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Auch Hausaufgabenbetreuung in Englisch und Mathematik gehört zu den Aufgaben von Shatha Alshoufi (l.).

Freiwilligendienst

Frische Ideen aus Syrien: Shatha Alshoufi bereichert Staufenberger Jugendbüro

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Shatha Alshoufi aus Syrien verstärkt zurzeit das Staufenberger Kinder- und Jugendbüro. Trotz Corona hat sie sich viel vorgenommen - und betont, wie unterschiedlich Kinder in Deutschland und in ihrer Heimat aufwachsen.

Für Shatha Alshoufi ist es weit mehr als nur ein Job. »Ich habe immer davon geträumt, nach Europa zu kommen«, sagt die 29-Jährige. Diesen Traum hat sie wahr gemacht, als Studentin einen Platz in Italien ergattern, ihr Studium abgeschlossen - und nun ist sie in Staufenberg gelandet. Dort absolviert die Syrerin ein Jahr als Freiwilligendienstlerin und verstärkt das Team des Kinder- und Jugendbüros um Jugendpfleger Sven Iffland.

Auch in der Jugendarbeit schieben die Corona-Einschränkungen manchen geplanten Projekten vorerst einen Riegel vor. Doch Alshoufi und ihre Kollegen haben Wege gefunden, um Kinder und Jugendliche trotz Pandemie zu erreichen. Das gilt etwa für die »Gläser-Suche«: In Gefäßen werden Rätsel verstaut und an verschiedenen Orten im Stadtgebiet verteilt. Junge Staufenberger können sich auf die Suche begeben und am Ende ein Lösungswort herausfinden. »Ein tolles Projekt«, findet Alshoufi - zumal es ihr selbst helfe, neben dem regelmäßigen Sprachunterricht mehr deutsche Wörter zu lernen und Staufenberg zu erkunden. Auch am Podcast »Youngagiert« mit bislang drei Ausgaben, bei denen Aktivitäten Jugendlicher Thema sind, ist sie beteiligt.

Von Syrien nach Staufenberg: Studium in Italien

Nachhilfe und Hausaufgabenbetreuung in Mathe und Englisch gehören ebenfalls zu Alshoufis Aufgaben, wobei sie als Arabisch-Muttersprachlerin für manche junge Staufenberger eine besonders gefragte Ansprechpartnerin ist. Und an weiteren Ideen mangelt es nicht: »Ich würde gerne mehr Kinder treffen, auch Projekte zu Klimawandel und Nachhaltigkeit anstoßen«, sagt sie - und hofft, dass in den noch verbleibenden Monaten wieder mehr direkter Kontakt möglich ist.

Auch in ihrer Heimat hat sie schon Erfahrungen mit sozialer Arbeit gesammelt. Neben einer Tätigkeit als Bauingenieurin habe sie dort nachmittags ehrenamtlich Frauen in Sachen Familienplanung beraten, berichtet sie. Ein Engagement, bei dem auch Kontakt zu Kindern wichtig war. Als sie ihr Studium in Damaskus nicht beenden konnte, bewarb sich Alshoufi in mehreren europäischen Ländern für einen Studienaustausch - und aus Italien kam die erste Zusage.

Allerdings sei die Arbeit mit Kindern in Syrien schwieriger gewesen als nun in Staufenberg, sagt Alshoufi, in jedem Fall völlig anders. »Dort ist alles schwierig, viele Kinder haben schwere psychologische Probleme.« Noch wird mancherorts gekämpft. Und auch in jenen Regionen, wo kein Krieg mehr herrscht, ist das Land teils zerstört, mangelt es an vielem, etwa an Infrastruktur und Perspektiven für die Menschen. »Das Problem in Syrien ist, dass Kinder keine Möglichkeit haben, viel zu tun - hier haben sie eine wirkliche Kindheit.« Seit 75 Jahren mussten Kinder in Deutschland keinen Krieg mehr erleben - ein Privileg, von dem viele Kinder in Syrien nur träumen können.

