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Nach mehr als 24 Jahren freut sich Pfarrerin Jutta Martini, hier an ihrem bisherigen Arbeitsplatz im Staufenberger Gemeindezentrum, nun auf neue Herausforderungen in Lich und Pohlheim-Grüningen. FOTO: JWR

Mehr Zeit für Seelsorge

Pfarrerin Jutta Martini: Deshalb verlässt sie Staufenberg nach 25 Jahren

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Nach knapp 25 Jahren will sie etwas Neues wagen: Pfarrerin Jutta Martini verabschiedet sich von ihrer Staufenberger Gemeinde. Mit einem neuen Job erfüllt sie sich einen lang gehegten Wunsch.

Jutta Martini ist gerade auf Abschiedstournee. Ob im Gemeindevorstand, in Besuchskreisen oder bei Seniorenabenden: Überall ist sie dieser Tage zum letzten Mal als Pfarrerin dabei. Die Rückmeldungen seien ähnlich: "Durch die Bank: ›Ach wie schade, aber wir haben Verständnis.‹ Es wäre auch schade, wenn sie nichts sagen würden."

Diese Übergangsphase habe es in sich, sagt die 56-Jährige. "Es ist eine ambivalente Geschichte: Hier das zurückzulassen, was man mit aufgebaut hat, das ist schon sehr schwierig." Aber sie sieht die Gemeinde gut gewappnet und freut sich auf die neuen Teilzeit-Aufgaben. Den Wechsel müsse sie jetzt vollziehen, "sonst ist es zu spät".

Im Prinzip ist es das Ende einer Ära. Nach gut 24 Jahren als Pfarrerin der evangelischen Gemeinde Kirchberg I (Staufenberg, Mainzlar, Daubringen) stellt sich Martini neuen Herausforderungen. Ab Februar fährt sie im Beruf zweigleisig: Mit einer halben Stelle betreut sie die Grüninger Gemeinde, außerdem tritt sie eine halbe Stelle als Seelsorgerin in der Licher Asklepios-Klinik an. Damit schließt sich für sie ein Kreis. Im Rahmen ihres Vikariats, der praktischen theologischen Ausbildung, hatte sie einst ein Jahr in einer Klinik in Weilmünster gearbeitet, "seitdem weiß ich, was das bedeutet".

Im Alltag als Gemeindepfarrerin sei die Seelsorge als zentrale Säule des Pfarrberufs aber häufig zu kurz gekommen. Zwischen Religionsunterricht, Trauerfeiern, Gottesdiensten, Gemeindevorstandssitzungen und anderen Terminen sei es "auf der To-Do-Liste oft durchgerutscht, einfach mal Leute zu besuchen".

Kürzlich hat Martini eine Fortbildung zu klinischer Seelsorge absolviert, dann wurde zufällig die halbe Stelle in Lich frei. "Ich bin mit Herz und Seele Gemeindepfarrerin", künftig kann sie das mit dem Seelsorge-Job verbinden. "Wie das funktioniert, wird man in der Praxis sehen."

Mit einem Fazit nach fast 25 Jahren in der Kirchberg-Gemeinde tut sich Martini schwer - die Zeitspanne ist schlicht zu lang, um sie in wenigen Worten auf den Punkt zu bringen. Es war ihre erste Pfarrstelle. 1995 kam die im Taunus aufgewachsene Pfarrerin nach Staufenberg, gemeinsam mit ihrem Mann, der auch Pfarrer ist und nun das Religionspädagogische Institut der hessischen Landeskirchen in Marburg leitet.

"Wenn Sie in einer Kirchengemeinde neu anfangen, kommt Ihnen erstmal Wohlwollen entgegen", blickt Martini zurück. "In meiner Pfarrgeneration war man damals noch ›Mädchen für alles‹. Es wurde erwartet, dass man für alle Generationen etwas anbietet." Immerhin rund 3400 Mitglieder zähle die Gemeinde heute offiziell noch, "auch wegen der Neubaugebiete ist es eine der größten Gemeinden im Dekanat". Doch über die Jahre sind die Bänke auch bei ihren Gottesdiensten in Staufenberg und auf dem Kirchberg leerer geworden. Martini hat versucht, mit neuen Angeboten gegenzusteuern. Sie verweist auf die "Mitten-im-Dorf-Gottesdienste", etwa in der "Vitalen Mitte", auf der Burg oder im Kirmeszelt. "Da kommen die Leute hin, wenn es etwas Besonderes ist. Bei Sonntagsgottesdiensten sind viele eher zurückhaltend." Doch sie ist sich sicher: In hektischer gewordenen Zeiten gebe es ein Bedürfnis vieler nach Entschleunigung und Ruhe.

Auch als Klinik-Seelsorgerin wird sie Gottesdienste halten, allerdings ohne alle Zuhörer vor sich zu sehen. "Das wird übertragen, es gibt Bildschirme. Das wird spannend mit kleinem Publikum vor sich." Vor allem aber will Martini Patienten als Ansprechpartnerin zur Verfügung stehen und hofft auf einen guten Draht zu den Pflegekräften, die ihre Patienten kennen. "Es gibt dort nicht nur Schwerkranke, sondern auch Patienten mit Routine-Operationen und eine größere geriatrische Abteilung." Unter ihren Gesprächspartnern werden also nicht nur, aber auch viele mit schweren Krankheiten sein. Und manche, die dem Tod nahe sind. Doch Martini fühlt sich für die Aufgabe gut gewappnet. In all den Jahren in der Gemeinde hat die Pfarrerin gelernt, "um- und abzuschalten". Das gelinge manchmal ganz gut, "aber es gibt auch Dinge, die einen verfolgen", sagt sie. "Man kriegt gewisse Routinen darin, auch nach einem Trauergottesdienst zu Hause die Jacke auszuziehen und weiterzumachen." Ihre Hunde und der Garten seien da ein guter Ausgleich.

Martini hofft auch, als Klinik-Seelsorgerin über Konfessionsgrenzen hinweg mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Zwar gibt es dort auch einen katholischen Kollegen, "aber dort wird nicht gefragt, ob Sie evangelisch oder katholisch sind - oder nichts von beidem". Nicht zuletzt könnten Seelsorge-Gespräche auch für sie selbst eine Bereicherung sein, "das hat immer zwei Seiten".

Und dann ist da ja noch der andere neue Job: Gemeindepfarrerin im Pohlheimer Stadtteil Grüningen. Martini hat dort schon Gespräche geführt, "das war sehr nett, offen, freundlich. Es wird gut passen, hoffe ich". Sie spricht von einer "klassischen volkskirchlichen Gemeinde mit aktivem Gemeindeleben". Nicht nur auf die Menschen dort freut sie sich, sondern auch auf das Gotteshaus: "Eine Kirche mit zwei Chören, einer davon ist 500 Jahre alt".

Nun steht erstmal die Verabschiedung an. Die Gemeindemitglieder werden ihrer bisherigen Pfarrerin aber wohl auch weiter begegnen. Martini und ihr Mann wollen nach wie vor in Staufenberg wohnen. Den Garten zum Abschalten wird sie auch im neuen Alltag gut gebrauchen können.

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