pax_1153hochwasser_23072_4c_1
+
Teile der Straße wurden von den Wassermassen weggerissen.

»Es fehlten ganze Wände« - Feuerwehren aus Kreis Gießen berichten von Unwettereinsatz in Vicht

  • VonPatrick Dehnhardt
    schließen

Nach dem verheerenden Unwetter war der Katastrophenschutzzug des Landkreises ausgerückt, um den Menschen in Vicht in der Eifel zu helfen. Der Vichtbach hatte das Dorf bis zu drei Meter hoch überflutet.

Bereits am Sonntag sind die 32 Feuerwehrleute aus dem Landkreis von ihrem Einsatz in Nordrhein-Westfalen zurückgekehrt. Doch die Bilder der Zerstörungen haben sie noch immer im Kopf - aber auch das gute Gefühl, den Menschen vor Ort geholfen zu haben.

Am Donnerstag vor einer Woche war der Katastrophenschutzzug als Verstärkung alarmiert worden. Den Männern aus Buseck, Grünberg, Reiskirchen und Staufenberg blieben nur vier Stunden Zeit, um zu packen, sich beim Arbeitgeber abzumelden und Zuhause alles zu regeln. »Ohne den Rückhalt der Familie geht es nicht«, sagt Julian-Ole Schwarzkopf. Der Kreisbrandmeister leitete den Einsatz des Gießener Zuges.

Es waren teils unwirkliche Szenen, die sich ihnen vor Ort darboten. »Wir hatten Bilder gesehen, konnten uns aber nicht vorstellen, wie es vor Ort tatsächlich aussieht«, erzählt Schwarzkopf. Er und seine Kollegen wurden in den Stolberger Stadtteil Vicht geschickt. Schwarzkopf beschreibt das Gelände dem Lumdatal ähnlich.

Vicht, das Dorf mit knapp 1900 Einwohnern, liegt am Vichtbach. »Das ist ein Bach wie die Lumda, im Sommer ein Rinnsal«, sagt Schwarzkopf. Nach dem Unwetter stand das Wasser am frühen Mittwochmorgen teils drei Meter hoch auf den Straßen. »Am Bachufer lag kein Stein mehr auf dem anderen«, schildert der 38-Jährige.

Fast alle Straßen in das Dorf waren zerstört, blockiert oder unterspült, nur noch eine Spur führte sicher hinein. »Die Menschen waren stellenweise komplett von der Außenwelt abgeschnitten«, sagt Schwarzkopf.

Viele junge Feuerwehrleute haben solch ein Bild zum ersten Mal gesehen. Aber auch Kameraden, die beim Elbhochwasser im Einsatz waren, hätten dieses flächendeckende Ausmaß an Zerstörungen noch nicht erlebt. Autos waren von den Wassermassen über Kilometer mitgerissen worden, überall roch es nach Heizöl und Diesel. Mehrere Gebäude waren unterspült, einige teilweise eingestürzt. »Da fehlten bei einigen Häusern ganze Wände vom Keller bis zum Obergeschoss.«

Das erschwerte die Arbeit der Feuerwehr. Immer wieder mussten sich Spezialisten anschauen, ob ein Haus überhaupt sicher betreten werden kann. Neben der Statik musste kontrolliert werden, ob der Strom abgeschaltet oder ein Gasleck vorhanden ist. »Wir wollen schließlich alle wieder sicher nach Hause kommen.« Teilweise mussten Bewohner noch aus einsturzgefährdeten Bauten evakuiert werden, da sie die Gefahr nicht erkannten.

Gut 30 Einsatzstellen bearbeiteten Schwarzkopf und seine Kollegen in Vicht. ,»Es war das komplette Spektrum der Feuerwehr gefordert«, sagt er. Zunächst kontrollierten die Feuerwehrleute die angeschwemmten Autos, ob sich in diesen noch Menschen befanden. Das war zum Glück nicht der Fall.

Türen musste geöffnet und in Gebäuden nach Vermissten gesucht, aber auch medizinische Notfälle wurden betreut. »Die Wiesbadener Kameraden hatten einen Notarzt mit dabei, das hat viel geholfen«, erzählt Schwarzkopf. Manchmal waren sie aber auch einfach nur als Zuhörer gefragt. »Die Leute hatten es noch nicht realisiert, was da passiert ist.«

In ihrer eigentlichen Profession lag die Hauptarbeit aber beim Auspumpen der Keller. Das Land Hessen hat in den vergangenen Jahren viel in den Katastrophenschutz investiert und Fahrzeuge und Abrollbehälter mit mehreren Pumpen landesweit stationiert. Auch in Staufenberg steht solch ein Auto. »Mit so vielen Pumpen ist man schlagkräftig.« Jedoch kamen die Einsatzkräfte auch an ihre Grenzen. »Wenn das Wasser weg ist, braucht man einfach Räumgerät.«

Beeindruckt ist Schwarzkopf von der Zahl der vielen Helfer. »Als wir anrückten, war niemand auf der Straße.« Nachdem die Feuerwehr ihre Gerätschaften auspackte, änderte sich dies. Immer mehr Menschen, auch Auswärtige, packten mit an. »Das war fast unheimlich, dass so viele Menschen kamen, die ungefragt mit anpackten. Es war schon stark zu sehen, dass jemand mit einem Bagger kommt und sagt: ›Ich habe heute Zeit, ich räume dir die Straße frei.‹«

Noch immer besteht Kontakt zur Feuerwehr in Vicht, ein Hilfstransport wird sich am Wochenende dorthin auf den Weg machen.

Schwarzkopf zieht ein positives Fazit. Die Ehrenamtlichen seien froh gewesen, dass sie den Menschen vor Ort helfen und ihr Fachwissen anwenden konnten. »Es war eine tolle Truppe und eine gute Zusammenarbeit mit den Wiesbadener Kameraden. Mehr konnten wir am Ende des Tages nicht tun.«

Mehr zu Spendenaktionen einzelner Kommunen und des Landkreises auf Seite 35 .

Beschädigtes Wohnhaus in Vicht.
Das Katastrophenschutzfahrzeug aus Buseck in der Ortsdurchfahrt von Vicht

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare