Bei der "Night of Light" in Lich nahm die Idee für das Geisterspektakel im Stadtturm seinen Anfang. ARCHIVFOTO: KJG
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Bei der "Night of Light" in Lich nahm die Idee für das Geisterspektakel im Stadtturm seinen Anfang. ARCHIVFOTO: KJG

Spuk im Licher Stadtturm

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Halloween ist zwar noch ein wenig hin. Doch wer ein Ticket für ein besonderes Event ergattern will, muss sich beeilen. Die Licher Turmfreunde setzen dabei nicht auf "Süßes oder Saures", sondern auf ein Geisterspektakel im dunklen Stadtturm. Bei dem kann man das Gruseln von der Pike auf lernen.

Die weiße Frau kann einem leidtun. Zu Lebzeiten war die Nonne zu einem Mann aus Lich in Liebe entbrannt. Als sie ein Kind zur Welt brachte, ertränkte sie es voller Verzweiflung in einem tiefen Brunnen. Nun ist die unglückliche Mutter dazu verdammt, bis in alle Ewigkeit nach ihrem toten Säugling zu suchen. Dass ihr Geist auch im Licher Stadtturm spukt, werden vom 26. bis 31. Oktober die Besucher einer ungewöhnlichen Führung erfahren. Die Licher Turmfreunde laden an sechs Abenden dazu ein, das Gruseln von der Pike auf zu lernen. "Wir haben uns seit Beginn der Corona-Krise mit Aktivi- täten zurückgehalten", sagt ihre Sprecherin Hannelore Rischmann. "Jetzt wollen wir mal einen Punkt setzen." Dass die Turmfreunde damit auch der krisengeschüttelten Veranstaltungsbranche unter die Arme greifen, ist ein erwünschter Nebeneffekt.

Der Spuk im Turm hat in Rischmanns Kopf begonnen. Der fantasievollen Frau stand schon länger eine Videoinstallation in dem mehr als 700 Jahre alten Bauwerk vor dem inneren Auge. Aber sie hielt sich zurück: "Ich dachte, das wäre zu teuer."

Den entscheidenden Durchbruch brachte ausgerechnet die Corona-Krise. Als im Juni bei der bundesweiten "Night of Light" die Veranstaltungsbranche auf ihre Nöte aufmerksam machte, erstrahlte auch der Licher Stadtturm ganz in Rot. Bei dieser Gelegenheit lernte Rischmann den Veranstaltungstechniker Fabian Meckel kennen, den Inhaber von Meckel Event Services. Man kam ins Gespräch und Rischmann erfuhr: Die Umsetzung ihrer Ideen müs- se gar nicht sooo teuer sein... "Als die Technik stand, habe ich meinen Ideen freien Lauf gelassen", erzählt Rischmann. Das Ergebnis füllt einen dicken Leitz-Ordner. Er enthält das von Horst Kächler verfasste Skript und detaillierte Regieanweisungen für eine Turmführung im Dunkeln, die Rischmann und ihre zahlreichen Mitstreiter als Gegenentwurf zu Halloween verstanden wissen wollen. Wie alle Aktionen der Turmfreunde ist auch das Geisterspektakel lokal verankert und greift auf Sagen, Legenden und historische Ereignisse aus Lich zurück.

Der Nachtwächter und der Spießbürger, die man aus anderen Inszenierungen der Turmfreunde kennt und die den Teilnehmern der Führung gleich zu Beginn begegnen werden, gehören zu den eher harmlosen Gestalten, die während des Geisterspektakels den Turm bevölkern. Schreie und Wimmern aus den Tiefen des Verlieses, das unheimliche Rasseln der Turmuhr, ein bleiches Skelett, das im Dunkeln verschwindet, und schließlich der Leibhaftige auf der Suche nach verlorenen Seelen sind da von ganz anderem Kaliber. Und nicht nur die weiße Frau schwebt stumm durch den Turm, sondern auch der Geist der unglückseligen Philippine, jener schwermütigen Tochter des Licher Türmers, die sich einst von oben aus dem Fenster in die Tiefe gestürzt hat. Den Tod findet im Turm dann auch noch ein Denkmalschützer. Anders als die arme Philippine ist er aber keine historische Gestalt, sondern eine Figur aus einem Kriminalroman von Henrich Dörmer. Der Autor wird die Passage am Originalschauplatz im Glockenstuhl vorlesen.

"Ich bin ganz glücklich, dass meine verrückten Ideen Gestalt angenommen haben", sagt Hannelore Rischmann, die zu Beginn der Führung alle Besucher mit Handschuhen, Masken, Helmen und Stirnlampen ausstatten wird, denn natürlich muss das Geisterspektakel den geltenden Abstands- und Hygieneregeln entsprechen. Der Landkreis habe die Veranstaltung genehmigt, berichtet die Regisseurin, die bei dem gewählten Format keine Bedenken hat. "Die Teilnehmerzahl ist begrenzt, alle gehen hintereinander und es wird nicht groß gesprochen."

Gut eine Stunde wird der beschwerliche und von Ton und Lichteffekten begleitete Aufstieg in die Türmerwohnung dauern. Wenn alle dort wohlbehalten angekommen sind, geht das Licht an. Den heiklen Abstieg dürfen die Besucher im Hellen zurücklegen und sich auf Glühwein und Kinderpunsch freuen, die zum Abschluss vor dem Turm ausgeschenkt werden.

Obwohl die Turmfreunde ihre Aktion nicht groß publik gemacht haben, sind die Führungen schon gut zur Hälfte ausgebucht. Wer dabei sein will, sollte sich ranhalten. Aber wer diesmal kein Ticket ergattert, muss den Kopf nicht hängen lassen. Rischmann kann sich angesichts der guten Resonanz vorstellen, dass die Geister auch im nächsten Herbst wieder im Stadtturm spuken werden.

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