Eine Frau steht in einem grünen Feld.
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Bio-Landwirtin Marina Grölz, hier auf einem Dinkelfeld direkt am Rotgrabenhof in Mainzlar, setzt auf Direktvermarktung und nachhaltigen Anbau.

Umweltschutz

Klimafreundliche Landwirtschaft: Junge Landwirtin setzt auf kurze Transportwege

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Die 23-jährige Landwirtin aus dem Kreis Gießen wollte nie Bäuerin werden - aber durch einen Schicksalsschlag kam alles anders. Jetzt versucht sie den Öko-Landbau voranzubringen.

Staufenberg – Während nebenan auf der Landstraße zwischen Mainzlar und Treis Autos vorbeirauschen, sitzt Marina Grölz ganz entspannt auf einer Bank mit Blick auf die Maschinenhallen des Rotgrabenhofs. »Ich muss fast nie über eine Straße fahren, wenn ich auf die Felder will«, sagt die 23-Jährige nicht ohne Stolz. Die Felder des Hofs liegen in unmittelbarer Nähe. Kurze Wege sind eine Säule des Familienbetriebs, das gilt auch für die Strecken zwischen dem Hof und seinen Kunden. Es ist ein Beitrag zu einer modernen, klimafreundlichen Landwirtschaft - und preisverdächtig: Neben 29 anderen Landwirtinnen und Landwirten im deutschsprachigen Raum ist Grölz in der engeren Auswahl für den »Ceres Award« 2021.

Junge Landwirtin im Kreis Gießen macht ihre Uni-Seminare vom Trecker aus

Die Mainzlarerin führt den Bio-Betrieb gemeinsam mit ihrem Bruder und ihrem Freund. Oberhalb des Hofs grasen drei Ziegen, von Hektik keine Spur. Umso erstaunlicher ist, dass alle drei die Landwirtschaft im Nebenerwerb betreiben: Grölz’ Bruder ist berufstätig, ihr Freund ab August in Vollzeit andernorts beschäftigt. Sie selbst macht gerade in Gießen ihren Master in Nutzpflanzenwissenschaften. Auch ihre Mutter und die Oma packen noch mit an, soweit es die Kräfte zulassen.

»Man muss schon sehr diszipliniert an die Sache rangehen«, sagt Grölz - sonst seien die Bewirtschaftung von rund 200 Hektar samt Direktvertrieb, Büroarbeit und Co. nicht zu schaffen. »Das Online-Studium während Corona war super für mich«, sagt sie, »die Uni-Seminare habe ich teils nebenher verfolgt, wenn ich auf dem Trecker saß«.

Junge Landwirtin im Kreis Gießen hat Bio-Hof vom Vater übernommen

Vor knapp zwei Jahren hat die Studentin »den Schuppen übernommen«, ist seither für den Hof verantwortlich, den ihr Vater einst gegründet und 2009 auf Bio-Standard umgestellt hatte. Zwar studierte sie vor zwei Jahren schon Agrarwissenschaften im Bachelor und hatte nach dem Abi Erfahrungen auf Höfen im Ausland gesammelt. Doch eigentlich wäre sie gern in die Forschung gegangen. Den Hof zu übernehmen - das sei ursprünglich weder für sie noch ihren Bruder eine echte Option gewesen. »Ich habe als Kind immer gesehen, wie viel Arbeit das ist, Sommerurlaub gab es bei uns nicht. So richtig Lust darauf, den Hof zu übernehmen, hatte ich nicht.«

2019 musste jedoch eine schnelle Entscheidung her. Grölz’ Vater erkrankte schwer, starb kurze Zeit darauf. Ein Schock für die Familie. »Wir standen hier wie vom Blitz getroffen. Es musste gemäht und das Heu gemacht werden - sowas hatte nie jemand von uns gemacht außer Papa.« Eigentlich, sagt sie, wolle sie diesen tragischen Hintergrund nicht in den Vordergrund rücken. Doch der Schicksalsschlag erklärt, wie sie mit 21 Jahren auf dem Hof ans Ruder gekommen ist.

Klimafreundliche Landwirtschaft im Kreis Gießen erhält viel Unterstützung

Von vielen Seiten sei dann Hilfe gekommen, betont Grölz voller Dankbarkeit: Junge Bauern aus Leidenhofen gaben ihrem Freund einen »Mähdrescher-Crashkurs«, auch aus Mainzlar kam viel Unterstützung, gerade beim Ausmachen der Kartoffeln. »Mein Papa war bei Naturland Mitglied, das hat uns gerettet«, lobt Grölz die Beratung durch den Öko-Landbauverband, über den bis heute auch die Vermarktung vieler Produkte des Rotgrabenhofs läuft.

Nun hat die Studentin einen kompletten Jahreszyklus auf dem Hof mitgemacht, »jetzt weiß ich, wo es langgeht«, sagt sie herzlich lachend. »Papa hat uns einen Top-Betrieb hinterlassen und die richtigen Weichen gestellt.« Darauf können sie und ihr Familien-Team aufbauen. Wichtiges Merkmal der über Naturland strikt kontrollierten, besonders hohen Standards des Öko-Landbaus sei Diversität, auch bei der Fruchtfolge: Statt etwa nur Mais und Weizen werden in Mainzlar über Jahre hinweg wechselnde Pflanzen angebaut, unter anderem Ackerbohne, Sommerweizen und Hirse. »Daher müssen wir acht Jahre im Voraus planen und düngen nur organisch«, erläutert Grölz.

Junge Landwirtin im Kreis Gießen will Öko-Landbau voranbringen

Sie tüftelt an neuen Kombinationen, sprüht merklich vor Ideen. »Ich will den Öko-Landbau voranbringen, da ist noch nicht alles entdeckt. Man muss das Rad in der Landwirtschaft ja nicht neu erfinden - die Natur ist schlau genug, das muss man einfach nutzen.« Zurzeit, sagt sie, überlege die Familie, wie man sich noch effizienter aufstellen kann. Direktvermarktung mit kurzen Wegen - darauf will Grölz auf jeden Fall weiter setzen. Immer größere Flächen und immer weiter verzweigte Lieferketten, das könne doch nicht die Zukunft sein, findet sie.

Grölz zeigt, dass es auch anders geht: Die Kartoffeln werden vor allem an drei Einkaufsmärkte in direkter Nähe verkauft, »und die Märkte rufen mich auf dem Handy an, wenn nur noch ein paar Säcke da sind«. Dort habe man sich auch daran gewöhnt, dass die Knollen ungewaschen angeliefert werden - »das machen die Leute ja eh zu Hause, so können wir Wasser sparen«. All das komme bei den Kunden gut an, zumal man versuche, die Preise erschwinglich zu halten. »Es entwickelt sich ganz gut - auch, weil die Leute unsere Gesichter und unsere Geschichte kennen.«

Klimafreundliche Landwirtschaft im Kreis Gießen nominiert

Wie steht sie zu der nun möglichen Auszeichnung mit dem »Ceres-Award«? »Mir bedeutet so ein Preis prinzipiell nicht viel«, bekundet Grölz. Doch ihr sei wichtig zu zeigen, »dass es junge Leute gibt, die mit Leidenschaft in die Landwirtschaft einsteigen«. Dafür, dass sie eigentlich keine Landwirtin werden wollte, hat sie es schon jetzt weit gebracht - ob mit oder ohne Auszeichnung.

Das Nachrichtenportal »agrarheute« kürt im November den »Landwirt des Jahres« mit dem »Ceres-Award«. Marina Grölz ist eine von drei Qualifizierten aus Hessen, insgesamt sind noch 30 Personen im Rennen. Ferner hat sie die Chance, Siegerin in der Kategorie »Bio-Landwirtin« zu werden. In einer Mitteilung hebt der Deutsche Landwirtschaftverlag hervor, dass sie auf Regionalität setzt, etwa beim Kartoffelverkauf, dem Kompostbezug und der Selbsterzeugung von Dünger.

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