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Der Fachkräftemangel ist auch in Bauämtern der Kommunen im Kreis Gießen zu spüren. Bauprojekte verzögern sich.

"Kommunen sollten enger kooperieren"

Bauprojekte im Kreis Gießen verzögern sich wegen Ingenieursmangel: Das schlägt Dezernentin Schmahl vor

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Der Fachkräftemangel macht sich in den Bauabteilungen der Kommunen im Kreis bemerkbar. Bauaufträge verzögern sich, Gemeinden suchen händeringend nach Ingenieuren. "Kommunen sollten enger zusammenarbeiten", schlägt Christiane Schmahl, die Baudezernentin des Landkreises, vor.

Kommunen haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Bauämter mit Ingenieuren zu besetzen. Wie sieht es in der Kreisverwaltung aus?

Der Fachkräftemangel ist ein Problem, wir spüren den Mangel an Ingenieuren. Wir stellen in unserer Bauabteilung zunehmend Berufsanfänger ein, die gerade ihr Studium abgeschlossen haben. Dabei ist berufliche Erfahrung in diesem Bereich sehr wichtig. Zentrale Aufgabe unserer Bauingenieure ist, Architekten und andere Fachplaner zu beauftragen und sie auch ein Stück weit zu beaufsichtigen. Sehr speziell ist in der Kreisverwaltung auch der Schulbau, da gibt es viele besondere Richtlinien, zum Beispiel zur Mindesthöhe von Räumen. Das kann man aber natürlich alles lernen.

Dr. Christiane Schmahl

Wie reagieren Sie auf diese Situation?

Es kommt darauf an, dass jemand die Berufsanfänger an die Hand nimmt. Und es ist sinnvoll, dass diese zuerst kleinere Projekte durchführen, bevor wir sie auf einen 15 Millionen Euro teuren Neubau loslassen. Bisher finden wir aber tatsächlich noch genügend Bauingenieure. Bei Elektroingenieuren ist es weitaus schwieriger.

Aus welchem Grund?

Es gibt einfach weniger ausgebildete Elektroingenieure. Wir haben kürzlich eine Stelle dreimal ausschreiben müssen. Zweimal haben wir niemanden gefunden, und beim dritten Mal haben wir einen Bewerber sofort eingestellt, ihn dann aber in der Probezeit wieder entlassen müssen. Wir haben schon überlegt, ob wir in Zusammenarbeit mit der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) ein duales Studium einführen. Es gab im Frühjahr Gespräche mit der THM. Ein Problem ist, dass der Student dann hier auch Betreuung und Zeit erfordert. Außerdem kann man niemanden zwingen, nach dem Studium dann auch in unserer Bauabteilung zu bleiben. Wir hätten ein duales Studium trotzdem eingeführt, dann aber hat sich glücklicherweise ein Elektroingenieur bei uns gemeldet, der schon mal in der Kreisverwaltung gearbeitet hat.

Gibt es Baumaßnahmen im Kreis, die sich aufgrund des Mangels an Fachkräften verzögert haben?

Wir hätten mit der Sanierung von zwei großen Dächern der Gesamtschule in Allendorf gerne früher angefangen, das machen wir jetzt erst in diesem Jahr. Probleme und Verzögerungen gibt es aber eher in der Bauunterhaltung, da waren wir zuletzt unterbesetzt.

Kommunen wie zum Beispiel Linden haben große Schwierigkeiten, Leiter für ihre Bauämter zu finden.

Das ist jetzt meine persönliche Einschätzung, aber in Linden hat der vorherige Bürgermeister Dr. Ulrich Lenz seine Bauabteilung quasi an ein Planungsbüro outgesourct, sein Nachfolger Jörg König hat diese Struktur übernommen und beibehalten. Wer dort jetzt Leiter des Bauamts wird, muss Erfahrung und ein gewisses Standing haben, weil er das Amt von Grund auf neu aufbauen muss. Und er muss wissen, wie die Gesetzestexte sind. Die Stelle muss vermutlich etwas höher bezahlt werden als eine einfache Bauingenieurstelle. Aber grundsätzlich gibt es in den Kommunen im Vergleich zur Kreisverwaltung andere Herausforderungen, was Bauingenieure machen und können müssen.

Inwiefern?

In Kommunen wird teilweise höher bezahlt als bei uns. In kleinen Gemeinden aber gibt es im Gegensatz zur Kreisverwaltung keine große Abteilung, die einem weiterhilft. Bauingenieure in Kommunen haben eine sehr hohe Verantwortung, weil sie oft auf sich allein gestellt sind. Das erhöht sicherlich die Scheu, sich auf eine solche Stelle zu bewerben. Da sollte man sich auskennen mit Planungsrecht, mit Bauen und Naturschutz, man muss die Vergabe von Aufträgen beherrschen. Oft ist auch der Bürgermeister in solchen Fragen ein Laie. Wir haben im Kreis ein zentrales Vergabemanagement und eine Naturschutzabteilung. Das Planungsrecht obliegt der Bauaufsicht.

Ein Grund für den Mangel an Bauingenieuren im öffentlichen Sektor ist sicher auch, dass im privaten Bereich wesentlich besser bezahlt wird. Wie sieht die Bezahlung in der Bauabteilung des Kreises aus?

Bauingenieure fallen in die Entgeltgruppe 11 (Anm. der Red.: durchschnittlich etwa 3500 Euro brutto, variiert nach Alter und Dienstjahren).

Was sollte getan werden, um dem Fachkräftemangel zu begegnen?

Ein kontrolliertes Zuwanderungsprogramm ist notwendig. Man könnte zum Beispiel gezielt Leute nach Deutschland holen, die Elektroingenieure werden wollen.

Der öffentliche Bereich könnte auch mit der Aussicht auf Verbeamtung locken.

In der Kreisverwaltung eher nicht. Vor ein paar Jahren wurde beschlossen, nur noch zu verbeamten, wenn hoheitliche Aufgaben ausgeführt werden.

Gibt es kreative Ideen, um auf den Mangel an Bauingenieuren zu reagieren?

Ein Gemeindeverwaltungsverband, wie ihn Lich und Laubach eingehen, ist sicher ein Zukunftsmodell. Kommunen könnten sich fünf oder sechs hoch bezahlte Stellen teilen - und dabei zum Beispiel auch einen Juristen einstellen, der sich mit der Vergabe von Aufträgen auskennt. Oder zwei Bauingenieure beziehungsweise einen Bauingenieur und einen Techniker beschäftigen. In einem solchen Team wäre es einfacher, einen jungen Berufsanfänger einzustellen und einzulernen. Allendorf und Rabenau zum Beispiel müssten schon längst einen solchen Weg gehen. Ich bin froh, dass Lich und Laubach den Verbund geschaffen haben. FOTO: WEGST

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