde das Denkmal in seinem derzeitigen Zustand erhalten, bestehe die Möglichkeit, es zum Anlass für einen Prozess der ständigen aktiven Auseinandersetzung mit Irrungen und Wirrungen zu nehmen«, berichtete die »Gießener Allgemeine« seinerzeit von der Debatte, die auch über Staufenberg hinaus strahlte.

Immelmann-Stelle in Staufenberg: Zeugnis der Zeitgeschichte oder nationalistische Heldenverehrung?

Der SPD-Kommunalpolitiker und Lokalhistoriker Volker Hess plädierte für die Beibehaltung des jetzigen Zustands: Verfallenes als Symbol für den Verfall der damit verbundenen bzw. der dahinter verborgenen vermeintlichen Ziele.

Letztlich beschloss die Stadtverordnetenversammlung in Staufenberg mit breiter Mehrheit bei wenigen Gegenstimmen respektive Enthaltungen aus den Reihen von SPD und Grünen im Jahr 2000: Das Denkmal bleibt.

Die Begründung: »Das Immelmann-Denkmal auf der Burg Staufenberg bleibt als Zeugnis der Zeitgeschichte bestehen, um eine aktive Auseinandersetzung mit den Inhalten und Folgen des verbrecherischen Nazi-Regimes und seiner falsch verstandenen Heldenverehrung zu ermöglichen.«

Der Torso also steht bis heute. Ein Kollege schrieb vor wenigen Jahren in einem Beitrag dazu von einem »riesigen Phallus«. Und weiter: »Völlig überdimensioniert und in der Wahl der Worte pathetisch und kitschig: ›Opfermut überwindet den Tod‹.«

Mit oder ohne »Stukas«, überdimensioniert oder einfach nur monumental - die zentrale Frage stellt sich unverändert: Nämlich ob ein solches Denkmal, das von Soldaten oder Angehörigen zur Erinnerung an Kameraden gesetzt wurde, kriegsverherrlichend ist, ob es einer (rückwärtsgewandten) Erinnerung dient - oder aber ob es durch eine neue Deutung respektive eine kritische Würdigung eine Existenzberechtigung hat.

Immelmann-Stele hat Bezug zum „Dritten Reich“: Kritischer Umgang mit Denkmal gefordert

Nicht missverstehen: Die »Immelmann«-Stele soll und darf bei all diesen Überlegungen nicht mit der »Wolfsschanze« gleichgesetzt werden. Denn sie ist zu einem späteren Zeitpunkt in einem anderen Kontext und aus anderem Anlass errichtet worden.

Beiden Orten der Erinnerung ist jedoch die Bezugsgröße »Drittes Reich« gemein. Und bis heute von Relevanz: Die Frage nach Funktion und Bedeutung für die Menschen. Anders formuliert: Was will und was kann uns das Denkmal heute noch sagen?

Die Debatte ist in der jüngeren Vergangenheit am Beispiel der »Immelmann«-Stele« zweimal noch aufgegriffen worden: Zum einen als Themenseite in dieser Zeitung, zum anderen im Rahmen der Ausstellung »absence and loss« über mahnende Kunst in der Kreisvolkshochschule in Lich im Jahr 2017. Anstöße, sich mit Denkmalen kritisch auseinanderzusetzen, auch jenem in Staufenberg,

Es bedürfe der Kommunikation und der Befassung mit einem Denkmal und seiner Botschaft, damit es funktioniert, sagte in Lich seinerzeit der Kultursoziologe Christian Steuerwald von der Universität Bielefeld. Diese Kommunikation gelinge nicht immer zuverlässig; heute vielleicht gar weniger als früher, so seine Einschätzung.

Aber die Chance ist da. So lange ein Denkmal als Teil unserer Erinnerungskultur vorhanden ist, so lange besteht zugleich die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit seinem Inhalt, seiner Botschaft. Um diese einzuordnen, um zu erklären. Um zu verstehen. Im Idealfall, um daraus für Gegenwart und Zukunft zu lernen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare