In einem Kleingarten zwischen Mainzlar und Treis wird 1990 ein 62-Jähriger ermordet. SYMBOLFOTO: DPA
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In einem Kleingarten zwischen Mainzlar und Treis wird 1990 ein 62-Jähriger ermordet. SYMBOLFOTO: DPA

Serie "Mord verjährt nicht"

Mord am eigenen Großvater im Kleingarten

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Während eines Hafturlaubs ermordet ein 18-Jähriger 1990 seinen Großvater in dessen Kleingarten zwischen Mainzlar und Treis mit großer Brutalität. Das auffällige Auto des Opfers wird dem Enkel schließlich zum Verhängnis.

Die Freiheit war schon zum Greifen nah. Die einjährige Jugendstrafe, die der 18-Jährige wegen Diebstahls verbüßte, hatte er fast hinter sich. Nun sollte eine längere Bewährungszeit folgen. Für ein paar Tage durfte der junge Mann im Januar 1990 zu seiner Familie nach Mainzlar. Am Sonntag, 14. Januar, stand eine letzte Rückkehr in die Jugendstrafanstalt an. Ein paar Formalitäten waren noch zu klären, dann sollte er entlassen werden.

Doch aus dem Freigang kehrte er nicht wieder. "Ich geh’ nicht in den Knast zurück", hatte er an jenem Sonntag seiner Familie bekundet. Zwei Stunden vor der geplanten Rückkehr tauchte er unter. Und tötete zwei Tage später mit großer Brutalität seinen Großvater.

Am Dienstag, 16. Januar, geht um 17.13 Uhr ein Anruf beim Gießener Polizeipräsidium ein. Der Mann am anderen Ende sagt, im familieneigenen Gartenhäuschen zwischen Mainzlar und Treis habe sein Bruder einen Toten gefunden. Ein Streifenwagen und zwei Kripo-Beamte eilen aus Gießen los. In dem Garten nahe der Straße sehen sie die Leiche auf der Veranda einer Holzhütte. Spuren deuten darauf hin, dass der Körper dorthin geschleift wurde. Bald ist klar: Es ist der 62 Jahre alte Vater des Anrufers.

Mord im Garten: Verdächtige Geräusche

Schon Stunden später gerät der Enkel des Opfers ins Visier der Ermittler, ein Richter erlässt gegen den 18-Jährigen Haftbefehl wegen Mordverdachts. Er ist offenbar geflüchtet. Der 62-jährige Zimmermann war mit seinem roten Mercedes zum Garten gefahren, nun ist das Auto weg. Einen Tag später folgt ein Großeinsatz der Polizei, die die Umgebung des Hauses der Familie und des Gartengrundstücks absperrt. Jemand hatte verdächtige Geräusche im Garten gehört. Vielleicht, so die Vermutung, war der flüchtige Enkel doch noch hier. Doch die Spur verliert sich zunächst.

Bundesweit wird nach dem Verdächtigen und dem auffälligen Pkw seines Großvaters gefahndet - mit schnellem Erfolg: Zwei Tage nach dem Mord fällt Hamburger Polizisten der gesuchte Wagen bei einer Verkehrskontrolle auf der Reeperbahn auf. Sie stoppen ihn, fragen per Funk die Daten des Autobesitzers ab - und stellen fest, dass sie eines vermeintlichen Mörders habhaft geworden sind. Gießener Ermittler holen ihn in Hamburg ab. Der junge Mann gesteht den Mord, schildert auch die grausamen Details der Tat. Wieso hat er seinem Großvater das Leben genommen?

Nachdem er seiner Familie gesagt hatte, er werde nicht mehr ins Gefängnis gehen, irrte er seiner Aussage zufolge ziellos umher. Er versteckte sich in den Feldern um Staufenberg, lief nach Wißmar, dann wieder nach Mainzlar. Der 18-Jährige hielt den Regen aus, schlief während dieser zweitägigen Odyssee kaum. "Völlig verzweifelt" und am Ende seiner Kräfte, so beschreibt er anderthalb Jahre später im Mordprozess, habe er dann unbedingt an ein Auto gelangen wollen.

