Die Meldung über den schweren Missbrauch an einem Fünfjährigen sorgt in Staufenberg und weit darüber hinaus für Entsetzen. FOTO: JWR
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Die Meldung über den schweren Missbrauch an einem Fünfjährigen sorgt in Staufenberg und weit darüber hinaus für Entsetzen. FOTO: JWR

Schwerer sexueller Missbrauch

Nach Missbrauch an Fünfjährigem: Staufenberg steht unter Schock

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Ein Fünfjähriger aus Staufenberg soll Opfer von schwerem sexuellen Missbrauch in Münster geworden sein, auch sein Vater gehört zu den Beschuldigten. Wie geht das Städtchen mit dieser Nachricht um?

Fassungslosigkeit, Wut, Entsetzen: Diese Begriffe fallen am Montagnachmittag in Staufenberg immer wieder, wenn es um den massiven Missbrauch an einem Fünfjährigen geht. Viele Staufenberger haben am Wochenende ihren Ort in überregionalen Nachrichten gehört oder gelesen - verbunden mit einem Fall von organisiertem Kindesmissbrauch. "Schlimm, dass es so kranke Menschen gibt", äußert sich eine Frau vor einem Einkaufsmarkt. Und viele treibt die Frage um, ob und wie es sein kann, dass das Umfeld anscheinend nichts von den massiven Übergriffen mitbekommen hat.

Am Wochenende hatten Ermittler erschütternde Details des Falls öffentlich gemacht. Sieben Personen sitzen in Untersuchungshaft, weil sie an schwerem sexuellen Missbrauch von Kindern beteiligt gewesen sein sollen. Die Taten sollen sich seit 2018 in einer Gartenhütte in Münster ereignet haben und teils gefilmt worden sein. Einem Hauptbeschuldigten aus Münster waren die Behörden durch aufwändige IT-Ermittlungen auf die Spur gekommen, er hat offenbar riesige Datenmengen mit Kinderpornografie gespeichert. Einer der Beschuldigten ist laut den Münsteraner Ermittlern ein 30-jähriger Staufenberger. Sein fünfjähriger Sohn ist eines der Opfer.

Missbrauch an Fünfjährigem: Überregionales Interesse von Medien

Ernst Hardt sitzt in einem Café in der "Vitalen Mitte", einem zentral gelegenen Gewerbegebiet der Kommune. "Ich kann es nicht verstehen", sagt der Staufenberger Stadtverordnetenvorsteher mehrmals, während er ratlos in den trüben Himmel blickt. Nicht nur die Taten lassen ihn fassungslos zurück, sondern auch der Umstand, dass sie offenbar so lange verborgen geblieben sind.

Die Frage, ob in diesem Fall Anzeichen für Missbrauch übersehen wurden, treibt einen Steinwurf entfernt auch Bürgermeister Peter Gefeller im Rathaus um. Er hangelt sich am Montag von einem Pressegespräch zum nächsten, das überregionale Interesse ist groß. Gemeinsam mit dem Personal in der Kita, die der Fünfjährige besuchte, habe er sich gefragt: "Wo haben wir etwas falsch gemacht?" Alle Kita-Mitarbeiter seien dafür geschult, bei "kleinsten Auffälligkeiten" hellhörig zu werden. Sofern Anzeichen für eine Kindeswohlgefährung vorlägen, würden diese dem Kreis-Jugendamt gemeldet. Dort reagiere man "in aller Regel sofort", sagt Gefeller.

Doch im Fall des Fünfjährigen habe es "keinerlei Anhaltspunkte" gegeben. Es handle sich um eine "unauffällige Familie", sei ihm seitens der Kita berichtet worden. Nun müsse man auch an das Kita-Personal denken und den Mitarbeitern bei der Bewältigung dieser Nachricht helfen.

Missbrauch an Fünfjährigem: Üble Äußerungen im Netz

Bei allem Verständnis über große Empörung zeigt sich der Bürgermeister und frühere Strafverteidiger auch erschüttert über einige Reaktionen in sozialen Netzwerken. "Die Forderung nach der Todesstrafe ist da noch das Harmloseste", sagt er. Solch üble Äußerungen könne man "nicht mehr einfangen". Wer solche Kommentare verfasse, solle sich vielleicht erst einmal fragen, was er da gerade schreibt, so der Rathauschef. Gefeller weiter: "Für uns ist jetzt wichtig: Besonnen bleiben, keine Vorverurteilungen, die Ermittler ihre Arbeit machen lassen."

Diese sind mit ihren Recherchen noch in einem frühen Stadium, wie Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt betont. Er leitet die Ermittlungen in Münster, wo die massiven Übergriffe auch auf den Staufenberger Jungen stattgefunden haben sollen. Zu Vorstrafen des Tatverdächtigen aus Staufenberg oder bisherigen Ermittlungen gegen ihn lägen ihm keine Informationen vor, sagt Botzenhardt am Montag auf Anfrage.

Das Strafmaß für schweren sexuellen Missbrauch an Kindern bewege sich zwischen zwei und 15 Jahren, äußert er sich allgemein und hält sich zum Stand der Ermittlungen bedeckt. Soweit bislang bekannt, sei Staufenberg aber kein Tatort gewesen, sagt der Oberstaatsanwalt. Gegen die Mutter des Opfers aus Staufenberg gebe es derzeit "keinen dringenden Tatverdacht", sie sitze nicht in Untersuchungshaft.

Missbrauch an Fünfjährigem: Gerüchte greifen um sich

Eine Frau, die unterhalb der Burg gerade beim fahrenden Eismobil anhält, macht sich nun auch Gedanken um die Familie des Opfers. "Vor allem tut mir das Kind leid. Aber wenn die Mutter wirklich nichts wusste, dann ist es schlimm, was einen nun erwartet." Sie befürchtet, nicht nur der mutmaßliche Täter, sondern auch die gesamte Familie werde nun vielleicht "geächtet". Die Gerüchte, wer der Verdächtige ist, greifen nun um sich. Bestätigt sind sie bislang nicht. Allerdings verdichten sich die Hinweise, dass er in der Staufenberger Kernstadt wohnt, die mit den Ortsteilen Daubringen und Mainzlar eng verwoben ist.

Das Leben in Staufenberg geht am Nachmittag augenscheinlich weiter seinen gewohnten Gang. In den schmalen Gassen unterhalb der mittelalterlichen Burg ist wenig Betrieb. Der Medienrummel wird abebben, doch die Fassungslosigkeit bleibt. "Jeder ist entsetzt", sagt eine Frau.

"Das Schlimme ist nicht der Ort, sondern die Tat", sagt der Bürgermeister und weist noch einmal darauf hin, dass es bislang nicht um Missbrauch in, sondern an einem Staufenberger Jungen gehe. Und doch müsse man sich von dem Gedanken trennen, dass solche Taten überall passieren, "aber nicht bei uns".

Zusatzinfo: Junge in Obhut genommen

Das Opfer aus Staufenberg ist nach Angaben der Staatsanwaltschaft Münster nun in Obhut des Jugendamtes. Laut Bürgermeister Peter Gefeller hat der Junge, wie viele Kinder während der Coronakrise, die Kita seit 16. März nicht mehr besucht. jwr

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