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Fredrik Vahle auf seinem Balkon in Salzböden. FOTO: JWR

Sprache in der Krise

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Mit der Corona-Pandemie hat sich nicht nur der Alltag gewandelt, sondern auch der Sprachgebrauch. Wie berichten Medien über die Krise? Linguist Fredrik Vahle hat die Corona-Berichterstattung in Zeitungen untersucht - und rät zu sprachlicher Entschleunigung.

Ständig neue Zahlen über an dem Coronavirus Erkrankte, Updates über Verschärfungen oder Lockerungen von Schutzmaßnahmen, teils dramatische Meldungen zur Lage im Ausland: Das Nachrichtenkarussell dreht sich, so scheint es, in Zeiten von Corona eher noch schneller als vorher, obwohl das öffentliche Leben auf Sparflamme läuft. Seit Wochen ist das Virus das beherrschende Thema in den Medien. Darüber zu berichten, ohne zu dramatisieren oder zu verharmlosen, bleibt eine ständige Herausforderung. Die vergangenen Wochen haben den gesellschaftlichen Alltag verändert, und mit ihm die Sprache. Aber wie?

Fredrik Vahle sitzt in seinem Wohnzimmer in Salzböden vor mehreren Stapeln Papier. Über Wochen hat der Liedermacher, Autor und Linguist sich vor allem überregionale Tageszeitungen angeschaut, aus seiner Sicht Bemerkenswertes notiert und verfolgt, wie sich die Berichterstattung im Laufe der Corona-Zeit verändert hat. Es ist keine quantitative Auswertung, bei der etwa die Verwendung bestimmter Wörter gezählt wird, sondern eine ausschnitthafte Betrachtung, um Trends aufzustöbern.

Gemeinsam mit einem Co-Dozenten bietet Vahle zurzeit auch ein Seminar an der Uni in Gießen an, um dem Corona-Sprachgebrauch auf die Schliche zu kommen. Seine These: Neue Begriffe vebreiten sich derzeit so schnell, dass oft keine Zeit bleibt, über die eigentliche Bedeutung nachzudenken. "Die Studierenden sollen auch selbst erst einmal sammeln und nicht nur nach oben kritisieren, sondern sich auch fragen: ›Wie sieht es mit meinem eigenen Sprachgebrauch aus?‹", sagt Vahle.

Was findet der Sprachwissenschaftler aus Salzböden bislang in der Corona-Berichterstattung besonders interessant? "Eines ist ganz deutlich", stellt er fest, "man findet viele Kriegs- und Kampfmetaphern. Das heißt, der Virus wird als äußerer Feind betrachtet, den es zu besiegen gilt". In einem gemeinsam geführten "Kampf", in dem sich alle einreihen. Als Beispiel zitiert Vahle ein Titelblatt des "Spiegel": "Der Kampf hat begonnen". Zwar vermeiden die allermeisten Politiker hierzulande das Wort "Krieg" in Zusammenhang mit dem Coronavirus. Und doch ist nicht selten von Krankenhaus- und Pflegepersonal die Rede, das nun "an vorderster Front" stehe.

Eine weitere Beobachtung: Begriffe können sich verselbstständigen und als Schlagworte verbreiten, auch wenn sie einen Sachverhalt eigentlich unzutreffend beschreiben. Vahles Beispiel: "soziale Distanz". Damit werde zurzeit häufig das Gebot umschrieben, körperlich auf Abstand zu gehen - und das sei irreführend. "Soziale Distanz würde heißen: Ich distanziere mich vom Wertesystem anderer. Aber gerade gemeinsame Werte und Solidarität sind ja zurzeit gefragt", gibt der 77-Jährige zu bedenken. Die schiefe Verwendung des Begriffs "soziale Distanz" habe auch der deutsche Ableger der Schriftstellervereinigung PEN kürzlich kritisiert. Nun habe er selbst vorgeschlagen, "soziale Distanz" zum "Unwort des Jahres" zu küren, sagt Vahle.

