Belegschaft und Unterstützer kämpfen weiter für den Erhalt der "Schamott", diesmal mit einer Online-Demo. SCREENSHOT YOUTUBE: JWR
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Belegschaft und Unterstützer kämpfen weiter für den Erhalt der "Schamott", diesmal mit einer Online-Demo. SCREENSHOT YOUTUBE: JWR

130 Arbeitsplätze gefährdet

Online-Protest für Erhalt der "Schamott" in Mainzlar - offenbar keine Schließung bis April

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Über die Zukunft des Werks von RHI Magnesita in Mainzlar wurde am Montag virtuell verhandelt, während zeitgleich eine Online-Demo für den Erhalt stattfand. Eine Schließung der "Schamott" im April ist laut Betriebsrat nun vom Tisch.

Der Protest für den Erhalt des Standorts von RHI Magnesita in Mainzlar geht weiter. Pandemiebedingt haben die Verantwortlichen des Betriebsrats und der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie sowie des DGB sich nun aber ein Online-Format ausgesucht, um trotz Abstandsregeln weiter Druck auf den österreichischen Konzern auszuüben. Während am Montag ab 10 Uhr virtuell die dritte Verhandlungsrunde über die Zukunft des Werks stattfand, wurde eine über Facebook verlinkte "Online-Demo" gestartet.

In einem dreiminütigen Video wird erneut zur Solidarität mit den 130 Mitarbeitern am Standort aufgerufen, die seit vergangenem Herbst um ihre Arbeitsplätze in der "Schamott" fürchten. Beschäftigte, aber etwa auch Vertreter aus der Kommunalpolitik wie Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller halten auf eingeblendeten Fotos Schilder in die Kamera, bringen so ihre Unterstützung zum Ausdruck - teils mit deutlicher Kritik an RHI Magnesita. "Auf der Suche nach Profit macht der Vorstand alles mit", steht beispielsweise auf einem Plakat. Einige Unterstützer haben sich in voller Arbeitskluft ablichten lassen. Interessierte konnten und können Kommentare oder Likes zu dem Beitrag hinterlassen.

Online-Demo für Erhalt der "Schamott": Harsche Kritik an Schließungsplänen

Bereits am 4. Dezember hatte die Belegschaft demonstriert, damals direkt vor dem Mainzlarer Betriebsgelände während einer Verhandlungsrunde. Die Stoßrichtung ist nun dieselbe: Die gegenüber der Belegschaft kommunizierte geplante Schließung des traditionsreichen Standorts (ehemals Didier) wird harsch kritisiert - zumal das Werk, wie Gewerkschaft und Lokalpolitik betonen, an sich wirtschaftlich gut dastehe. Ziel ist, auf Basis von Vorschlägen des Betriebsrats Arbeitsplätze zu erhalten, eine dauerhafte Stilllegung zu verhindern.

Man sei weiter "in Kampfstimmung", äußerte sich der Vorsitzende des lokalen Betriebsrats, Michael Schwarz, am Montag vor Beginn der Verhandlungen. Gleichwohl habe sich die Lage aus seiner Sicht zuletzt verbessert: Der stillgelegte zweite Tunnelofen werde zurzeit wieder hochgefahren, was einige Tage dauere. Nun wolle man erreichen, dass der Ofen weiter unbefristet betrieben und ein Großteil der Arbeitsplätze erhalten wird, so Schwarz.

Matthias Körner, DGB-Regionsgeschäftsführer in Mittelhessen, sieht "einen ersten Teilerfolg" aufgrund der Proteste Anfang Dezember: Davor habe die Werksschließung zum 30. April als "praktisch beschlossen" gegolten, "es sollte quasi nur noch ein Sozialplan verhandelt werden", schreibt Körner in einer Mitteilung. Nun werde aber "dank der aktiven Einmischung und dem Widerstand der Belegschaft ausschließlich über ein vom Betriebsrat erarbeitetes Fortführungskonzept" gesprochen.

Online-Demo für Erhalt der "Schamott": Neue Formen des Protests

Den Online-Protest mit vorbereitet hat unter anderem DGB-Organisationssekretär Robin Mastronardi. Die virtuelle Form sei natürlich vor allem Corona geschuldet, sagt er, "aber in einer digitalisierten Welt muss man sich auch damit auseinandersetzen, wie man Arbeitskampf neu gestalten kann".

Gerade global agierende Unternehmen könne man so "ganz anders adressieren". Weitere Protestformen werde man sich offenhalten, so Mastronardi. "Wir würden auch nachlegen, das wird noch nicht das Ende sein."

Gegenwärtig, sagt der DGB-Vertreter, sei die Auftragslage für das Werk "mehr als gut", wenngleich sich einige Mitarbeiter noch in Kurzarbeit befänden. Aktuell gebe es die Befürchtung, dass durch den Neustart des Ofens lediglich Restaufträge abgearbeitet werden sollen, doch das werde die Belegschaft "nicht mit sich machen lassen". Es sei davon auszugehen, dass die Baukonjunktur schnell wieder anzieht - auch feuerfeste Schamottsteine, wie sie in Mainzlar gefertigt werden, würden gebraucht.

Mastronardi zeigt sich von der Protestbereitschaft in Mainzlar beeindruckt, "die Leute sind selbst aktiv geworden". Die Frustration über die Schließungsgerüchte und die aus Sicht der Belegschaft viel zu späte Information durch den Konzern habe sich nun "in Motivation gewandelt".

Online-Demo für Erhalt der "Schamott": Konzern will sich noch äußern

RHI Magnesita äußerte sich auf GAZ-Anfrage am Montag nicht zum aktuellen Verhandlungsstand oder der weiteren Perspektive für den Standort. Man werde ein Statement nachreichen, heißt es. Auch bislang hatte sich das Unternehmen kaum konkret geäußert, sondern eher allgemein mitgeteilt, dass "zur Bewältigung der Krise" auch in Mainzlar "Maßnahmen getroffen" werden müssten.

Die Verhandlungen über einen Interessenausgleich am Montag seien anders als gedacht abgelaufen, äußerte sich Betriebsrat Schwarz am späten Nachmittag: "Auf Nachfrage des Betriebsrats, wann der Betrieb in Mainzlar geschlossen werden soll, konnte die Unternehmensleitung keinen konkreten Schließungstermin nennen." Es sei jedoch kommuniziert worden, "dass aufgrund der Auftragslage mit zwei Tunnelöfen bis mindestens Ende Juni 2021, eventuell auch bis zum Jahresende 2021, weiterproduziert wird", so Schwarz. Daher habe man seitens des Betriebsrats keinen Anlass gesehen, nun ein Konzept für die Öfen vorzustellen, das "in jedem Fall mit einem Personalabbau verbunden" wäre.

Nun wolle man abwarten, wie die weitere Planung des Konzerns für den Betrieb aussehe. "Von unserer Seite wurden die Verhandlungen daher heute ruhend gestellt", so Schwarz. Das letzte Wort ist in Sachen "Schamott" noch nicht gesprochen.

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