"Warum wird in dieser Branche so wenig Geld ausgegeben, dass sich kein deutscher Jugendlicher mehr dafür begeistern lässt und wir nach internationalen Pflegekräften suchen müssen?", fragt Wen Wu vom "Sprachportal". FOTO: DPA
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"Warum wird in dieser Branche so wenig Geld ausgegeben, dass sich kein deutscher Jugendlicher mehr dafür begeistern lässt und wir nach internationalen Pflegekräften suchen müssen?", fragt Wen Wu vom "Sprachportal". FOTO: DPA

Fachkräfte-Mangel

Sprachportal vermittelt ausländische Pflegekräfte an Krankenhäuser und Seniorenzentren im Kreis Gießen

  • vonStefan Schaal
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Das "Sprachportal" zählt zu den größten Anbietern von Deutschkursen für Flüchtlinge in der Region. Nun hat die Organisation, die unter anderem in Langgöns tätig ist, ein neues Geschäftsfeld entdeckt: Sie unterrichtet Krankenschwestern und Altenpfleger aus der Türkei, Albanien und anderen Ländern in der deutschen Sprache und vermittelt sie gegen Provision an Krankenhäuser und Altenheime.

Es ist ein völlig neues Geschäftsfeld: Seit wenigen Monaten zählen die Licher Asklepios-Klinik, Seniorenzentren der Region und das Gießener Uniklinikum zu den Kunden des "Sprachportals". Die Organisation, die unter anderem in Langgöns tätig ist und hessenweit zu den größten Anbietern von Deutschkursen für Flüchtlinge zählt, vermittelt gegen Provisionen von 4000 bis 8000 Euro Pflegekräfte aus Albanien und der Türkei an Kliniken und Altenheime.

Das "Sprachportal" stößt damit in einen Bereich, in dem ein riesiger Bedarf herrscht. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft fehlen bundesweit mehr als 300 000 Pflegekräfte bis zum Jahr 2035. "Die Nachfrage ist enorm", bestätigt Çetin Ak, Geschäftsführer des "Sprachportals" und weist zudem darauf hin, dass Seniorenzentren zunehmend gezielt nach türkischen Mitarbeitern suchen. "Viele aus der zweiten Generation der sogenannten Gastarbeiter wollen in Deutschland bleiben und hier alt werden", sagt er. "Pflegekräfte, die die türkische Sprache und die Kultur kennen, sind deshalb gefragt."

Das neue Angebot des "Sprachportals" klingt angesichts des hohen Bedarfs nach Pflegekräften nach einer Goldgrube. "Wir haben anfangs gedacht, dass die Leute uns die Bude einrennen", sagt Ak. "Das war aber leider nicht so." Die Gründe sind bürokratische Hürden und ein hoher Aufwand.

Das "Sprachportal" unterrichtet die Teilnehmer nicht nur in einem speziellen Deutschkurs, der für ausländische Krankenschwestern sowie Kranken- und Altenpfleger verbindlich ist. Es kümmert sich um die für jeden Teilnehmer sehr individuell ablaufende Anerkennung von Ausbildungsabschlüssen, übersetzt Dokumente wie Diplome und organisiert Bewerbungsgespräche und Praktika in Kliniken und Seniorenheimen. Das "Sprachportal" bringt die Teilnehmer darüber hinaus in den ersten Monaten in Wohnungen unter, bevorzugt in WGs in Wetzlar und Gießen.

Im vergangenen Jahr haben 13 Teilnehmer die Berufssprachkurse durchlaufen, zwölf haben die Abschlussprüfung bestanden. Zusätzlich konnten weitere ausländische Pflegefachkräfte vermittelt werden, bei denen ein Deutschkurs nicht notwendig war In diesem Jahr sitzen 40 Schüler in den Kursen. "Wegen Corona konnten bisher noch keine Prüfungen durchgeführt werden", sagt Ak.

Seine Organisation hat seit der Zulassung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge für das Programm im Jahr 2018 viel investiert. Unter anderem hat sie in Istanbul am Taksim-Platz eine Außenstelle eröffnet, um Pflegekräften, die in Deutschland arbeiten wollen, eine Anlaufstelle zu bieten. Aufgrund von Schwierigkeiten mit Arbeitsvisa läuft die Schulung und Vermittlung von türkischen Kräften noch schleppend an. "Aktuell sind vor allem Albaner in unseren Kursen", sagt Ak. "Vor zwei Jahren waren wir auch viel in Rumänien unterwegs", berichtet sein Kollege Jochen Eisold. Weil dort aber inzwischen ebenfalls ein großer Fachkräftemangel herrscht, rät die Weltgesundheitsorganisation WHO von einer Akquise dort ab. "Daran halten wir uns natürlich."

Es ist ein später Nachmittag. In einem Unterrichtsraum des "Sprachportals" sitzt Violeta Dukagjini. Von 6 bis 14.30 Uhr hat die Krankenschwester an der Marburger Uniklinik gearbeitet. Nun paukt sie drei Stunden Deutsch, jeden Tag. "Ich will hier für immer leben", sagt die 44 Jahre alte Albanerin. "Meine Kinder sollen hier studieren."

Bis Februar wird sie auf die Deutsch-Prüfung vorbereitet und auch fachlich geschult, Bis zum Abschluss der Deutsch-Prüfung und der Anerkennung ihrer Ausbildung arbeitet Dukagjini noch als Pflegehelferin in einem Seniorenzentrum, danach als Pflegefachkraft.

Bis zu 500 Euro zahlen die Teilnehmer zunächst bei einem ersten Besuch in Deutschland für eine vorbereitende Sprachprüfung, die Wohnung und die Anbahnung des Kontakts zu künftigen Arbeitgebern. Später erhalten sie eine Förderung vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. "Es gibt kein Vertragsverhältnis zwischen uns und den Teilnehmern", betont Ak. In dem Geschäftsfeld gebe es mehrere unseriöse Unternehmen, die Teilnehmer zum Teil für Jahre an Rückzahlungen binden.

Ak fügt hinzu, dass man den Pflegekräfte auch nach der Vermittlung als Ansprechpartner zur Verfügung stehe. Ohne Begleitung und Integration funktioniere es nicht. "Wir schauen uns an, ob sie fair behandelt werden." In einem Krankenhaus der Region sei zwei der vermittelten Kräfte von Kollegen als "Scheiß-Ausländer" beschimpft worden. "Da schicken wir deshalb keinen mehr hin."

Doch schafft man mit einer derartigen Vermittlung von ausländischen Pflegekräften nicht eine Billigkonkurrenz für heimische Kräfte? "Nein", erklärt Ak. "Die beteiligten Krankenhäuser und Einrichtungen zahlen nach Tarif und mit Mindestlohn." Die Frage sei berechtigt, räumt Aks Mitarbeiter Wen Wu ein, der die Sprachkurse maßgeblich organisiert. "Diese Frage würde sich aber nicht stellen, wenn man einer andere Frage nachgeht", fügt er hinzu. "Warum wird in dieser Branche so wenig Geld ausgegeben, dass sich kein deutscher Jugendlicher mehr dafür begeistern lässt und wir nach internationalen Pflegekräften suchen müssen?"

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