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Serie "Warum in die Ferne schweifen"

Vom roten Teppich bis zur Festnahme in Russland: Treiser Radlerduo blickt auf 36 Jahre zurück

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Seit 1984 sind sie Jahr für Jahr auf einer anderen Route durch Deutschland oder Europa geradelt. Günter Kröck und Karl Heinz Leinweber haben gemeinsam rund 40 000 Kilometer bestritten. Ein Treiser Tandem blickt zurück.

Karl Heinz Leinweber und Günter Kröck sitzen gemeinsam am Küchentisch, vor ihnen liegt eine Liste aller Staaten in Europa. Vor den meisten ist ein Häkchen gesetzt. "Ich wäre gern nach Monaco, aber ein Mitfahrer wollte damals nicht", sagt Leinweber, "da ist noch kein Haken dran". Die rund 15 Lücken zwischen all den Haken werden wohl bleiben, denn nun ist für die beiden Schluss.

Seit 1984 haben Kröck und Leinweber jeden Sommer eine Reise auf zwei Rädern gemacht. Teils mit anderen Treisern, teils und vor allem in den vergangenen Jahren nur zu zweit. "Wir sind im selben Monat geboren, sind elf Tage auseinander", sagt Kröck. "Wir haben uns gesagt: Wir sind jetzt 77, es ist auf den Fahrten nie etwas passiert - wir müssen es nicht herausfordern."

Leinweber klickt sich auf dem Laptop durch die Fotos ihrer Tour auf dem Elbe-Radweg. Dort waren sie vor Kurzem unterwegs, es war wohl die letzte große Tour der beiden. Ein Bild zeigt sie vor der Frauenkirche in Dresden, ein anderes eine Wiese voller Mohnblumen. "Blühstreifen mit Mohn - das finden Sie hier gar nicht in dem Ausmaß", sagt Leinweber. Den Blick für Details am Wegesrand hat er sich bewahrt.

Treiser Radler blicken zurück: Anfangs mit Kniebundhosen

Als sie 1984 zur ersten Reise aufgebrochen sind - zu viert, 300 Kilometer und drei Tage entlang der Lahn - ahnten sie nicht, dass sie 36 Jahre später noch immer gemeinsam radeln würden. Die Idee sei damals auf einem Schulfest entstanden, beide haben gleichaltrige Kinder. "Wir haben gesagt: Wir können doch mal eine Radtour machen - und es wurde immer mehr", blickt Kröck zurück. Damals trugen sie noch Kniebundhosen, mittlerweile sportliche Radler-Freizeitkleidung. Zwar besitzen beide auch ein E-Bike, aber auf der letzten Tour wollten sie ohne Motor fahren. An der Elbe waren sie auf Trekkingrädern mit Gepäckträgern unterwegs.

35 Fahrten, rund 40 000 gemeinsam geradelte Kilometer. Kröck und Leinweber haben auf je zwei Rädern viel erlebt. Nicht jede Episode ist noch präsent, aber manches werden sie wohl nie vergessen.

Etwa jenen Tag vor vier Jahren, als sie in Russland festgenommen wurden. 1112 Kilometer haben sie damals von Finnland bis Estland zurückgelegt, das hat Leinweber wie jedes Jahr akkurat notiert. "Eine tolle Tour", sagt Kröck und schwärmt von St. Petersburg.

Wie immer hatte der passionierte Fotograf Leinweber seine Kamera dabei. Bei Sosnowy Bor erblickten sie drei Atomkraftwerke und in der Nähe Fernwärmeleitungen mit maroder Isolierung. Leinweber gefiel das Motiv, er drückte auf den Auslöser. "Dann kam eine Frau in Uniform und sagte ›Stop!‹", erinnert er sich. "Der Staatssicherheitsdienst kam mit vier Wagen, wir mussten mit auf die Wache." Offenbar hatte er unbewusst ein Staatsgeheimnis abgelichtet.

Treiser Radler blicken zurück: Versehentlich im Sperrgebiet

Mit einem Dolmetscher hätten sie sich dann auf Englisch verständigen können. Sie waren anscheinend durch ein Areal geradelt, das für Touristen eigentlich Sperrgebiet ist. "Wir haben die Hinweise wohl übersehen", sagt Leinweber. "Nach drei Stunden konnten wir wieder weg - aber sie waren freundlich." Er zückt ein Dokument mit Amtssiegel auf Russisch, das sie damals unterschrieben haben. "Das ist nichts Wildes", kommentiert Leinweber trocken. Die beiden Treiser scheinen sich auch nicht mehr so ganz sicher, was genau sie damals signiert haben.