Von Syrien nach Staufenberg: »Hier kannst du deine Freiheit leben«

Mit ihrer Familie in Syrien hält Alshoufi zurzeit vor allem über Social Media Kontakt, lässt sich über die aktuelle Situation informieren. »Meistens haben sie nur stundenweise Elektrizität«, berichtet sie - und erwähnt auch Beispiele, in denen Menschen dort aus purer Not eine Niere verkauft hätten. Mancher veräußere gar seinen Gefrierschrank, der ohnehin nie gefüllt sei, um sich etwas Essen leisten zu können.

Schon die Zeit des Studiums in Italien habe ihr geholfen, »die Unterschiede zwischen den Gesellschaften zu sehen«, sagt Alshoufi. Was ist aus ihrer Sicht besonders bemerkenswert, wenn sie das soziale Miteinander in Europa mit ihrer syrischen Heimat vergleicht? In Europa, so ihr Eindruck, fällten Menschen keine harten Urteile über andere, »hier kannst du deine Freiheit leben«. Auch wüssten Kinder hierzulande um ihre Rechte und Pflichten, anders als in Syrien. Hier wie dort ist es aus Alshoufis Sicht besonders wichtig, sich um die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft zu kümmern, denn: »Kinder sind das Beste, was wir in unserem Leben haben« - auch mit Blick auf die Schaffung einer »starken Zukunft«.

Einen Draht zu Kindern und Jugendlichen in Staufenberg scheint die junge Frau schnell gefunden zu haben - trotz der Sprachbarriere, die sie nun weiter abbauen will. Dabei helfe auch das Zusammenleben mit ihrer Mainzlarer Gastfamilie. Alshoufi zeigt sich dankbar, dass sie nun Zeit in Deutschland verbringen kann, wirkt auch von Staufenberg hellauf begeistert: »Hier sind alle so freundlich!« Sie hofft, nach dem Jahr eine weitere Beschäftigung in Deutschland zu finden. Kürzlich hat sie geheiratet, ihr Mann lebt in Bergisch Gladbach. »Wir wollen uns in Deutschland integrieren und weiter Kontakte knüpfen«, betont Alshoufi.

Von Syrien nach Staufenberg: 30 Bewerber für Freiwilligendienst

Als Mitarbeiterin auf Zeit im Kinder- und Jugendbüro hat sich Alshoufi gegen etwa 30 andere Bewerber durchgesetzt. Zunächst, erläutert Jugendpfleger Iffland, seien vier in die engere Auswahl gekommen. Es folgte ein Videogespräch, bei dem auch Staufenberger Jugendliche dabei waren. »Die haben gesagt: Die Chemie mit Shatha hat schnell gepasst«, auch wenn formal alle geeignet gewesen wären. Die Entscheidung für die junge Syrerin hat Iffland nicht bereut: Sie sei die erste, die über die EU als Freiwillige nach Staufenberg vermittelt wurde, »und besser hätte es gar nicht klappen können«, sagt er. »Man stellt immer mal wieder fest, dass man irgendwann betriebsblind ist«, umso wertvoller sei ein unvoreingenommener Blick von außen auf die Kinder- und Jugendarbeit. »Shatha bringt permanent neue Ideen ein« - kürzlich etwa die syrische Tradition, dass sich Kinder mit Kleinigkeiten beschenken, um den Frühling zu begrüßen.

Laut dem Jugendpfleger ist über das EU-Programm eine Förderung für das kommende Jahr schon beantragt, dann könnte also wieder ein Freiwilliger nach Staufenberg kommen. »Shatha wird große Fußstapfen hinterlassen«, sagt Iffland. Ihr Dienst dauert noch bis November - es bleiben also noch ein paar Monate, um von den frischen Ideen der 29-Jährigen zu profitieren.

Info: EU-Programm

Ermöglicht wird der einjährige Aufenthalt von Shatha Alshoufi über das »Europäische Solidaritätskorps«, ein EU-Programm. Ziel ist, vor allem grenzüberschreitendes Engagement junger Menschen zu fördern, das der Gemeinschaft zu Gute kommt. Weitere Infos online unter www.solidaritaetskorps.de.

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