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Mitten in Leihgestern fühlt sich sogar ein Reiher sichtlich wohl.

Stadt ohne Zentrum

  • Philipp Keßler
    VonPhilipp Keßler
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(phk). Eine Stadt mit mehr als 13 000 Einwohnern aber ohne echtes Zentrum. Das ist Linden. Und trotzdem ist der Zusammenschluss aus den Orten Großen-Linden und Leihgestern überaus erfolgreich.

Da wären zum einen satte 2000 (!) Arbeitsplätze - alleine im Gewerbegebiet Lücke- bachtal. Egal ob das E-Commerce-Unternehmen Alternate, der Online-Bezahldienstleister Klarna, der inzwischen mangels Platz nach Gießen gezogen ist, oder der Automobilzulieferer Stanley Tucker, sie alle sorgen für Arbeit und Steuereinnahmen. Wenn die Arbeit getan ist, warten mit einem Sportpark, einer Bowling-Halle, einem Trampolin- und Erlebnispark und einem Escape-Room hochkarätige Freizeitangebote auf Besucher. »Beides, Gewerbe und Freizeitattraktionen, sind in dieser Dichte für den Kreis Gießen ziemlich ungewöhnlich«, sagt Stefan Schaal.

Er ist seit 2018 als Redakteur für Linden, Pohlheim und Langgöns zuständig und weiß, wem die Stadt das mit zu verdanken hat: Altbürgermeister Ulrich Lenz, der die Geschicke der Stadt zwischen 1977 und 2013 sagenhafte 36 (!) Jahre als Bürgermeister prägte. Nicht mehr im Amt erleben wird er die Realisierung des Projektes »Pfaffenpfad«, einem interkommunalen Gewerbegebiet zwischen Gießen und Linden, das bereits vor 20 Jahren mal auf der Agenda stand, nun mangels Alternativen aber wieder im Gespräch ist.

Dass es überhaupt so viele Projekte, wie etwa eine neue Kindertagesstätte mit 125 Plätzen oder ein für 20 Millionen Euro aus- und umgebautes Seniorenzentrum, gibt, verdankt die Stadt einer Mischung aus stetigem Bevölkerungswachstum - natürlich der Lage an Autobahn, an Bahnstrecke und nahe Gießen - und hohen Gewerbesteuereinnahmen. Fazit: »Linden geht’s gut.«

Buntes Parlament

Besonders: Politisch gibt es keine feste Koalition im Stadtparlament, in dem gleich sieben unterschiedliche Parteien vertreten sind - das ist in keiner Kommune im Landkreis Gießen so, außer in Gießen selbst. Entsprechend hart ist der Wahlkampf, entsprechend kontrovers sind die Debatten und entsprechend schwierig ist oft die Mehrheitsfindung.

Bevor aber der Eindruck entsteht, in Linden ginge es nur um Geld, Politik und Bauprojekte: Auch die Natur kommt nicht zu kurz. Etwa auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Lehmann mitten in Leihgestern. Hier hat sich ein Kleinstbiotop mit zwei Seen erhalten, das in Privatbesitz ist - und in der Region sicher seinesgleichen sucht. »Ich war richtig überrascht, als ich das erste Mal hier war«, sagt Schaal. »Ich hätte nicht erwartet, hier so etwas zu finden.«

Diese »Oase der Ruhe« ist einer seiner zwei Lieblingsorte in Linden. Der zweite ist Gut Neuhof zwischen Leihgestern und Grüningen, »so abgelegen, dass selbst das Navi nicht funktioniert«, wie Schaal es ausdrückt. Die ehemalige Hippie-Kommune wird heute von etwa 40 Menschen bewohnt. »Hier kann man schön spazieren gehen«, sagt Schaal, der Ausflüglern aber auch einen Besuch beim alljährlichen Marienmarkt in Leihgestern ans Herz legt.

Doch neben wirtschaftlichen und »touristischen« hat Linden auch ein musikalisches Aushängeschild: Das Musikcorps der Freiwilligen Feuerwehr. Der Spielmannszug hat 1974 zwei Weltmeistertitel errungen und ist heute noch bei derlei nationalen und internationalen Großereignissen vertreten. »Es ist der Stolz der Stadt«, sagt Schaal - und fügt hinzu: »Und schon ein Erlebnis, einmal dabei zu sein.« Das könnte so auch für viele andere Bereiche in Linden gelten.

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