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Kita-Plätze sind in manchen Kreiskommunen rar, schnelle Abhilfe schwierig. SYMBOLFOTO: DPA

Sorgenkind Betreuung

  • VonChristina Jung
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133, 87, 19. Mal mehr mal weniger Kindernamen stehen in den Kommunen des Landkreises auf den Wartelisten für einen Betreuungsplatz. Mal kann den Eltern schneller ein Angebot gemacht werden, mal dauert es länger. Kreative Lösungen sind gefragt. Doch selbst wenn Räume für zusätzliche Gruppen da sind - Personal bleibt Mangelware. Eine Misere ohne Ausweg?

Die Stadt Lich hat ein massives Betreuungsplatzproblem. 133 Kinder warten darauf, in eine Kita gehen zu können, wie am Montagabend im Ausschuss für Wirtschaft, Soziales, Digitalisierung, Tourismus, Sport und Kultur bekannt wurde. Aber was ist der Grund dafür? Und wie stehen andere Kommunen da? Eine Stichprobe zeigt, die Stadt an der Wetter ist kein Einzelfall. Fehlbedarfe gibt es vielerorts im Kreisgebiet. Nur sind sie nicht überall so groß wie in Lich.

In Hungen beispielsweise umfasst die Warteliste aktuell 87 Kinder, 45 davon werden auch zum Jahresende noch keinen Betreuungsplatz haben. Ähnlich sieht es in Reiskirchen aus, wo man darauf wartet, dass der Umbau einer ehemaligen Lagerhalle zur Kita fertiggestellt wird, um zumindest 40 der 70 wartenden Mädchen und Jungen unterzubringen. In Buseck stehen aktuell 19 Namen auf der Warteliste, zum Ende des Kindergartenjahres werden es dreimal so viel sein.

Hat Politik die Bedarfsentwicklung nicht oder zu wenig im Fokus? Für Lich mag dies als ein Grund in Betracht kommen, immerhin hat man im Herzen der Natur in den vergangenen Jahren munter Neubaugebiete ausgewiesen. Zwar sind auch zusätzliche Betreuungsplätze entstanden, aber »man hätte mehr machen können«, findet Bürgermeister Dr. Julien Neubert.

Dennoch: Weitere Faktoren spielen aus seiner Sicht mit Blick auf die Problematik eine Rolle und die greifen auch andernorts. Beispielsweise das seit 2014 geltende Kinderförderungsgesetz. Man habe seitens der Landespolitik unterschätzt, was das in der Umsetzung bedeutet, sagt Neubert. Dass nämlich mit den 646 Betreuungsplätzen in elf Einrichtungen im Stadtgebiet nicht ebenso viele Mädchen und Jungen versorgt sind. Je nach Alter oder integrativen Förderbedarf belegt ein Kind bis zu fünf Plätze.

Dazu kommt, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Eltern ihre Kinder immer früher in die Kita schickten, sagt unter anderem Hungens Bürgermeister Rainer Wengorsch. Ein Problem, das auch beim hessischen Städte- und Gemeindebund (HSGB) bekannt ist. »Mehr Eltern nehmen Betreuungsangebote für kleine Kinder in Anspruch«, bestätigt Geschäftsführer Dr. David Rauber. Vor Einführung des Rechtsanspruchs auf eine U3-Betreuung im Jahr 2013 sei allgemein angenommen worden, dass durchschnittlich maximal 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren in die Krippe gehen und zwar im Schwerpunkt in den Großstädten. Rauber: »Das hat sich nicht bestätigt, wesentlich mehr Kleine gehen in die Krippe und keineswegs nur in den Ballungszentren.«

In puncto Problemlösung ist guter Rat teuer. Das Land stellt für den Betreuungsplatzausbau zwar viel Geld zur Verfügung - unterstützt zusätzlich zu den 77 Millionen Euro aus dem Bundesprogramm den Kita-Ausbau mit insgesamt 169 Millionen Euro aus einem eigenen Landesinvestitionsprogramm. Zeitnahe Abhilfe ist dennoch schwierig, denn Bauleitplanverfahren brauchen Zeit, schneller umsetzbare Anbauten an bestehende Einrichtungen sind nicht überall möglich. Fachfirmen zudem derzeit schwer zu bekommen, Baumaterialien mitunter Mangelware. In Lich setzt man deshalb jetzt auf Containerlösungen und Betreuungsangebote in der Natur. Erst mal.

Denn selbst wenn Plätze baulich geschaffen werden können, braucht es auch das nötige Personal. Doch das ist kaum zu bekommen. Laut dem im August von der Bertelsmannstiftung vorgelegten »Fachkräfte-Radar für Kita und Grundschule« fehlen für eine kindgerechte Personalausstattung bei gleichzeitigem Betreuungsplatzausbau bis 2030 mehr als 230 000 Erzieherinnen und Erzieher.

So mancher fordert diesbezüglich mehr Initiative seitens der Regierung. Die Entwicklung von Ausbildungscurricula beispielsweise. »Man hätte viel kreativer sein müssen, um mehr Leute zu ziehen«, meint Julien Neubert. Kollege Dirk Haas, Bürgermeister in Buseck, wünscht sich eine Offensive analog der in den Pflegeberufen, außerdem ein Öffnen des Betreuungsbereichs für Quereinsteiger. Darüber hinaus appeliert er für mehr »Mut, stärker auszubilden«.

Personalstandards übergangsweise flexibilisieren, fordert der HSGB. Stattdessen seien die Fachkräfte im vergangenen Jahr auch noch »künstlich weiter verknappt worden«. Hessen habe 2020 in Umsetzung des Gute-Kita-Gesetzes des Bundes vorgegeben, mehr Personal in den bestehenden Betreuungsangeboten einzusetzen. Die Folge: Für die bis dato nicht betreuten Kinder wurde das Angebot noch knapper. Rauber: »Wir haben davor gewarnt. Es geht eben nicht alles gleichzeitig.«

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