Vor dem Gießener Amtsgericht muss sich ein 48-Jähriger wegen Nachstellung - umgangssprachlich Stalking - verantworten.
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Vor dem Gießener Amtsgericht muss sich ein 48-Jähriger wegen Nachstellung - umgangssprachlich Stalking - verantworten.

Stalkte Stammkunde Kassierin? - Prozess in Gießen

  • Patrick Dehnhardt
    vonPatrick Dehnhardt
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Dass eine Kassiererin freundlich grüßt, ist eigentlich selbstverständlich. Ein 48-Jähriger aus dem Ostkreis sah darin jedoch ein Zeichen der Zuneigung.

A. arbeitet in einem Supermarkt im Ostkreis. Die Kunden freundlich zu grüßen, Stammkunden mal zu fragen, wie es ihnen geht oder "Frohe Weihnachten" zu wünschen gehört zu ihrer Berufsauffassung dazu.

Die meisten Kunden dürften sich darüber freuen, sich jedoch nicht viel mehr dabei denken. Bei H. war das jedoch anders: Der 48-Jährige glaubte, dass die 32-Jährige an ihm ein persönliches Interesse habe. Nachdem die Situation vollends aus dem Ruder lief, folgte nun das Nachspiel vor dem Amtsgericht Gießen.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Lageristen aus dem Ostkreis vor, der Frau nicht nur mehrfach nachgestellt - sie "gestalkt" -, sondern sie auch mit falschen Vorwürfen bei der Polizei angezeigt zu haben.

Angeklagten nie angerufen

Die junge Frau berichtete in der Verhandlung vor Richter Dr. Dietrich Claus Becker, wie sich das Verhalten des Angeklagten über die Jahre hinweg immer weiter zugespitzt habe. 2015 sei ihr der Stammkunde erstmals aufgefallen. Sie habe ihn wie jeden anderen Kunden begrüßt: "Ich habe mir nie dabei etwas gedacht." Als H. ihr seine Handynummer überreichte, habe sie erstmals bemerkt, dass der 48-Jährige wohl Interesse an ihr habe. Sie habe ihn nicht angerufen.

Dass deutliche Zeichen der Ablehnung schien der Angeklagte jedoch nicht zu verstehen. Immer wieder sei er in dem nicht in seiner Heimatkommune gelegenen Supermarkt aufgetaucht, habe sich dabei ungewöhnlich verhalten.

Kunde wollte Hände schütteln

So soll er der Kassierin immer wieder eine für einen Supermarkt ungewöhnliche Form der Begrüßung aufgezwungen haben: "Er kam und hat meine Hand geschnappt", um sie zu schütteln", sagte A.

Nach und nach habe sich ein Kreislauf entwickelt: Zunächst habe H. ihr seine Handynummer überreicht, dann sich beschwert, dass sie nicht anrief. Schließlich entschuldigte er sich - und der Zyklus begann von vorne. Zudem deponierte er Geschenke unter ihrem Auto: Mal eine Rose, dann einen Gutschein für ein Nagelstudio.

Kollegen hätten keine Eskalation erwartet

Die Geschenke habe sie stets entsorgt, sagte A. Diese ihm zurückgeben wollte sie nicht, da sie dann mit ihm persönlich hätte in Kontakt treten müssen. A. sprach mit Kollegen über das Problem. "Es wurde aber nie so richtig ernst genommen. Es hat nie jemand gedacht, dass das so eskaliert."

Staatsanwalt Spät fragte, ob sie dem Angeklagten deutlich gemacht habe, dass sie sich durch ihn belästigt fühle. "Ich bin kein Typ, der auf den Tisch haut", sagte A. Sie habe ihm aber gesagt, dass sie verheiratet sei, in der Hoffnung, er ließe sie dann in Ruhe.

Die junge Frau schilderte, sie habe sich zunehmend unwohl gefühlt, wenn der Angeklagte den Markt betrat. Zunächst habe sie versucht, ihm aus dem Weg zu gehen: Sobald H. im Geschäft eintraf, habe sie sich nach Möglichkeit im Lager versteckt und sei informiert worden, wenn er weg war. Seitdem sie H. einmal zufällig in Lich begegnet und er ihr und ihrer Mutter ein Gespräch aufgezwungen habe, meide sie die Stadt.

An Tankstelle angesprochen

Am 6. Mai letzten Jahres sei die Situation vollends eskaliert: H. wollte sich wieder einmal bei der Kassiererin entschuldigen. Dabei soll er mit einem Kleinbus auf den Supermarktparkplatz gerast und einen Unfall versucht haben. Während sich A. im Lager versteckte, sollen Kollegen den Angeklagten festgehalten haben, bis die Polizei eintraf.

Einige Tage später habe er sie an der Tankstelle angesprochen, wirr auf sie eingeredet, ihr vorgeworfen, sie habe ihm nicht geholfen. "Ich sei seine Seelenverwandte." Als sie wegfahren wollte, habe er sogar ihre Autotür geöffnet. Danach zeigte H. die 32-Jährige an, da sie ihn angeblich beleidigt haben soll. Danach habe sie H. als Stalker angezeigt, um ihm deutlich zu machen: "Ich möchte, dass er mich in Ruhe lässt."

Angeklagter: "Chemie stimmte sofort"

Der Angeklagte H. hatte zunächst erklärt, die Aussage verweigern zu wollen, geriet danach jedoch ins Plaudern. "Die Chemie stimmte sofort", beschreibt H. den Moment, als er auf die Kassiererin aufmerksam wurde. "Die hat freundlich gegrüßt, frohe Weihnachten und frohe Ostern gewünscht." Später habe er nie das Gefühl gehabt, dass sie sich von ihm belästigt fühle: "Ich hatte nie den Eindruck, dass sie sich versteckt hat. Wenn das anders ist, habe ich das nicht bemerkt."

Richter Becker zeigte sich nach der Aussage des Opfers besorgt: "Da muss man vorsichtig sein." Er ordnete die psychiatrische Begutachtung des Angeklagten an.

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