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Beim Landkreis hält man vor allem grundstücksübergreifende Aktionen für sinnvoll, um die wertvollen Streuobstwiesen zu erhalten. FOTO: PAD

Sorge um Streuobstwiesen

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Die Streuobstwiesen prägen das mittelhessische Landschaftsbild. Alte Kirsch- und Apfelbäume mit ausladenden Ästen, dazwischen hochgeschossene Zwetschgen und Birnen. Damit dieses Bild noch lange erhalten bleibt, fördert der Landkreis Gießen seit einigen Jahren die Neuanpflanzung von Hochstämmen auf Streuobstwiesen. Die Zukunft ist dennoch alles andere als rosig.

Der Landkreis Gießen will die Streuobstwiesen als Teil des mittelhesisschen Landschaftsbildes erhalten. 2019 wurden insgesamt 230 Anträge auf Förderung von Baumpflanzungen gestellt, teilte die Pressestelle des Landkreises auf Anfrage dieser Zeitung mit. Auch 2020 wird das Förderprogramm unter gleichbleibenden Voraussetzungen fortgesetzt.

Soweit die guten Nachrichten. Jedoch reichen 230 Neupflanzungen kaum aus, um die Lücken zu schließen, die alters- und krankheitsbedingt gefällte Bäume hinterlassen. Zudem haben viele Bäume seit Jahren, wenn nicht gar Jahrzehnten keine Astschere gesehen. "Der Pflegezustand der alten Streuobstwiesengürtel um die Ortslagen im Landkreis Gießen ist generell bis auf wenige Ausnahmen schlecht", sagt Louisa Wehlitz von der Pressestelle des Landkreises. "Zwar kann man an einigen Stellen verstärktes Interesse der Privateigentümer am eigenen Obst feststellen, dies sind jedoch nur Tropfen auf den heißen Stein."

Da Streuobstwiesenbesitzer ihre Ernte praktisch kaum verkaufen können - lediglich die Kelterei nimmt Leseäpfel ab -, bauen die meisten nur für den Eigenbedarf an frischem Obst sowie zum Keltern von Apfelsaft und Apfelwein an. Nicht selten kommt es vor, dass die Wiesen nicht mehr gepflegt, dennoch aber nicht verkauft werden, da man hofft, mit ihnen irgendwann als Bauland einen Reibach machen zu können. Die ungepflegten Bäume sind oft voll von Misteln, Äste und ganze Teile der Krone brechen herab.

Naturschützer sind über die Entwicklung in Sorge. "Die Streuobstwiesen sind ein wichtiges landschaftliches Element in unserer Heimat Oberhessen. Sie sind ein Kulturlebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen, die sich über Jahrhunderte daran angepasst haben", sagt Stephan Kannwischer vom Naturschutzbund (NABU) Horlofftal. "Es sind vielfach Inseln in der Landschaft, die von einer intensiven Landwirtschaft verschont bleiben."

Neben der Obsternte werden die Streuobstwiesen vor allen Dingen als Weideland und Lieferant für Grünfutter genutzt. Gedüngt oder gespritzt wird hier normalerweise nicht, zudem bleiben nach dem Mähen immer wieder hier und da größere Pflanzen stehen. Dadurch finden dort viele Tiere und Pflanzen einen Lebensraum, die auf reinen Ackerflächen keine Chance haben. "Es ist toll, wenn der Wiesensalbei mit seinen lila Blüten die Obstwiesen überzieht", schwärmt Kannwischer. Die Pimpinelle - bekannt aus der Grünen Soße - ist dort ebenso zu finden wie der Buntspecht oder der Steinkauz. Wildbienen und Hummeln haben im Boden und an den Bäumen ihr Quartier.

Die größte Werbung für den Erhalt der Streuobstwiesen ist jedoch vor allen Dingen der Geschmack der weit über 800 Apfelsorten, die man in Hessen finden kann. "Wer den Geschmack eines reifen grünen Boskops genießen darf, der ist auf demselben Level wie ein Rieslingtrinker von Steillagen", sagt Kannwischer.

Beim Landkreis Gießen hofft man beim Erhalt der Streuobstwiesen verstärkt auf grundstücksübergreifende Aktionen. "Sinnvoll ist auf jeden Fall, die großen Streuobstkomplexe in ein gezieltes Management zu nehmen und analog der ›Hohl‹ in Reiskirchen in einer abgestimmten Aktion mit der Gemeinde, allen Privateigentümern und örtlichen Vereinen die Flächen zu sanieren", sagt Landkreissprecherin Wehlitz. "Aber auch diese Sanierungen müssen dauerhaft und die Privateigentümer langfristig begleitet werden." Denn Obstbäume brauchen einen regelmäßigen und fachgerechten Schnitt. Sonst droht eine Verbuschung, die Fruchtgröße und Erträge sinken und die Bäume altern schneller.

,,Der Pflegezustand der alten Streuobstwiesengürtel um die Ortslagen im Landkreis ist bis auf wenige Ausnahmen schlecht.

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