Pohlheims Stadtschäfer Andreas Rinker lässt seine Tiere seit Jahren regelmäßig in der Leimenkaute weiden. Damit ist nun Schluss.
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Pohlheims Stadtschäfer Andreas Rinker lässt seine Tiere seit Jahren regelmäßig in der Leimenkaute weiden. Damit ist nun Schluss.

Ärger um Weidewiese

Warum sich Pohlheims Stadtschäfer schikaniert fühlt

  • vonStefan Schaal
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Pohlheims Stadtschäfer Andreas Rinker ist ratlos. Auf einer Fläche bei Grüningen soll ein Apfelwald entstehen, wo Rinker seit Jahren seine 250 Schafe weiden lässt. "Die Stadt hat mir bisher die Fläche überlassen, während ich das Grundstück pflege", sagt er. Der Konflikt macht auf das Problem mündlich geschlossener Pachtverträge aufmerksam.

Andreas Rinker flucht. Der Stadtschäfer Pohlheims sitzt auf einer Holzbank inmitten einer in sattem Grün strahlenden Wiese in der Leimenkaute und schimpft. "Das ist eine ganz linke Nummer", sagt er. "Hinterhältig." Der 54 Jahre alte Grüninger redet sich in Rage: "Ich lass mich nicht schikanieren."

Über Anzeige nachgedacht

Hier, in der Leimenkaute, einer 3,8 Hektar großen Grasfläche im Besitz der Stadt zwischen Watzenborn-Steinberg und Grüningen, lässt Rinker regelmäßig seine Schafe weiden. Seit nun 17 Jahren schon. Die Stadt habe ihm diese Fläche 2003 zur Verfügung gestellt, erzählt er. "Aber plötzlich soll diese Absprache nicht mehr gelten. Und das habe ich aus der Zeitung erfahren müssen."

Wilde Äpfel sollen in der Leimenkaute bald wachsen. Die Pflanzung von bis zu 300 Bäumen mit Ursorten wie Holz-, Orient- und Kirschäpfeln ist hier geplant. "Wir wollen der Natur einen Vorschlag machen", hat vor wenigen Wochen der Physiker und Ernährungswissenschaftler Dr. Bernd Wirsam erklärt, Initiator des Projekts. Ziel sei ein möglichst vielfältiger und ursprünglicher Apfelwald. Stadtschäfer Rinker allerdings fühlt sich dabei übergangen.

"Ich habe schon überlegt, ob ich die Stadt Pohlheim beim Amt für Regionalentwicklung anzeige", sagt Rinker. Dort müsse er die von ihm genutzten Flächen immer angeben. "Die Stadt hat einen mündlichen Pachtvertrag gebrochen."

"Mündliche Pachtverträge und Absprachen sind für alle Beteiligten ein Problem"

Dieser Vorwurf ist, auch juristisch betrachtet, wohl nicht korrekt. Es dürfte sich eher um ein Leihverhältnis als um einen Pachtvertrag handeln. Die Stadt hat die Fläche Rinker zur Verfügung gestellt, dieser lässt darauf die 250 Schafe seines landwirtschaftlichen Betriebs weiden und pflegt im Gegenzug das städtische Grundstück. "Ich räume auf, beseitige Totholz. Ich spare der Gemeinde dadurch viel Geld und Arbeitszeit", sagt der Stadtschäfer, der außerdem beim städtischen Bauhof angestellt ist.

Eine Klage Rinkers dürfte allerdings wenig Aussicht auf Erfolg haben. Bei mündlich geschlossenen Pachtverträgen gilt eine Kündigungsfrist von zwei Jahren, bei Leihverhältnissen gibt es hingegen keine Fristen, sie sollen nur nicht zur "Unzeit" gekündigt werden. Der Konflikt macht aber auf die Schwierigkeit mündlich geschlossener Absprachen über Grundstücke und Flächen aufmerksam, die auch im Kreis Gießen immer wieder auftritt.

Pohlheims Stadtrat Ewald Seidler ist sich des Problems ebenfalls bewusst, bei den Planungen für den Apfelwald an der Leimenkaute sei dies durchaus deutlich geworden, erzählt er. Es gebe neben der klassischen Pacht zahlreiche Vereinbarungen zur Unterverpachtung oder Nutzung und Überlassung der städtischen landwirtschaftlichen Grundstücke, allerdings in vielen Fällen nur mündlich. "Zum Beispiel vererbt ein Großvater seinem Enkel auch mal die Nutzung einer Fläche."

Seidler fordert Pächter daher auf, mündliche Absprachen dem Liegenschaftsamt der Stadt mitzuteilen. Die Meldung von Änderungen in der Nutzung von Fläche sei eigentlich Pflicht, das unterbleibe aber häufig. Es gehe nicht um Sanktionierung, "sondern allein um Klarheit, wer welches städtische Grundstück aktuell bearbeitet", erklärt der Stadtrat. Dann betont er: "Mündliche Pachtverträge und Absprachen sind für alle Beteiligten ein Problem." Dies sei sicher kein spezielles Pohlheimer Thema.

"Es ist verdammt hart, Bauer zu sein"

Den Konflikt mit dem Stadtschäfer bezeichnet Seidler als "unsichere Geschichte" - weil es kein schriftliches Dokument gibt. Der Stadtradt ergänzt: "Wir glauben nicht, dass ein mündlicher Pachtvertrag existiert." Die Stadt habe zudem als Eigentümerin der Fläche Interessen. Für die Pflanzung des Apfelwalds habe sich die Leimenkaute als geeignet erwiesen. Man habe Rinker außerdem inzwischen andere Flächen für seine Schafe zum Weiden angeboten. "Er ist nicht darauf eingegangen."

Rinker sitzt auf der Holzbank in der Leimenkaute. Der Ärger ist noch nicht abgeflaut. Klar, für die Schafe stehen ihm insgesamt sieben Hektar Grünfläche zur Verfügung. Ihm gehe es aber nicht nur um die Fläche, wiederholt er. Mit der Hand fasst er an den Hut auf seinem Kopf. Ein Spruch, der allmählich verblasst, steht auf dem Hut geschrieben. "Es ist verdammt hart, Bauer zu sein."

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