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»Zur Ruhe kommen«, sagt Hartwig Jung. Darauf freue er sich, wenn er am heutigen Samstag in den Urlaub fliegt.

»Spüren Reiseboom noch nicht«

  • VonStefan Schaal
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Nach anderthalb Jahren Pandemie wollen viele Menschen unbedingt verreisen. Wie geht es vor diesem Hintergrund den heimischen Reisebüros? Und wie haben sie die Corona-Krise bisher erlebt?

Sie sind putzen gegangen, einer hat in der Woschtbud in Watzenborn-Steinberg gearbeitet, andere saßen wochenlang verzweifelt zu Hause: Die Corona-Krise hat Leiter und Mitarbeiter von Reisebüros in den vergangenen anderthalb Jahren schwer gebeutelt. Allmählich schöpfen sie wieder Hoffnung. Endlich wollen und können die Menschen wieder verreisen, die Tourismusbranche erlebt einen Boom. »Den spüren wir nicht«, sagt indes Hartwig Jung, Geschäftsführer eines Reisebüros in Laubach.

»Noch ist der Boom zumindest bei uns nicht da«, sagt Jung. Zwar steigen die Buchungen leicht an. »Das deckt aber bei weitem nicht unsere Kosten.«

Grund sei vor allem eine große Unsicherheit unter vielen Kunden angesichts der Pandemie. »Sie lassen sich beraten, machen sich über mehrere Reiseoptionen Gedanken, dann überlegen sie es sich doch wieder«, berichtet Jung.

Hinzu kommt, dass derzeit besonders bevorzugte Urlaubsziele innerhalb Deutschlands beispielsweise in Ferienhäusern immer seltener über Reisebüros, sondern direkt gebucht werden.

Der Geschäftsführer des Laubacher Reisebüros äußert sich dennoch hoffnungsvoll. »Wenn die Menschen Anfang kommenden Jahres in ihren Betrieben ihre Urlaubszeiten absprechen, wenn die Buchungen dann anlaufen, können wir mehr sagen.«

Wer jetzt zum Urlaub in die wärmende Sonne und auf Langstreckenflüge verzichten will, »für den gibt es in dieser Jahreszeit eigentlich nur drei Ziele«, sagt derweil Dieter Schmitt: die Kanaren, Ägypten und die Arabischen Emirate.

Schmitt, der zwei Reisebüros in Pohlheim und Langgöns führt, bestätigt, dass das Ende der strikten Quarantäneregeln und die hohen Impfquoten in vielen europäischen Ländern wieder für etwas Andrang sorgen. Kürzlich hat er ein Hochzeitspaar beraten. »Sie haben vorgestern geheiratet und wollen ihre Flitterwochen in einem sehr guten Wellnesshotel in Deutschland verbringen. Auch wenn sie bereit sind, 4000 Euro auszugeben, ist nicht mehr viel frei im Bereich von Resorts mit 4,5 bis 5 Sternen«, macht er auf den Reiseboom innerhalb der Landesgrenzen aufmerksam.

Schmitt nippt an einem Kaffee. Auf der Wand hinter ihm ist auf einem Plakat die Silhouette New Yorks zu sehen. Auf seiner Schreibtischlampe liegt ein Sonnenhut. Er beobachte, erzählt er, seit Sommer durchaus einen Boom, »Im Juni und Juli, als das Wetter hier ziemlich regnerisch war, sind die Dämme gebrochen.«

Im Sommer seien indes auch die Urlaubspläne mehrerer Familien zerschellt, insbesondere wegen fehlender Impfungen von Kindern über zwölf Jahren. »Eine Reise mit dem Nachwuchs hat fast zwangsläufig zur Heimisolation nach der Rückkehr geführt.« Dieser Umstand habe viele abgeschreckt. Inzwischen seien zunehmend ganze Familien geimpft. »Die Last mit der Heimisolation ist dadurch vorbei.«

Ein weiterer Grund für die aktuelle Reiselust ist, dass viele Arbeitnehmer ihre Urlaubstage angestaut haben, die nun zum Jahresende verfallen. Die Buchungen liegen indes immer noch unter 50 Prozent im Vergleich zu den Zeiten vor der Corona-Krise, räumt Schmitt ein.

Für einen Moment blickt er zurück, auf den Frühjahr 2020, als die Pandemie das Reisegeschäft komplett lahmlegte. »Es war ein Einbruch von 100 auf null in einer Sekunde«, sagt er. »Alles, was zu diesem Zeitpunkt für 2020 gebucht war, worin wir Enthusiasmus und Empathie gesteckt haben, mussten wir rückabwickeln, ohne Bezahlung.« Das sei eine harte, eine »destrutive« Zeit gewesen.

»Viele Veranstalter waren ja auch plötzlich nicht mehr erreichbar.« Die Reisebüros seien in dieser Zeit »das Korn zwischen den Mahlsteinen« gewesen, zwischen den Veranstaltern, die mit der Lage überfordert waren, und den Kunden. Die Reisebüros hätten als Fels in der Brandung den Kunden zur Seite gestanden.

Die Hoffnung liegt auf dem kommenden Jahr, betonen Jung, Schmitt sowie auch Bianca Ludwig von der »Reiselounge« in Staufenberg. Derzeit verbringe man viel Zeit mit der Beantwortung von Fragen zu Regeln und Vorschriften in den Reiseländern und auf Kreuzfahrtschiffen beispielsweise beim Impfen und Testen, berichtet Ludwig.

»Verhalten optimistisch« sei er, sagt Schmitt. »Ich hoffe, dass die Leute wieder ins Reisebüro kommen«, erklärt derweil Jung.

Der Laubacher atmet am Donnerstagabend tief ein und aus. Aus purer Vorfreude. Denn am heutigen Samstag sitzt er mit seiner Familie im Flugzeug. Nach Südafrika. Für vier Wochen im Kgalagadi-Nationalpark. 2019 haben sie den Urlaub schon gebucht, wegen Corona wurde er verschoben. Worauf er sich freut? »Zur Ruhe kommen«, sagt Jung. »Und erden.«

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