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Das Podium der ersten Veranstaltung des neuen Formats Jugenddialoge besetzten (v. l.) Evelyn Janetzky, Dirk Haas, Marlon Welsch und Abhinav Sawhney.

Begegnungsorte schaffen

  • VonVolker Heller
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Staufenberg (vh). Die Partnerschaft für Demokratie »Dabeisein in den Gießener Lahntälern« hat ein neues Format entwickelt. Es nennt sich »Jugenddialoge«. Funktionsträger, hauptsächlich aus der Kommunalpolitik, und Betroffene sollen auf dem Podium miteinander diskutieren. Den Einstieg machte die Veranstaltung »Politische Bildung durch Proteste und soziale Bewegungen« am Donnerstagabend.

Vorgesehen dafür war die Bühne vor dem alten Palas der Oberburg Staufenberg. Wegen schlechten Wetters wurde die Podiumsdiskussion in das Burghaus der Staufenberger Heimatvereinigung verlegt.

Unterschiedliche Bedürfnisse

Auf dem Podium saßen die junge Aktivistin Evelyn Janetzky vom Gießener Ableger der Jugendbewegung Fridays for Future, Busecks Bürgermeister Dirk Haas und Abhinav Sawhney vom autonomen Bi-Schwulen-Trans-Queer-Referat der Justus-Liebig-Universität Gießen. Sawhney betreut in Marburg das Queer-and-Friends-Café, ein sogenannter Safespace-Treffpunkt für Jugendliche und junge Erwachsene. Für die Moderation war Marlon Welsch zuständig. Er macht gerade ein Praktikum beim Demokratieförderprojekt »Dabeisein in den Gießener Lahntälern«.

Haas fiel auf den ersten Blick etwas aus dem Rahmen. Vor seiner Wahl zum Bürgermeister war er jedoch ehrenamtlicher Dezernent für Migration und Integration beim Landkreis Gießen. Außerdem ist in seiner Gemeinde die politisch eingebundene Jugendarbeit schon ein wenig weiter fortgeschritten als in den Nordkreiskommunen. Die Podiumsdiskussion brachte auch für den ländlichen Raum wohl ungewohnte Wortschöpfungen wie »queere Bubbles« oder »empowern«. Wer den neuen Szene-Släng nicht kennt, muss künftig hinzulernen.

Aus welchem sozialen Hintergrund stammten die Teilnehmer von Protestbewegungen, erörterte die Runde anfangs. Janetzky fand, es seien oftmals privilegierte Menschen, die sich politisch zu äußern wüssten.

Haas ordnete sie in die liberale, linke oder grüne Richtung ein. Insgesamt seien das bildungsnahe Bevölkerungsschichten. Proteste seien auch Menschen aus dem rechten Spektrum zuzuordnen.

Sawhney nannte den höheren Bildungsstand. Diese Leute wüssten wie man sich Gehör verschafft.

Nun erörterte man, was eine Kommune tun könne Menschen aus nicht privilegierten Schichten zu unterstützen. Janetzky schlug vor, Begegnungsorte zu schaffen mit Freiräumen zur Weiterbildung ohne Leistungsdruck. Sie nannte beispielhaft selbst verwaltete Jugendcafés oder Theatergruppen. Haas gab zu bedenken, selbst offene Jugendzentren seien nur bedingt geeignet. Eigentlich bräuchte jede Kommune einen Streetworker. Dies sei für die kleinen Kommunen im Nordkreis aber nicht zu leisten.

In Buseck suche man etwa den Kontakt zur Schulsozialarbeit. Der optimale Weg sei das nicht. Eigenartig sei, dass die Menschen mit Migrationshintergrund aus der dritten Generation sich häufig schlechter integrieren ließen als vorherige Generationen.

Sawhney sagte, dass geflüchtete Jugendliche oft Erfahrungen mit der Staatsgewalt hätten. In Deutschland wiederum übe die Schule eine andere Art von Staatsgewalt aus. Deshalb fühlten sich die Jugendlichen nicht abgeholt. Gute Erfahrungen in seinem Café habe er gemacht, wenn Teamer, die selbst unterschiedliche Erfahrungen mitbrächten, queere Angebote machten. Immer dann sei das Haus voll. Die Kommunen müssten zuhören und anerkennen, dass es unterschiedliche Realitäten und Bedürfnisse gibt.

Die Reihe wird fortgesetzt am 2. September um 19 Uhr in der Aula der Gesamtschule Allendorf/Lumda mit dem Thema »Partizipation und politische Bildung in weiterführenden Schulen«.

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