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Auf den Spuren von Pierre

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Briefe, Fotos, ein Tagebuch: Alte Dokumente haben drei Schwestern aus Paris auf die Spuren ihres Vaters geführt. Pierre Rousseau war Kriegsgefangener in Lich. Hier leben noch Menschen, die sich an ihn erinnern.

Am 14. Mai 1943 wird Pierre Rousseau 25 Jahre alt. "Trauriges Jubiläum. Seit zwei Jahren Bauer", schreibt der junge Mann aus Paris in sein Tagebuch. Seit 1941 arbeitet er als Kriegsgefangener auf dem Hof von Ludwig Zimmer in der Schlossgasse 14. Fast vier Jahre wird er ausharren müssen. Erst als am 28. Mai 1945 die Amerikaner in Lich einmarschieren, kann er zu seiner Familie nach Frankreich zurückkehren.

Nach dem Krieg hat Rousseau geheiratet. Seine drei Töchter, alle in den 1950er Jahren geboren, wussten, dass er in deutscher Gefangenschaft war. Viel mehr aber nicht. "Papa hat nicht viel gesprochen." Erst jetzt erkunden sie ein bis dato unbekanntes Kapitel ihrer Familiengeschichte. Bei einem Besuch in Lich haben sie die Nachfahren von Ludwig Zimmer getroffen und festgestellt: Die Erinnerung an "Peter", den französischen Kriegsgefangenen, ist hier noch immer lebendig.

Pierre Rousseau ist vor bald 20 Jahren gestorben. Doch erst nach dem Tod seiner zweiten Ehefrau kamen seine Töchter in den Besitz seiner nachgelassenen Papiere, darunter Fotos, Briefe, ein Tagebuch. Nicole, Claire und Rosine fanden heraus, dass in der Schlossgasse 14 in Lich noch immer eine Familie Zimmer wohnt. Sie schrieben einen Brief. Und sie bekamen Antwort, per Mail. Von Mona Zimmer, 23 Jahre alt, der Urenkelin von Ludwig Zimmer. Ihr Großvater Karl, Jahrgang 1928, hat mit dem zehn Jahre älteren Pierre Hausaufgaben gemacht.

Ein Intellektueller aus Paris

Rousseau war Wehrpflichtiger an der Maginot-Linie, als er 1940 in deutsche Gefangenenschaft geriet. Fast ein Jahr wurde er von einem Ort zum anderen gebracht, von der Saar nach Thüringen und dann nach Hessen. Lich, die vorläufige Endstation, erreichte er am 14. Mai 1941, seinem 23. Geburtstag. Ihm und zehn weiteren Franzosen wurde der Saal der einstigen Synagoge als Quartier zugewiesen. Das Haus, das die Nazis 1938 geplündert hatten, diente während des Kriegs als Unterkunft für die Gefangenen des Stalags 9.

Für den Pariser Intellektuellen, der zeit seines Lebens bei der International Herald Tribune gearbeitet hat, war das Leben in dem kleinen Landstädtchen hart. "Papa war kein Bauer. Er war eher schmächtig. Die Arbeit auf dem Feld und im Wald fiel im schwer", wissen seine Töchter nach der Lektüre des Tagebuchs. Akribisch genau hat Pierre Rousseau jene fünf Jahre beschrieben, die verloren waren fürs unbeschwerte Leben, fürs Lernen, für die Liebe. In einem Punkt aber hat der französische Gefangene Glück gehabt: Die Familie von Ludwig Zimmer, für die er arbeitete, hat ihn gut aufgenommen. "Es bestand wohl ein besonderes Vertrauensverhältnis", meint Mona Zimmer. Noch nach 1945 war Rousseau mehrfach in Lich, die Besuche von "Peter" sind in den Fotoalben der Familie Zimmer dokumentiert. Dass es diese Kontakte nach Kriegsende gab, ist seinen Töchtern erst bewusst geworden, als sie die Briefe fanden, die zwischen Paris und Lich hin und her gegangen waren.

Und noch etwas fand sich in den Unterlagen: ein Schreiben, mit dem Pierre Rousseau seinem einstigen Arbeitgeber einen fairen Umgang bescheinigt - für Ludwig Zimmer eine Hilfe bei der von den US-Amerikanern betriebenen Entnazifizierung. "Er ist gut behandelt worden und wollte sich nun wohl erkenntlich zeigen", mutmaßt Claire Rousseau.

Nicht nur für die Familien sind die gefundenen Dokumente von großem Wert. Von einem "Schatz" spricht auch Inge Steul vom Heimatkundlichen Arbeitskreis. Das Tagebuch von Pierre Rousseau biete viele neue Erkenntnisse und jede Menge Anknüpfungspunkte zum Weiterforschen. Und dann sind da noch die Fotos. Einige davon wurden im Quartier der Gefangenen aufgenommen. "Wir wussten bislang nicht, wie die Synagoge während des Kriegs ausgesehen hat", sagt Steul. Jetzt gibt es diese Bilder. Sie zeigen den Saal in voller Größe, darüber wölbt sich die bemalte Decke, der "Himmel".

Ein Wochenende haben Nicole und Claire Rousseau in Lich verbracht. Sie haben die einstige Synagoge besucht, wo sie von Stadträtin Gisela Maier begrüßt wurden. Sie waren auf dem Kriegsgräberfriedhof in Kloster Arnsburg, in der Schlossgasse und nebenan in der Untermühle der Familie Solms. Am zweiten Tag sitzen sie nachmittags in großem Kreis bei Kaffee und im Garten von Lieselotte Zimmer. Briefe, Fotos und eine Abschrift des Tagebuchs machen die Runde. Auch Mona Zimmer, die Jüngste am Tisch, ist bewegt: "Sie wussten nichts, wir wussten nichts", sagt sie. "Und nun fügt sich alles zusammen."

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