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An der heutigen Treiser Straße in Mainzlar wird 1977 eine 72-Jährige ausgeraubt und kommt zu Tode. FOTO: JWR

Serie "Mord verjährt nicht"

Raub mit Todesfolge in Staufenberg-Mainzlar: Muffiges Geld führt zu den Tätern

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Eine verwitwete Seniorin wird 1977 in Mainzlar beraubt und tot aufgefunden. Das Gerücht, sie horte viel Geld, hatte die Täter aufmerksam gemacht. Ihnen wiederum wurde der Geruch der Beute zum Verhängnis.

Pecunia non olet. Dass Geld angeblich nicht stinkt, war schon im antiken Rom sprichwörtlich bekannt. Die Redensart hat sich bis heute gehalten, vor allem in Verbindung mit unsauberen Geldquellen. Bei einem Aufsehen erregenden Kriminalfall vor 43 Jahren in Mainzlar war es anders: Der muffige Geruch des Geldes, das zwei junge Männer erbeutet hatten, während ihr Opfer starb, führte die Ermittler damals auf die Spur der Täter. Hätte die Beute nicht gerochen, dann wären sie womöglich nie gefasst worden.

Das Jahr 1977: Es ist die Hochphase des Linksterrorismus in Deutschland. Im April ermorden RAF-Angehörige in Karlsruhe Generalbundesanwalt Siegfried Buback. Ein paar Monate später, im "Deutschen Herbst", wird Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt und später erschossen, die Lufthansa-Maschine "Landshut" gekapert.

Zwischen diesen Ereignissen erregt im Sommer 77 ein gewalttätiges Verbrechen im beschaulichen Mainzlar die Gemüter: Am Sonntag, 26. Juni, stirbt im Morgengrauen die 72-jährige Paula K. Sie wird am Nachmittag in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung im Gemeindehaus, das es heute nicht mehr gibt, tot aufgefunden. Die Wohnung ist durchstöbert.

Raub mit Todesfolge in Mainzlar: Polizei bittet um Hinweise

In der Gießener Allgemeinen ist am nächsten Tag von einem Mord die Rede, die genaueren Umstände des Todes der Seniorin sind da noch unklar. Die Kriminalpolizei ist mit 17 Fahrzeugen im Einsatz. Sie bittet um Hinweise aus der Bevölkerung: Wer hat in der Tatnacht etwas Verdächtiges gehört oder gesehen? Wer kann etwas über mögliche Bekanntschaften des Opfers sagen oder weiß etwas über dessen Lebensgewohnheiten?

Paula K. war einst als Fremde nach Mainzlar gekommen: 1948 soll sie mit ihrem Mann aus dem Sudetenland in das kleine Dorf gezogen sein - wie viele "Heimatvertriebene" in den Nachkriegsjahren. Ihr Mann, heißt es, habe einen recht guten Job bei den Mainzlarer Didier-Werken bekommen. Nach seinem Tod sei die kinderlose Witwe in das Gemeindehaus an der heutigen Treiser Straße gezogen. Früher wurden dort Schüler unterrichtet. Auch die Bürgermeisterei war in diesem Haus untergebracht, doch nach dem Zusammenschluss Mainzlars mit Staufenberg, Daubringen und Treis zu einer neuen Kommune im Jahr 1974 gab es keinen Mainzlarer Bürgermeister mehr. Im Gemeindehaus wurde Platz frei.

Was für ein Mensch war die 72-Jährige? Wie gestaltete sich ihr Alltag in der kleinen Wohnung? Wenn man heute in Mainzlar nach Paula K. fragt, ist Ähnliches zu hören wie schon vor 43 Jahren, als ein GAZ-Reporter sich in der Nachbarschaft durchfragte: Anfangs habe man sie kaum im Dorf gesehen, nach dem Tod ihres Mannes dann etwas häufiger. Wirklich Kontakt gesucht habe sie aber nicht.

