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Feierstimmung statt Abgesang

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Von: Jonas Wissner

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Dieses Transparent am Werkstor der Mainzlarer »Schamott« lässt erahnen, dass Belegschaft und Unternehmensvertreter nun mit viel Selbstvertrauen in die Zukunft blicken. © Jonas Wissner

Noch vor einem Jahr schien diese Entwicklung fast undenkbar: In Mainzlar ist am Mittwoch die Finanzierung der Gleis-Reaktivierung zur »Schamott« besiegelt worden. Vorerst unklar bleibt, wie sich das konkret auf eine Wiederbelebung der Strecke bis Londorf auswirkt.

Es sei »ein Tag der Danksagungen«, meinte der Mainzlarer Produktionsleiter Michael Schneider am Mittwoch vor der versammelten Belegschaft - und betonte, dass vor allem ihr Dank gebühre: »Ein Team, das psychisch belastet war«, vor einem Jahr noch »vor dem Aus gestanden« habe, könne nun stolz auf sich sein, so sein Tenor. Mehrfach wurde auf dem Podium erwähnt, dass ohne den Einsatz der Mitarbeiter und des Betriebsrats um Michael Schwarz dieser besondere Tag nicht gekommen wäre.

Im Rahmen einer Feierstunde haben die beteiligten Akteure nun den wohl wesentlichen Schritt für den Erhalt der traditionsreichen »Schamott« gemacht, die der Wiener Konzern RHI Magnesita eigentlich zum Jahresende schließen wollte: Am Mittwoch wurde der Finanzierungsvertrag für die 4,4 Kilometer lange Gleisstrecke von Lollar bis zum Mainzlarer Werk unterzeichnet. Die Rückkehr auf die Schiene bis Anfang 2024 hatte RHI zur Voraussetzung gemacht, um das Werk zu erhalten, die Produktion auszubauen und um den Rohstoff Dolomit zu erweitern sowie insgesamt rund elf Millionen Euro in die Erneuerung zu investieren. Für die Strecken-Reaktivierung hatte RHI in den vergangenen Monaten bei Werksbesuchen von politischen Vertretern verschiedener Ebenen intensiv geworben, nachdem der Weltkonzern in Sachen »Schamott« über Jahre kaum die Öffentlichkeit gesucht hatte.

Die Kernpunkte der nun gefundenen Lösung: Die Hessische Landesbahn (HLB) - schon bis zur Stilllegung 2016 Betreiberin des Abschnitts - erwirbt die Strecke von der Deutschen Bahn (DB). Das Gros der Investitionskosten für die Reaktivierung (rund 1,2 Millionen Euro) übernimmt das Land als Förderung. Der Landkreis steigt mit einer laut Landrätin Anita Schneider »symbolischen Beteiligung« von 50 000 Euro ein, die Stadt Staufenberg schießt 30 000 Euro zu. Zur Deckung der Betriebskosten stellt die HLB dem Unternehmen ein »Infrastrukturnutzungsentgelt« in Rechnung, wobei, so Schneider weiter, Stadt und Kreis für 2024 und 2025 »Starthilfe« geben: maximal 20 000 Euro pro Jahr. Die Genehmigung des Güter-Streckenbetriebs sei nun »eher ein formaler Akt«, sagte HLB-Geschäftsführer Veit Salzmann. Man befinde sich in Gesprächen mit dem zuständigen Regierungspräsidium Darmstadt, die Voraussetzungen seien erfüllt.

Um die Bedeutung dieses Tags zu unterstreichen, sparten die Redner vor der Unterzeichnung nicht mit Superlativen. »Was hier heute passiert, ist einzigartig«, sagte Tim Steenvoorden, RHI-Vorstand für Deutschland. Schon jetzt habe man 16 neue Mitarbeiter gewinnen können, die in die künftig erweiterte Feuerfest-Produktion in Mainzlar einsteigen werden. Zeitnah will der Konzern dort 110 Menschen beschäftigen. Constantin Beelitz, der im Unternehmen federführend für Europa zuständig ist, sprach von einem »emotionalen Tag« und lobte ebenfalls die Belegschaft: »Ihr als Mannschaft habt uns und der Welt da draußen gezeigt, dass dieses Werk seinen festen Platz in der Feuerfest-Industrie hat.«

Der Schienenverkehr ermögliche, Rohstoffe »ökologisch und ökonomisch nachhaltig« zu transportieren, was angesichts einer dann mehr als verdoppelten Produktion umso nötiger sei. Ab 2024 peilt RHI wöchentlich ein bis zwei Güterzüge mit 18 Waggons an, die mit maximal 30 km/h von Mainzlar nach Lollar fahren sollen. So könne man 140 Lkw-Fahrten pro Monat und damit erhebliche Treibhausgas-Emmissionen ersetzen.

»Die Mühlen der Bürokratie sind so schnell wie ein ICE dahin geflitzt«, was durchaus ungewöhnlich sei, lobte Beelitz das rasche Zustandekommen der Vereinbarung. Mit der Reaktivierung sei nun »das letzte Damokles-Schwert« für den Standorterhalt abgeräumt. Zum Glück habe das Land »ein passendes Förderprodukt im Haushalt« gefunden, so Jens Deutschendorf, Staatssekretär im Landeswirtschaftsministerium. Die Einigung mit der DB sei »kein Selbstläufer« gewesen. Oft werde darüber gesprochen, Güter auf die Schiene zu holen, »hier wird’s gemacht«.

Er sei dem Ansinnen von RHI anfangs mit Skepsis begegnet, bekundete HLB-Chef Salzmann. »Ich habe mir gesagt: wieder einer, der von irgendwas träumt.« Die Unterstützung durch den Betriebsrat habe für ihn den Ausschlag gegeben. Nun bereite man die Ausschreibung der Bauleistungen an der Strecke vor. Die Landrätin erinnerte an »nicht so schöne Gespräche« mit RHI im Zuge der einst geplanten Schließung. Nun aber gehe der Konzern mit »Zukunftsideen« in die Offensive, arbeite an einer Energieversorgung der »Schamott« aus »grünem Wasserstoff«. Auch dies wolle der Kreis unterstützen. »Es ist geschafft, unsere ›Schamott‹ ist gerettet«, frohlockte Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller. Noch bis vor wenigen Tagen sei verhandelt worden.

Laut HLB müssen nun unter anderem marode Schwellen ausgetauscht, Straßenkreuzungen und zwei Brückenbauwerke erneuert werden. All das werde man bis Ende 2023 schaffen, versicherte Salzmann. »Sie können darauf vertrauen, dass wir auch im Budget bleiben.« Fraglich ist derweil, welchen Einfluss die Reaktivierung der Güter-Teilstrecke auf die gesamte Lumdatalbahn haben wird. Die HLB-Vertreter sagten grundsätzlich Unterstützung zu. »Wir geben den Kampf nicht auf«, sagte Landrätin Schneider und verwies auf die vom Land beim Bund beantragte Förderung. Derzeit würden die Kosten im Verhältnis zum Nutzen geprüft. Sie gehe davon aus, dass die Güterverkehr-Reaktivierung bis Mainzlar darauf einen positiven Effekt haben werde - in welchem Maß, bleibt vorerst offen.

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