Mord im Garten: Von hinten angeschlichen

Ausgerechnet im Kleingarten seiner Familie fand sein zielloser Irrweg ein vorläufiges Ende. Dort habe er sich auf eine Bank gesetzt und nicht gewusst, wie es weitergehen soll. Und erst dort, behauptet er im Prozess, sei ihm gedämmert, dass der Opa bald kommen werde, um die Kaninchen zu füttern. Als dieser etwa zwei Stunden später mit seinem Wagen heranrollte, lauerte der Enkel ihm auf. Er wartete, bis der Großvater ihm den Rücken zugewandt hatte, schlich sich an. Erst dann, sagt er vor Gericht, habe er einen Hammer gesehen und gegriffen. Auf keinen Fall sollte der Großvater, der ihm eine Arbeitsstelle für die Zeit nach der Haftentlassung vermittelt hatte, ihn erkennen. "Es hat sich so ergeben. Wenn er mich gesehen hätte, wär’ ich wahrscheinlich weggegangen", bekundet der Täter im Prozess.

Stattdessen überrumpelte er den 62-Jährigen hinterrücks, schlug mit dem Hammer auf dessen Kopf ein. Der Großvater brach zusammen. Dann zückte der Enkel ein Messer und setzte es offenbar so brutal ein, dass die Klinge abbrach. Schließlich schlug er abermals mit einer Schaufel zu. Dann, so die Aussage, habe er den Mercedes des Großvaters etwas herangefahren, den Körper zum Wagen gezogen und vergeblich versucht, ihn in den Kofferraum zu hieven.

Davon zeugten auch die blutigen Schleifspuren im Garten. Am Ende zog er die Leiche zum Eingang des Gartenhäuschens. Mit dem Portemonnaie des Opfers samt 230 Mark fuhr er ohne Führerschein davon - über Hamburg nach Cuxhaven und wieder nach Hamburg, wo er gefasst wurde.

Mord im Garten: Unauffällige Fassade des Täters

Während seiner zuvor fast verbüßten Jugendstrafe hatte der Täter eine Buchbinderlehre begonnen. Angepasst, ruhig und zurückhaltend habe er in dieser Zeit gewirkt, sagt eine Sozialarbeiterin im Mordprozess. Doch die Fassade des unauffälligen, künstlerisch begabten jungen Mannes trügte. Er war schon mehrmals kriminell aufgefallen.

Mit 17 Jahren hatte er sich mit einem gestohlenen Sattelzug eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert, dabei Straßensperren durchbrochen und Hauswände demoliert. Polizisten, auf die er während der Amokfahrt zuraste, konnten im letzten Moment zur Seite springen.

Dass er seinen Großvater nicht habe töten wollen, nimmt ihm die Jugendstrafkammer nicht ab. Sie attestiert ihm paranoide Züge. Zur Tatzeit sei die Steuerungsfähigkeit des Angeklagten aber eingeschränkt gewesen. Die Kammer geht schließlich von verminderter Schuldfähigkeit aus. Von "schwerer seelischer Abartigkeit" ist vor Gericht die Rede. Das Urteil: Acht Jahre Jugendstrafe wegen Mordes und schwerem Raub sowie Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus.

Der Täter hatte sich schon ausgemalt, wie es nach der Bluttat im Kleingarten weitergehen sollte. "Ich wollte ihm sein Geld und das Auto wegnehmen, den Pkw verkaufen und dann ins Ausland verschwinden", sagte er bei der Mordkommission. Sein Ziel: China. Dort sei es ruhig, das Leben einfach, die Kultur interessiere ihn. Es sei nicht seine erste fixe Idee gewesen, heißt es im Prozess: Mal habe der Angeklagte als Missionar in ein Entwicklungsland gehen wollen, mal schienen es ihm Bundesgrenzschutz und Fremdenlegion angetan zu haben.

Der Großvater hatte seinen Enkel nach der Haftentlassung abholen und zur neuen Arbeit fahren wollen. Diesen Tag erlebte er nicht mehr.

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