Das Werk laufe profitabel sagt Betriebsrat Schwarz (r.). Wenn die Geschäftsführung wirtschaftliche Gründe anführe, "dann ist das nicht die Wahrheit". FOTO: SRS
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Das Werk laufe profitabel sagt Betriebsrat Schwarz (r.). Wenn die Geschäftsführung wirtschaftliche Gründe anführe, "dann ist das nicht die Wahrheit". FOTO: SRS

Vorwurf der "Lüge" gegen Vorstand

"Schamott" in Mainzlar soll geschlossen werden: So kämpfen die 130 Mitarbeiter um ihren Job

  • vonStefan Schaal
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Die Beschäftigten des Werks von RHI Magnesita in Mainzlar kämpfen um ihre Arbeitsplätze. Am Freitag haben 80 Mitarbeiter gegen die Schließung des Werks demonstriert. Mitglieder des Betriebsrats und Gewerkschaftler werfen dem Vorstand Rücksichtslosigkeit und die Verbreitung von "Fake News" vor. Die deutlichsten Worte fand Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller.

Tränen fließen über Adrian Kotts Gesicht. Er und sein Sohn Damian stehen vor dem Betriebsgelände der "Schamott" in Mainzlar inmitten einer Demonstration. Kollegen drehen Rasseln und heben Transparente in die Höhe, Gewerkschaftler rufen zum Arbeitskampf auf. "Wenn ich das Werk betrete, fühlt sich das jedes Mal an, als würde ich nach Hause kommen", sagt der 32 Jahre alte Damian Kott. "Es ist wie Familie." Nun aber stehe die berufliche Existenz vor dem Aus.

Er und sein Vater arbeiten wie 130 Kollegen für RHI Magnesita in Mainzlar. Die ehemaligen Didier-Werke sollen allerdings nach mehr als 110 Jahren für immer geschlossen werden. Ärger und Wut, das macht die Demonstration am Freitagmorgen deutlich, rufen vor allem die Argumente der Geschäftsführung hervor. Damian Kott hält ein Schild aus Pappe in seinen Händen. "Auf der Suche nach Profit", steht darauf geschrieben, "macht der Vorstand alles mit".

Die Geschäftsführung äußert sich öffentlich sehr wortkarg zu den Schließungsplänen. Zur Bewältigung der Corona-Krise und zur Milderung künftiger schwerwiegender Auswirkungen "müssen auch in unserem Werk in Mainzlar Maßnahmen ergriffen werden", heißt es erneut in einer Stellungnahme einer Unternehmenssprecherin am Freitag.

Michael Schwarz, der Vorsitzende des Betriebsrats, widerspricht diesen Aussagen. Das Werk in Mainzlar laufe profitabel, betont er. Wenn sich die Geschäftsführung auf wirtschaftliche Gründe berufe, "dann ist das nicht die Wahrheit", ruft er ins Mikrofon.

Deutlicher wird in seiner Wortwahl kurz darauf Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller. Er wirft dem Vorstand des Unternehmens "Lügen" vor. Er wisse, dass der Betrieb in Mainzlar "fantastische" Gewinne erziele. Das Werk sei mit Abstand der größte Gewerbesteuerzahler in Staufenberg. "Ohne beträchtlichen Gewinn würde die Gewerbesteuer nicht so hoch ausfallen."

Konkrete Zahlen darf der Bürgermeister freilich nicht nennen. Die geplante Werksschließung sei aber einzig auf sogenannte "strategische Gründe" zurückzuführen, betont er, die Produktion feuerfester Steine solle wohl zukünftig nach Brasilien, China und innerhalb Europas nach Österreich verlegt werden. 130 Arbeitsplätze seien gefährdet, "nur weil ein paar Schlauberger der Konzernzentrale in Wien meinen, über euer Leben zu bestimmen", ruft Gefeller den Demonstranten zu. "Das ist beschämend." Er hoffe, dass die Geschäftsführung zu einem Umdenken kommt. Er könne sich Staufenberg und Mainzlar ohne die traditionsreiche "Schamott" nicht vorstellen.

Während die Demonstranten laut über weitere Schritte nachdenken, verhandeln drinnen Betriebsrat Schwarz und Mitglieder des Vorstands über einen Interessensausgleich. Im September wurde einer von zwei Tunnelöfen des Werks heruntergefahren. Ein Konzept des Betriebsrats, wie das Werk weitergeführt werden könnte, sei von der Geschäftsführung bislang "eher desinteressiert" aufgenommen worden, sagt Schwarz.

Draußen hält kurz hinter dem Bahnübergang an der Didierstraße ein junger Mann ein Plakat. "Damit der Aktionär laut lacht, wird dieses Werk bald dicht gemacht", heißt es darauf. Vor wenigen Wochen hätte er eigentlich eine Ausbildung zum Industriekeramiker bei RHI in Mainzlar begonnen, berichtet René. Dann sei ihm noch vor Antritt der Lehre gekündigt worden. "Ohne Nennung eines Grunds", sagt er.

Es gehe um mehr als um die langjährige Tradition der früheren Didier-Werke, sagt hinter ihm Alexander Wiesbach von der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). Es gehe um die Zukunft der Mitarbeiter in einem für die Region bedeutsamen Werk. Der Verweis der Geschäftsführung auf die Pandemie sei abwegig. "Das Werk produziert vor allem für die Glas- und Zementindustrie, die ist von Corona kaum betroffen." Wiesbach fügt hinzu: "Wir können zwischen Fake News und der Realität unterscheiden." RHI Magnesita sei ein "rücksichtsloser und von Zahlen getriebener Konzern". Wenigstens die Hälfte der Arbeitsplätze in Mainzlar müsste zu erhalten sein.

Immer schärfer werden die Vorwürfe gegen den Vorstand des Werks. Gelingendes Leben würde durch eine Schließung verhindert, sagt der Staufenberger Pfarrer Traugott Stein während der Kundgebung. "Ja, das ist Sünde." Die Demo sei nur der Anfang, erklärt Gewerkschaftssekretär Wiesbach. Die Geschäftsführung solle mit "weiteren Eskalationsstufen" rechnen. Mitarbeiter stehen ratlos am Rand der Demo. "Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll", sagt Alfred Langner, der seit 40 Jahren in dem Betrieb arbeitet. Die geplante Schließung sei ohne Sinn und ohne Grund.

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