Er habe sich angesichts der Uniformierten vor allem um seine Kamera gesorgt, erzählt Leinweber. "Ich dachte schon: Was machen die damit? Ich musste das Foto von der Leitung löschen. Wir sind dann erstmal zum Kiosk und haben Luft geholt." Und endlich durften sie wieder radeln. Damals, auf der 31. gemeinsamen Tour.

Während Leinweber sich weiter durch die Fotos der Tour entlang der Elbe klickt, plaudern die beiden fast beiläufig, aber voller Begeisterung über vergangene Episoden ihrer Radlerfreundschaft. Über den Tag, als sie, mit Plastiktüten als Regenschutz über den Füßen, Schloss Neuschwanstein besichtigen wollten. Als sie in Cannes über den roten Teppich gelaufen sind. Der sonnige Tag auf Capri. Eine anstrengende Tour auf Korsika, die sie sich heute nicht mehr zutrauen würden. Kröck berichtet von der Fahrt 1993, als beide 50 geworden sind, "da hatte ich sieben mal einen Platten, das ging schon hinter Nordeck los". Dann spricht er über Einschusslöcher aus dem Krieg im früheren Jugoslawien. Nicht selten haben die Treiser auf zwei Rädern die Weltgeschichte gestreift. Etwa 1990, als sie im Jahr der deutschen Wiedervereinigung bis nach Ungarn geradelt sind.

Treiser Radler blicken zurück: In 36 Jahren immer ein Bett gefunden

Museen lassen sie meist links liegen. "Dazu haben wir dann doch zu wenig Zeit", sagt Kröck. Manchmal sind die Tagesetappen eng getaktet. "Wir gehen mittags so gegen halb eins in ein Geschäft und holen uns was, ein Brötchen und eine kalte Cola, dann machen wir kurz Rast." Um eine Unterkunft für die Nacht kümmern sie sich im Voraus. Manchmal war es knapp, erzählt Leinweber, "aber in all den Jahren haben wir immer ein Bett gefunden". Und wenn die Tagesetappe nicht allzu anstrengend war, vertreten sie sich abends noch mal die Beine, kehren noch irgendwo auf ein Bier ein. Leinweber zeigt ein Foto, das beide bei einer Rast an der Elbe zeigt. "Das Weizenbier für zwei Euro, wo gibts denn das?"

Leinweber zückt eine Schneekugel aus Riga. "Das war einige Jahre eine Marotte, die habe ich immer mal mitgenommen." Erinnerungen an die Touren sammelt er in seinem Reisearchiv im Keller: Flaggen von Ländern, in denen sie waren, Offiziersmützen aus Osteuropa - und ein Tisch voller Ordner mit Dokumenten und Fotos.

Was braucht es, damit man sich auf Touren zu zweit nicht in die Haare kriegt? "Man muss sich schon verstehen. Man muss auch mal fünf gerade sein lassen. Sonst hätten wir es nicht so lange gemacht", sagt Leinweber mit Gelassenheit in der Stimme. "Man muss auch mal tolerant sein. Wenn es regnet und der eine sagt, wir müssen mal anhalten, dann machen wir das so." Aufeinander zu hören, ist ihnen wichtig. "Ich mache schon manchmal Druck und sage: ›Karl Heinz, wir müssen jetzt weiter.‹ Ich gucke dann immer mal auf die Karte, während er fotografiert", sagt Kröck und lächelt. Da braucht es manchmal Geduld. "Wenn ich schöne Blumen sehe, bleibe ich stehen", ergänzt Leinweber.

Treiser Radler blicken zurück: Abbruch auf der "Romantischen Straße"

Neben der Liste beradelter Staaten liegt auf dem Küchentisch noch eine weitere, darauf sind alle Fahrten samt Teilnehmern notiert. Ein Eintrag fällt auf: "1986, Romantische Straße, Garmisch-Partenkirchen (Abbruch)." Was war da los? "Da fing es an zu regnen", sagt Kröck, "zu zweit wären wir vielleicht weiter gefahren". Ein kleines bisschen scheint die beiden dieser eine Abbruch heute noch zu wurmen. Doch das kann all die schönen Erinnerungen aus 36 Jahren kaum trüben.

Zusatzinfo: Ausflüge mit den "Radwansen"

Zwar haben Leinweber und Kröck nun wohl ihre letzte große Radreise hinter sich, kleinere Touren wollen sie aber weiterhin unternehmen: Regelmäßig dienstags radeln sie mit den Treiser "Radwansen" (Radwandersenioren), einer bunt gemischten Gruppe von Ruheständlern zwischen 70 und 80 Jahren.

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