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Walter Kwartnik

Stabübergabe in schwierigen Zeiten

  • vonFranz Ewert
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Gießen (sel). »Wie viel Herzblut jemand in eine ehrenamtliche Funktion und Aufgabe stecken kann, das habe ich im Blick auf dein Leben und Wirken erfahren. Du warst ein Fels in der Brandung«: Björn Hendrischke, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft (KH) Gießen, brachte in diesen zwei Sätzen die Hochachtung der gesamten Kreishandwerkerschaft an Walter Kwartnik zum Ausdruck.

Denn der Bäcker- und Konditormeister aus Kesselbach, der nach der Aufgabe seines eigenen Betriebes inzwischen seinen Wohnsitz nach Lehnheim verlegt hat, hat sein Amt als Obermeister der Bäckerinnung Gießen aus Alters- und Gesundheitsgründen zur Verfügung gestellt. Zu seinem Nachfolger an der Spitze der aktuell nur noch elf aktive Betriebe umfassenden Innung wurde der langjährige stellvertretende Obermeister Bernd Braun (Gießen) gewählt.

Kwartnik ist am 28. April nach genau 30 Jahren - davon sieben als stellvertretender Obermeister und 23 als Innungsobermeister - aus dem Vorstand der Bäckerinnung Gießen ausgeschieden. Bis 2019 stand er zudem 13 Jahre als Kreishandwerksmeister an der Spitze der KH Gießen mit ihren insgesamt 21 Innungen und über 1000 Mitgliedsbetrieben. Ferner war er 15 Jahre Mitglied im Vorstand der Handwerkskammer Wiesbaden und gehörte 25 Jahre deren Vollversammlung an. Der mittlerweile 70-jährige Kwartnik hat seine zahlreichen berufsständischen Ehrenämter niedergelegt. Die Probleme des Handwerks, insondere auch jene der Bäckerinnung Gießen, sind geblieben.

Qualifizierte Mitarbeiter fehlen

Der neue Obermeister Bernd Braun und mit ihm seine Mitstreiter im Vorstand, der neue stellvertretende Obermeister Georg Lambertz (Gießen) sowie Peter Seidl (Krofdorf-Gleiberg), werden sich ihrer gemeinsam mit der Geschäftsführung der KH Gießen weiterhin annehmen (müssen). Dringlich zu bearbeiten sind vor allem drei Problemfelder: der berufliche Nachwuchs, die sinkende Zahl der Mitgliedsbetriebe und damit korrespondierend die von der Innung erkannte Notwendigkeit, gemeinsam mit benachbarten Bäckerinnungen über Kooperationen und neue Strukturen zielführend nachzudenken.

KH-Hauptgeschäftsführer Hendrischke weiß um die Probleme im Nahrungsmittelhandwerk. Und das nicht nur im Bereich der KH Gießen, »sondern überall«. Kooperationen bis hin zu Zusammenschlüssen seien daher auf Sicht unumgänglich. Modifizierte Lösungen, die er ebenso wie die Verantwortlichen der Bäckerinnung Gießen für möglich und umsetzbar hält, sollten auf dem Wege von Gesprächen mit allen Beteiligten im Raum Mittelhessen vorbereitet und realisiert werden.

Die Kleinteiligkeit der Innungslandschaft bei gleichzeitig abnehmenden Innungsmitglieds- und Betriebszahlen hat laut Hendrischke keine Zukunft. »Wir müssen handeln - spätestens nach Corona.« So sieht es auch der neue Innungsobermeister Braun - zudem im Vorstand des Landesfachverbandes Hessen des Bäckerhandwerks für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Seit Jahren befürwortet er »größere Einheiten« - sie bedeuteten zugleich eine stärkere Interessenvertretung.« Die Corona-Krise hat das Bäckerhandwerk im Ganzen bisher vergleichsweise gut gemeistert, weil die Bäckereien als Teil des Lebensmittelhandwerks von Beginn an als »systemrelevant« eingestuft wurden und daher unter deutlich weniger Restriktionen und Einschränkungen litten wie andere Bereiche der Wirtschaft.

In seinem letzten Rechenschaftsbericht sprach der scheidende Obermeister Walter Kwartnik die »Riesenprobleme« der Bäckereibetriebe im Blick auf qualifizierte Mitarbeiter an. Hierunter fielen vor allem auch die Sorgen angesichts fehlenden Berufsnachwuchses. So stehen in diesem Jahr in der Stadt und im Kreis Gießen lediglich vier Bäckerlehrlinge vor ihrer Gesellenprüfung. Bei den Bäckerei-Fachverkäuferinnen sieht es mit 13 etwas besser aus. FOTO: SEL

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