Revierförster Peter Krautzberger und seine sechsjährige Hündin Dolly. Die Rasse, Welsh Springer Spaniel, ist in Schweden üblich, in Deutschland eher selten. FOTO: VH
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Revierförster Peter Krautzberger und seine sechsjährige Hündin Dolly. Die Rasse, Welsh Springer Spaniel, ist in Schweden üblich, in Deutschland eher selten. FOTO: VH

Mit Sorgenfalten in den Ruhestand

  • vonVolker Heller
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Für Revierförster Peter Krautzberger ist die letzte Arbeitswoche angebrochen. Ganz unbeschwert aber geht er nicht in den Ruhestand. Die Zukunft des Waldes macht ihm Sorgen. Was bleiben wird: schöne Erinnerungen und seine Schweden-Leidenschaft. Dort hat er schon die dollsten Dinge erlebt.

Wenn Revierförster Peter Krautzberger über seinen Wald redet, klingt das fast schon liebevoll. Kein Wunder, ist doch die Forstwirtschaft bereits seit 40 Jahren sein Tätigkeitsfeld. Ende der Woche aber ist Schluss. Es ist nicht so, dass er nicht mehr gebraucht wird, ganz im Gegenteil. Gerade jetzt, wo die Konsequenzen aus den Klimaschäden für die Waldbewirtschaftung immer deutlicher werden, ist Erfahrung gefragt. Doch gesundheitliche Gründe haben ihn dazu bewogen, fünf Jahre vor dem regulären Termin in den Ruhestand zu gehen.

Am Freitag also wird Wettenbergs kommissarischer Forstamtsleiter Ralf Jäckel dem scheidenden Revierleiter seine Entlassungsurkunde überreichen - allerdings nur in ausgewählt kleiner Runde. Auf die übliche große Ausstandsfeier - gekommen wären neben den drei Waldarbeitern auch etliche Berufskollegen, Personal des Forstamts und aus den Verwaltungen in Rabenau und Allendorf - wird wegen Corona verzichtet. Das bereits verplante Feierbudget will Krautzberger deshalb an die Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" spenden.

Dass Krautzberger schon frühzeitig Waldbau mit Voraussicht betrieben hat, zeigt er beispielhaft anhand einer Fläche in der Waldgemarkung "Zimmerplatz". Die Orkane Wiebke und Vivian hatten Anfang der 1990er Jahre dort eine Fläche Fichten plattgemacht. Als Krautzberger zum Jahresbeginn 1991 das Forstrevier Allendorf/Lumda übernahm, lagen auf der Fläche noch Baumstämme herum, andere der gut 70-jährigen Fichten waren schon gerückt worden.

Der Fachmann stellte damals fest: "Auf den wechselfeuchten Boden gehören keine Fichten." Wechselfeucht bedeutet in der Forstsprache, dass eine Tonschicht im Unterboden die Wasserabfuhr stark abbremst. Im Winter entsteht dadurch Staunässe, im heißen Sommer reicht die Feuchtigkeit im Wurzelbereich nicht aus.

Die Fichte ist völlig ungeeignet für solche Böden, während etwa die Stieleiche mit ihren Wurzeln in tiefere Schichten vorstößt und überlebt. Krautzberger ließ auf der Windwurffläche ausschließlich diesen sturmfesten Baum pflanzen. Das war vorausschauend, aber kein Fall für Ungeduldige, denn die Stieleiche erreicht im Wirtschaftswald bis zu 300 Lebensjahre. Das bedeutet: Auch nach 30 Jahren steht auf der Fläche am "Zimmerplatz" vom Durchmesser betrachtet nur stärkeres Stangenholz. Einkünfte durch Holzverkauf können erst nach weiteren 20 Jahren erwartet werden. An der Fichte lässt sich dagegen nach drei Jahrzehnten schon ein Verdienst erzielen. Deshalb wurde sie ohne Rücksicht auf geeignete Standorte überall angebaut.

Klimastabile Baumarten wie Stieleiche oder ein Mischwald geeigneter Baumarten auf einer Fläche ist nicht nur aufgrund generell längerer Wachstumszeiten ein Geduldsspiel, sondern richtig teuer. Krautzberger kalkuliert die Kosten für Neuanpflanzungen in den kommenden Jahren in seinem Revier mit wenigstens einer Million Euro. Das geben die Haushalte in Rabenau und Allendorf nicht her. Ob Förderzusagen von Bund und Land aus dem vorigen Jahr für die Aufzucht eines klimastabilen Waldes angesichts einer sich durch Corona abzeichnenden Rezession aufrechterhalten werden, ist für Krautzberger keine ausgemachte Sache mehr. Den defizitären Gemeindewald stillzulegen zwecks Kosteneinsparung und Erwerbs von Ökopunkten - in der Rabenauer Politik denkt man gerade darüber nach - verböte das hessische Forstgesetz. Insofern geht der Forstmann mit Sorgenfalten in den Ruhestand.

Seine Nachfolge ist übrigens ausgeschrieben, eine Bewerbung dafür aber noch nicht in Wettenberg eingetroffen.

Krautzberger sagt: "Die sozialen Kontakte zu meinen Waldarbeitern und den Rathäusern werden mir fehlen." Doch Krautzberger nur auf den Forstberuf zu reduzieren, wird ihm nicht gerecht. Daneben hatte er immer wieder Ehrenämter inne: Gemeindevertreter in Rabenau, Schöffe am Landgericht, Personalratsvorsitzender im Forstamt, Ausbilder für Jungjäger.

Insgesamt sieben Bürgermeister in Rabenau und Allendorf hat er kennengelernt, aus seiner Sicht fand er immer eine offene Tür auf den Bauhöfen und Verwaltungen vor. Seine fachlichen Vorschläge seien akzeptiert worden, etwa das Beibehalten eigener Waldarbeiter und das Umstellen derer Entlohnung von Stücklohn auf Monatslohn. Schwieriger sei es gewesen, die typische Weitsicht der waldbaulichen Entscheidungen zu vermitteln, sagt Krautzberger.

Auf einmal mitten im Krimi-Dreh

Wie die Zeit nun im Ruhestand aussehen soll, davon hat er genaue Vorstellungen. Krautzberger, langjähriges Mitglied beim Angelverein Allendorf/Lumda, will dort wieder einsteigen. Auch bei der NABU-Ortsgruppe will er sich bei Bedarf einbringen. Auf jeden Fall aber will er mit Ehefrau Astrid sein langjähriges "Schweden-Fieber" noch intensiver entfachen. Der nächste Aufenthalt war eigentlich ab dem 14. Mai geplant, er wird wegen Corona bis zum Herbst verschoben.

Das Ehepaar fasziniert die großräumige und menschenarme Naturlandschaft Schwedens. Ehefrau Astrid beherrscht zudem die Landessprache. Manchmal würden sie beide im Land für Einheimische gehalten, erzählt er. Und dass trotz Elchen, Bären, Wölfen und Vielfraßen die Autofahrt dorthin das Gefährlichste sei.

Außerdem spielt eine seiner Lieblingsepisoden auf Schwedens Ostseeinsel Gotland - eines der favorisierten Reiseziel der Krautzbergers. Die Geschichte jedenfalls geht so: Eines Tags hielten die Krautzbergers auf der Inselmetropole Visby an einer Tankstelle. Dann knallte ein Gewehrschuss, ein vermeintlich Toter war das Ergebnis. Das Ehepaar war versehentlich in den Dreharbeiten zum Gotland-Krimi "Der Kommissar und das Meer" gelandet. Wenn sie nun zu Hause die Krimiserie schauen und an irgendeinem Strand eine Leiche liegt, würde Astrid lakonisch bemerken, "da haben wir schon geangelt", erzählt Krautzberger. "Schweden ist nichts für Halligalli und Animation", sagt er noch. Und genau deshalb ist es das Richtige für ihn.

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