Das Areal der RHI Magnesita, früher Didier-Werke, am Rande von Mainzlar.
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Das Areal der RHI Magnesita, früher Didier-Werke, am Rande von Mainzlar.

Alarmstimmung in Staufenberg

Landkreis Gießen: Großer Arbeitgeber vor dem Aus - Zahlreiche Stellen in Gefahr

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Droht Staufenberg, einen der größten industriellen Arbeitgeber zu verlieren? Es gibt bedenkliche Signale aus dem Unternehmen RHI Magnesita. Bürgermeister Gefeller gibt sich dennoch kämpferisch. Ministerpräsident Bouffier und Kanzleramtsminister Braun sind eingeschaltet.

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie hat vor wenigen Tagen von Warnsignalen für eine Schließung des Didier-Werks, heute RHI Magnesita, berichtet. Rund 150 gut bezahlte Industriearbeitsplätze könnten schon bald vor dem Aus stehen, so die Sorge von Gewerkschaftssekretär Julian Fluder.

Gestern nun bestätigte eine Konzernsprecherin Einschnitte in Mainzlar: In der momentanen Situation, ausgelöst durch die Corona-Pandemie, sei das Auftragsvolumen massiv eingebrochen. »Zur Bewältigung der Krise und zur Milderung künftiger schwerwiegender Auswirkungen« habe man auch im Werk in Mainzlar zwei abgeschlossene Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst sowie einen Tunnelofen vorübergehend stillgelegt. Mit dem lokalen Betriebsrat sei man im Dialog, wolle sich aufgrund der laufenden Gespräche über den Standort von RHI Magnesita in Mainzlar aber nicht weiter äußern .

Was Betriebsrat und Gewerkschaft in Sorge versetzt hatte: Der langjährige Werksleiter ist freigestellt und trifft sich dem Vernehmen nach mit dem Konzern vor dem Arbeitsgericht. Einer der beiden großen Öfen zur Produktion von feuerfestem Material wird seit dem 1. September auf Weisung der Zentrale in Wien heruntergefahren.

Gefeller: "Ich kämpfe um den Verbleib des Werks in Staufenberg"

Den zwei Azubis wurde gekündigt, und zwar ohne Angabe von nennenswerten Gründen, beklagt Gewerkschafter Fluder: »Rücksichtslos ist genau das, was wir als Gewerkschaft zu diesem Verhalten sagen.« Denn ob die jungen Leute in der Pandemie noch einen Ausbildungsplatz finden konnten, sei unklar. Mit dem Betriebsrat sei nicht richtig gesprochen worden. Es sei wohl versucht worden, an den Mitarbeitern vorbei, Fakten zu schaffen, beklagt ein Beobachter.

»Ich kämpfe für den Verbleib des Werks in Staufenberg«, sagt derweil Bürgermeister Peter Gefeller. Mainzlar sei ohne RHI eigentlich nicht vorstellbar, verweist er auf die mehr als 100-jährige Tradition des Werks. Es gehe um die Menschen aus der Region, um 150 Arbeitsplätze in der Stadt und im oberen Lumdatal, die gerettet werden sollen. »Es ist ein florierendes Unternehmen. Das macht einen fast sprachlos«, bekennt ein besorgter Peter Gefeller sonst selten um ein klares Wort verlegen.

Gemeinsam mit dem Betriebsrat war Gefeller gestern bei Landrätin Anita Schneider, um die Situation zu besprechen. Sie hat zugesagt, umgehend das Gespräch mit der Konzernleitung in Wien zu suchen. Das klare Ziel: Einen Weg zu finden, um den Standort für die Belegschaft, für die Region zu erhalten.

Ministerpräsident Bouffier und Kanzleramtsminister Braun eingeschaltet

Auch Ministerpräsident Volker Bouffier und Kanzleramtsminister Helge Braun sind informiert worden, um auf die Rettung des Standortes hinzuwirken. Sie haben ebenfalls ihre Unterstützung zugesichert, berichte der lokale Betriebsratsvorsitzende Michael Schwarz. Das zeigt die Dimension des Themas. Mit dem neuen Werksleiter hat der Staufenberger Bürgermeister das Gespräch gesucht. Der habe sich jedoch »bedeckt gehalten«, sagt Gefeller.

Was für viele unverständlich ist: Warum steht der Standort zur Disposition? Denn Mainzlar schreibt schwarze Zahlen, sei ein profitabler Standort. »Das RHI einer der besten Gewerbesteuerzahler der Stadt ist, spricht dafür, dass dort gute Gewinne gemacht werden«, sagt der Bürgermeister.

Zudem ist das Werk seit vielen Jahren quasi »Auffangzentrum« innerhalb des Konzerns, wenn es darum geht, komplizierte Aufträge zu erfüllen, hat Gefeller erfahren. Nicht zuletzt ist es wohl der einzige Standort in der gesamten RHI Magnesita-Gruppe, der chromfrei produziert. Ein Alleinstellungsmerkmal im Vergleich zu anderen, weniger umweltfreundlichen Fertigungsverfahren. »Mainzlar war und ist ein profitabler Standort, der innovative Technologie entwickelt und auf den Weg bringt«, bestätigt Betriebsratsvorsitzender Schwarz. Und das, obwohl »seit mehreren Jahren nur das Notwendigste in den Standort investiert wurde, und dass auch nur auf äußeren Druck«, sagt Schwarz.

Der Betriebsrat prüft bereits erste juristische Schritte, und auch Gefeller denkt über die Möglichkeiten der Kommune nach: Etwa eine Veränderungssperre für das Industriegebiet. Mit diesem Instrument könnte Staufenberg womöglich unerwünschten Entwicklungen gegensteuern.

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