Raub mit Todesfolge in Mainzlar: Gerüchte über das Opfer

Vielleicht haben sich die Gerüchte, die sich teils bis heute halten, gerade deshalb verbreitet: In dem etwas heruntergekommenen Haus sei es hoch hergegangen, habe teils reger Betrieb geherrscht. Vor allem Männer, hieß und heißt es hinter vorgehaltener Hand, seien bei K. ein- und ausgegangen. Ob es wirklich so war, bleibt Spekulation. Für die Ermittlungen spielten diese Vermutungen jedenfalls offenbar keine große Rolle.

Doch es kursierte ein weiteres Gerücht - und dieses machte Paula K. erst zum Opfer eines Verbrechens: Die Frau soll über ein beträchtliches Vermögen verfügt und es bei sich zu Hause gehortet haben. "Die hat ihr ganzes Geld in die Strümpf’ gesteckt, dass sie kaum noch laufen konnte", behauptete eine Anwohnerin damals.

Während die Gerüchte weiter ins Kraut schießen, wird der Kriminalfall bereits eine Woche nach dem Tod der Seniorin eher zufällig aufgeklärt, weil eine Zivilstreife einen guten Riecher beweist: In Frankfurt fallen Polizisten bei einer Fahrzeugkontrolle zwei nervös wirkende junge Männer auf. Sie durchsuchen das Auto der beiden - und stoßen auf mehrere kleine Leinensäcke in einer Plastiktüte. Darin finden sie 67 000 D-Mark. Sonderbar erscheint den Beamten damals der muffige Geruch des Geldes. Auch die Zivilstreife hatte von dem Fall im Gießener Land gehört, wo man bei einer womöglich ermordeten Seniorin übel riechende Banknoten gefunden hatte. Sie kontaktieren die Kollegen in Gießen - es ist der Durchbruch.

Raub mit Todesfolge in Mainzlar: Täter "aus geordneten Verhältnissen"

Der 18- und der 19-Jährige gestehen vor Kriminalbeamten und dem Haftrichter ihre Tat: Es war kein Raubmord, sondern ein Raub mit Todesfolge. Einer der Täter hatte Verbindungen nach Mainzlar. Er wusste um das Gerücht, die 72-Jährige horte viel Geld in ihren vier Wänden. Die beiden jungen Männer "aus geordneten Verhältnissen", wie diese Zeitung damals schrieb, waren arbeitslos geworden und von Geldsorgen geplagt. Unter anderem hielten sie sich wohl mit dem Diebstahl von Getränkekästen über Wasser.

Den vermeintlich so einfachen Plan, die "Tante" auszurauben, hegten sie schon länger, wie es im Prozess vor der Jugendkammer des Landgerichts im Jahr darauf hieß. Immer wieder kamen ihnen Bedenken, bis sie den Raub schließlich in die Tat umsetzten - und alles aus dem Ruder lief.

Gegen 22 Uhr, so stellt das Gericht fest, hatten die beiden die unverschlossene Tür des Gemeindehauses geöffnet. Der Jüngere klopfte an die Schlafzimmertür, die 72-Jährige öffnete aber nicht. Sie wolle an diesem Abend keinen Besuch mehr empfangen, habe sie gesagt und die Zimmertür von innen verschlossen. Die Täter warteten im Hausflur.

Plötzlich, so schilderten die Angeklagten, habe "die Tante" die Tür aufgeschlossen und sei mit einem Messer auf die Eindringlinge losgegangen. Es kam zu einem Handgemenge, einer der Täter und das Opfer stürzten in ein Regal. Sie schrie, er hielt ihr den Mund zu - wohl minutenlang, bis sie in Ohnmacht fiel. "Ich habe niemals daran gedacht, dass die Tante nicht mehr aufwachen könnte", sagte der Täter im Prozess, "ich habe eher daran gedacht, wie sie ganz Mainzlar verrückt machen würde, sobald sie aus ihrer Ohnmacht erwacht". Doch sie erwachte nicht mehr, sondern starb an Herzversagen.

Tatsächlich hatte Paula K. eine beträchliche Summe Geld in den Strümpfen verwahrt, die sie gerade trug: Die Täter erbeuteten 95 000 Mark. Sie wurden zu sechs und vier Jahren Jugendstrafe verurteilt. Die üppige, muffige Beute half ihnen nicht weiter - aber den Ermittlern.

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