In vieler Munde ist zurzeit auch ein anderes Wort: Krise. Ein drastischer Begriff. Doch angesichts der aktuellen Situation im Zuge des Coronavirus, die alle im Alltag auf die eine oder andere Art betrifft und Staat, Wirtschaft und Gesellschaft herausfordert, scheint er sich geradezu aufzudrängen. Es komme immer auf den Kontext an, sagt Vahle. "Eine Krise kann negativ als Unterbrechung erlebt werden, oder als Katharsis", als eine Art innerer Reinigung.

Auch in Witzen und ironisierenden Wortschöpfungen schlage sich das Coronavirus nieder. "Gesichtsmaske auf Schwäbisch? Maultäschle", sagt Vahle und lacht. Spannend findet er auch, wie sich neue Begriffe in unterschiedlichen Sprachen ähneln: Im Deutschen würden Menschen, die sich nicht an die verordneten Maßnahmen hielten, teils als "Corona-Sau" tituliert, im Englischen als "Cov-idiot".

Selbst für Erwachsene ist es zurzeit nicht einfach, den Überblick zu behalten und einigermaßen durchzublicken: Warum wird welche Maßnahme ergriffen? Wie verbreitet sich ein unsichtbares Virus? Und was sagen all die Zahlen, mit denen Experten jonglieren, eigentlich aus?

Bekannt geworden ist Vahle durch Musik für Kinder. Auch sie müssen sich jetzt an Vermummte in der Öffentlichkeit gewöhnen; an einen Alltag ohne Kita, ohne Treffen mit Freunden - und in vielen Fällen auch ohne die Großeltern. Es sind Eindrücke, die Sorgen bereiten können. "Angstbewältigung spielt bei Kindern eine große Rolle", sagt Vahle. "Wenn sie merken, sie werden nicht hinreichend informiert, entwickeln sie diffuse Ängste. Es ist wichtig, ihnen Werkzeug zu geben, um damit umzugehen."

Vahle zeigt auf eine Schwarz-Weiß-Zeichnung in einem Buch: Ein baumhoher Kater stapft bedrohlich zwischen Häusern hindurch. "So ähnlich war es mit Covid-19 am Anfang auch", sagt Vahle, "ein Schreckgespenst". Anfangs, so seine Sicht, hätten alle befürchtet, sie müssten bald auf einer Intensivstation beatmet werden. Man müsse jedoch "Angst als etwas nehmen, das aufmerksam macht".

Über die Wochen hat Vahle den Eindruck gewonnen, dass das Virus aus weiteren Perspektiven betrachtet wird: "Mittlerweile gibt es in der öffentlichen Diskussion mehr Breite", sagt er. "Jetzt kommen auch andere Stimmen - nicht nur Virologen, auch Soziologen, Juristen und andere." Und interessanterweise, findet er, sei Kritik an den zwischen Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen, etwa im Hinblick auf eingeschänkte Grundrechte, "weniger von Linken und Grünen, sondern eher von einzelnen Basisgruppen" gekommen. Im Kontext von Kritik an verordneten Schutzmaßnahmen fänden wiederum bestimmte Begriffe nun häufiger Verwendung, sagt Vahle. Etwa dann, wenn von einer "Nagelprobe für die Demokratie", oder - wesentlich schärfer - von einer "Gesundheitsdiktatur" oder einem "Notstandsstaat" die Rede sei.

Gibt es ein Lernziel, das er mit den Studierenden und seinem Co-Dozenten in dem Seminar zum Corona-Sprachgebrauch erreichen will? Vahle nimmt sich Zeit beim Überlegen. "Gelingende sprachliche Elemente zu beschreiben, zu analysieren, und letztlich auch in der eigenen Auffassung von Sprache zu verankern." Klingt kompliziert und nach einer Menge Arbeit.

Obwohl er sich zurzeit intensiv mit aktueller Berichterstattung beschäftigt, rät Vahle, es mit dem Medienkonsum nicht zu übertreiben. Eine zentrale Frage sei: "Macht mich die Krise verständigungsbereiter, kontaktiver - oder ziehe ich mich in mein Zimmer zurück und konsumiere Nachrichten ohne Ende?" Letzteres kommt für ihn persönlich nicht infrage. "Es ist nicht so, dass ich hier sitze und den ganzen Tag an Corona denke", sagt er. Viele Gedanken darüber macht er sich trotzdem.

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