Erinnerungen an Peter Kurzeck bleiben

Staufenberg (khn) Am Montag ist der Staufenberger Schriftsteller und Ehrenbürger Peter Kurzeck in Folge mehrerer Schlaganfälle gestorben. In der Gießener Allgemeinen erinnern sich Weggefährten an den Chronisten, der Staufenberg und seinen Menschen in der Nachkriegszeit ein literarisches Denkmal geschaffen hat.

Im Sommer noch feierte er in Staufenberg seinen 70. Geburtstag. Die Tage dieses Wochenendes im Juni wurden zu wahren Peter-Kurzeck-Festspielen. Hier würdigte eine Stadt einen der ihren, aber auch einen herausragenden Schriftsteller, der ein exzessiver Erinnerer war und wie kaum ein anderer Autor der Gegenwartsliteratur seine Biografie, das eigene Erlebte, in den Mittelpunkt seines Schaffens stellte. Am Montag hat Peter Kurzeck aufgehört, sich zu erinnern. Der Staufenberger Ehrenbürger starb in Folge mehrerer Schlaganfälle, teilte sein Verleger KD Wolf, der Leiter des Stroemfeld Verlags, in der Nacht zu Dienstag mit.

Am Dienstag liegt die Staufenberger Vorstadt still da. So, als ob hier jeder von der Nachricht erfahren hätte: Peter ist tot. Ihr Peter, der 1946 als Dreijähriger zusammen mit seiner Mutter aus Tachau in Böhmen nach Staufenberg gekommen war. Ein Vertriebener. Zu wenig Erinnerungen hat Kurzeck an die Zeit vor der Flucht. Staufenberg wurde seine Heimat. Das Gefühl, wie schnell diese verschwinden kann, hat in ihm den Gedanken reifen lassen, sich zu erinnern.

Roland Heger und Peter Kurzeck kannten sich seit Kindesbeinen an. Beim »literarischen Spaziergang« zu Ehren seines 70. hatte der Schriftsteller noch von ihrer ersten Begegnung erzählt. Er habe gewusst, erzählte Kurzeck, er könne sich auf Heger verlassen. Der erfuhr die Nachricht vom Tod Kurzecks gestern von einer Nachbarin. »Ich bin sehr betroffen«, sagt er. Zusammen mit Ilona Fuchs, der Leiterin der CBES-Mediothek, hatte er Kurzeck kürzlich im Krankenhaus besucht. »Er war bestürzt, ungeduldig, weil er nach dem Schlaganfall nur noch schlecht sehen konnte.

« Trotzdem wurden schon wieder Pläne geschmiedet: Der Verlag wollte in Bergen-Enkheim eine Wohnung anmieten, in der Kurzeck weitererzählen wollte.

Roland Hegers Bruder Manfred wohnt in der Nähe des Krankenhauses und habe seinen Freund regelmäßig besucht, ihm geholfen. Auch in seinen letzten Tagen, das muss Kurzeck gespürt haben, konnte er sich auf seine Freunde verlassen. Heger tut es »unheimlich weh«, dass Kurzecks Leben ein so schnelles Ende gefunden hat. »Lese oder höre ich Peter Kurzeck, läuft unsere gemeinsame Kindheit wie ein Film vor mir ab.«

Auch für Ilona Fuchs kam die Nachricht vom plötzlichen Tod Kurzecks überraschend. »Wir haben nicht nur einen wunderbaren Erzähler und Autoren verloren«, sagt sie, »sondern auch einen Freund.« Wenn Kurzeck ins Erzählen gekommen sei, wie zum Beispiel der Flieder in Staufenberg blühe, hätte man diesen förmlich riechen können. Kurzeck habe ein Gedächtnis gehabt für Kleinigkeiten und Veränderungen im Leben.

Fuchs erinnert sich noch an die erste Lesung mit Kurzeck. 1987 sei das gewesen. »Ich kannte ihn vorher noch nicht, fand seine Bücher oftmals schwer zu lesen.« Dann aber zog seine Stimme sie in seinen Bann. »Man muss diese Stimme gehört haben«, sagt Fuchs, macht eine kurze Pause und fügt leise hinzu. »Er wurde ja immer besser.«

Zu Kurzecks 70. Geburtstag hatte die Stadt in Zusammenarbeit mit der Mediothek eine Erinnerungstafel an der Goetheschule anbringen lassen. Hier hatte der Schriftsteller in seiner Kindheit gelebt. Das Projekt werde man weiterverfolgen, sagt Fuchs. »Auf keinen Fall werden wir ihn vergessen, aber er hätte ruhig länger leben können.«

Der ehemalige Staufenberger Bürgermeister Horst Münch kannte Peter Kurzeck schon seit der Jugend. Freunde waren sie. »Es ist ein schwerer Schlag«, sagt Münch, »nicht nur für mich persönlich, sondern auch für ganz Staufenberg.« Kurzeck habe die Stadt über die Landkreisgrenzen bekannt gemacht – und das Leben von damals in den Mittelpunkt gerückt. »Erinnern wird man sich an einen Schriftsteller, der am Anfang verkannt worden ist, aber dann große Anerkennung erfahren hat«, sagt Münch.

Hans Fink ist mit Kurzeck zur Schule gegangen. »Er hat das Leben nach dem Krieg in Staufenberg verewigt und hält es mit seinem Werk am Leben«, sagt er. »Wenn ich ihm lausche oder seine Bücher lese, sehe ich plötzlich ganz klar Leute vor mir, die schon lange nicht mehr leben. Mit all ihren Eigenheiten.« Kurzeck habe das Leben um ihn herum aufgesaugt wie ein Schwamm und es bewahrt. Bewahrt werden sollen nach Wunsch von Fink die Orte, die Kurzeck literarisch beschrieben hat. »Schön, wenn uns eine Art Peter-Kurzeck-Weg gelingen würde«, sagt er.

Staufenbergs Bürgermeister Peter Gefeller ist traurig über den Tod Kurzecks. Es sei nicht nur ein großer Verlust, weil er Staufenberg in die Feuilletons gebracht habe, sondern auch als Mensch sehr angenehm gewesen sei. »Ich denke nur an die Spaziergänge, die für die, die zuhören durften, ein Hochgenuss waren.« Froh sei er, dass es noch gelungen sei, für den Ehrenbürger Staufenbergs zu seinem 70. Geburtstag ein Veranstaltungswochenende zu organisieren – darüber habe sich Kurzeck sehr gefreut. »Seine Schaffens- und Wirkungskraft reicht weit über sein Leben hinaus.« Kays Al-Khanak

Schriftsteller Kurzeck im Alter von 70 Jahren gestorben

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