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Aus nach 72 Jahren: Traditionsgaststätte im Kreis Gießen schließt

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Von: Lena Karber

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Gehen nun in den wohlverdienten Ruhestand: Doris und Karl-Heinz Becker.
Gehen nun in den wohlverdienten Ruhestand: Doris und Karl-Heinz Becker. © Lena Karber

Für Treis ist es ein herber Schlag, doch für Karl-Heinz und Doris Becker gab es keine Alternative: Nach 72 Jahren schließt zum Ende des Monats das Gasthaus »Zum guten Born« neben dem Sportplatz.

Draußen scheint die Sonne, die Temperaturen machen Lust auf ein Getränk im Biergarten - doch »Am Sportplatz 1« in Treis ist es damit vorbei. »Es ist kein Bier mehr da, die Theke ist leer und die Kühlung abgestellt«, sagt Karl-Heinz-Becker und deutet in Richtung des Zapfhahns, der künftig keine durstigen Kehlen mehr versorgen wird. Denn zum Monatsende ist Schluss: Nach 72 Jahren schließt das Gasthaus »Zum guten Born«, weil sich die Betreiber in den Ruhestand verabschieden. »Das ist eine emotionale Sache, weil ganz viel Herzblut daran hängt«, sagt der 76-Jährige, der die Gaststätte 41 Jahre lang mit seiner Frau Doris geführt hat.

„Zum guten Born“ in Treis: Gaststätte im Kreis Gießen blickt auf 72-jährige Geschichte zurück

Aufgebaut wurde der Betrieb einst von Heinrich und Erna Becker, die in der Nachkriegszeit zunächst Würstchen und Getränke am Rande des Sportplatzes verkauft hatten. Auf den Erwerb der ersten Konzession 1949 folgte 1965 die Einweihung der Gaststätte, die später an Sohn Karl-Heinz und seine Frau Doris überging - und zwar eher unverhofft. Zwei seiner Geschwister waren bereits verheiratet, zwei zu jung - Karl-Heinz Becker hingegen gerade im richtigen Alter. Da er und seine Frau gerade bauen wollten, fügte es sich eines zum anderen. Die beiden stockten auf und übernahmen dabei 1980 auch die Kneipe, die bis dato keine große Speisekarte hatte.

In den kommenden Jahrzehnten setzte das Ehepaar auf gutbürgerliche Küche mit Schnitzel und Co., versuchte jedoch auch, sich stets zu erneuern: Wild, Spargel und saisonale Speisekarten, Gänsebraten und Hausmanns-Kost-Büffets sowie Schlachtfeste, Live-Musik beim Sommerfest und mehrere Umbauten zogen auch Gäste von außerhalb an. »Man braucht lange Zeit, bis man sich den Ruf erarbeitet hat. Das ist keine Sache von Jahren, sondern eine von Jahrzehnten«, sagt Karl-Heinz Becker. Und auf diesem ausruhen dürfe man sich dann auch nicht.

Gaststätte „Zum guten Born“ in Treis schließt: Ehepaar Becker blickt auf schöne Zeit zurück

Gleichzeitig, betont er, sei es ihm stets wichtig gewesen, dass die Leute im »Zum guten Born« auch nur zusammensitzen und etwas trinken konnten. Deshalb habe er darauf verzichtet, ungefragt die Speisekarte zu bringen. Bisweilen habe sich das im Laufe des Abends aber ohnehin noch ergeben. »Die Leute haben gesagt: Komm, wir gehen mal auf einen Schoppen zum Karl-Heinz«, erzählt die 68-jährige Doris Becker. »Und der Hunger kam dann mit jedem Bier ein bisschen mehr.«

Zu den schönsten Momenten zählt für die Beckers die Eröffnung des Biergartens 1992, als die Aufbauhelfer wegen des unerwartet großen Ansturms plötzlich ungefragt Bier servierten, wie der Wirt mit leuchtenden Augen berichtet. Dann erzählen die beiden von einstigen Konfirmanten, die viele Jahre nach ihrem eigenen Fest die Konfirmation ihrer Enkel in der Gaststätte gefeiert haben. »Die Gäste und die ganze Sache sind ein Teil des Lebens. Man wird mit den Gästen zusammen alt«, sagt Karl-Heinz-Becker. Seine Frau stimmt ihm zu. »Freunde, Gäste, Familie - alles wächst mit der Zeit irgendwie zusammen«, ergänzt sie.

Entsprechend ist das Aus der Traditionsgaststätte für viele Gäste eine traurige Nachricht. »Das könnt ihr doch nicht machen!« sei zuletzt einer der am häufigsten gehörten Sätze gewesen, erzählt das Ehepaar - auch von Schulkollegen, die ihrerseits schon längst in Rente seien. »Das können wir doch« lautet dann die Antwort der beiden. »Oder sollen wir irgendwann tot über der Theke hängen?«, fragt Doris Becker im Scherz.

Kreis Gießen: Ehepaar Becker schließt Gaststätte „Zum guten Born“ aus Alters- und Gesundheitsgründen

Doch trotz aller Späße, die Entscheidung haben sich die Beckers nicht leicht gemacht, das ist deutlich zu spüren. Der Gedanke aufzuhören, sei zwar schon lange da gewesen, aber erst gesundheitliche Probleme in den vergangenen Jahren gaben den Ausschlag. »Wenn wir noch jünger wären oder es die Gesundheit besser zulassen würde, würden wir weitermachen, keine Frage«, sagt der Wirt, der auch den Ort im Blick hat, dessen gastronomische Möglichkeiten sich durch die Schließung reduzieren. »Treis ist ein geselliges Dorf, in dem es mehr als in anderen Orten üblich ist, dass man in die Gaststätte geht. Deshalb ist das natürlich schon blöd.«

Dass ihre drei Kinder angesichts von »Festanstellungen, Feierabend und Urlaub« nicht übernehmen wollen, verstehen Doris und Karl-Heinz Becker. Pächter waren für die Familie jedoch keine Option. »Wir leben hier mit drei Generationen«, lautet die Begründung. Entsprechend soll die Wirtschaft nun ebenfalls zum Wohnraum ausgebaut werden, auch eine Sonnenterrasse mit Blick über das Lumdatal entsteht gerade. Zunächst wollen die beiden ihre »neu gewonnene Freizeit« jedoch bei einem zweiwöchigen Kroatien-Urlaub mit der Familie genießen. Angst vor Langeweile haben sie nicht. »Ich konnte mich ja jetzt schon sechs Monate auf den Ruhestand vorbereiten«, sagt Karl-Heinz Becker über den Lockdown. »Es ist schön, einfach mal die Seele baumeln zu lassen und zu ruhen.«

Gaststätte „Zum guten Born“ in Treis schließt: Abschieds-Umtrunk geplant

Die Corona-Pandemie hat bei der Entscheidung der Beckers nach eigenen Angaben keine Rolle gespielt. Doch ist es nicht traurig, ausgerechnet jetzt zu schließen, nachdem so lange keine Gäste empfangen werden konnten? Das Ehepaar verneint das. »Das macht es leichter«, sagt Doris Becker. Dennoch wolle man natürlich nicht ganz ohne Abschiedsfeier gehen. Sollte es die Pandemie zulassen, ist für den Sommer ein Umtrunk geplant. Ein Termin dafür steht noch nicht fest. Genaueres wollen die Beckers rechtzeitig bekanntgeben.

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