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Deutsch-marokkanische Zusammenarbeit: Gerd Oelschläger mit Fachleuten der Technikerschule OFPPT und Monteuren von TechnoSolaire auf dem Dach des Behindertenzentrums in Tata. FOTO: PRIVAT

"Sonne haben Sie doch genug"

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Eine Fotovoltaikanlage versorgt das Behindertenzentrum in Tata/Marokko seit zwei Jahren mit Strom. Gebaut wurde es auch mit Unterstützung und Expertise aus Lich. Erst vor Kurzem war der Ingenieur Gerd Oelschläger wieder vor Ort.

Gerd Oelschläger ist noch rechtzeitig nach Hause gekommen. Als er am 7. März mit dem Flieger aus Agadir in Frankfurt landete, ahnte er nicht, dass Marokko eine Woche später den Flugverkehr von und nach Deutschland komplett einstellen würde. Das Königreich hat wegen der Corona-Pandemie seine Grenzen dichtgemacht.

Von der nahenden Krise hat Oelschläger Ende Februar, Anfang März noch nichts gespürt. Der Elektroingenieur konnte seinen zweiwöchigen Aufenthalt im Süden des Landes wie geplant absolvieren. Auf seinem Programm stand neben diversen Besichtigungen und Besuchen ein einwöchiger Aufenthalt in Lichs Partnerstadt Tata. Dort hat der Experte vor gut zwei Jahren geholfen, eine Solaranlage auf dem Flachdach des Behindertenzentrums Al Amal zu installieren. Seither unterstützt er die Betreiber regelmäßig bei der Wartung.

Auch GIZ im Boot

Als einzige Stadt in Deutschland pflegt Lich eine offizielle Partnerschaft zu einer marokkanischen Kommune. Schon vor mehr als zehn Jahren hat Oelschläger den damaligen Bürgermeister von Tata, Moulay Mehdi Lhabibi, kennengelernt. "Bei Ihnen sollte man unbedingt etwas mit Fotovoltaik machen. Sonne haben Sie doch genug", hat er damals vorgeschlagen. Mit gutem Grund: In Tata scheint die Sonne an 360 Tagen im Jahr, die Einstrahlung beträgt verglichen mit Deutschland das etwa 1,7-Fache.

Zunächst blieb die Anregung im Raum stehen. Erst ein paar Jahre später kam Moulay Mehdi auf Oelschläger zu: "Jetzt hätten wir ein schönes Dach..." Gemeint war die neue OFPPT Technikerschule. Der Diplom-Ingenieur aus Lich, mittlerweile im Ruhestand, ließ sich die Bauunterlagen geben. "Ich habe eine kleine Anlage geplant, um den ersten Anstoß zu geben", erzählt er. Dann änderten die Partner in Marokko ihre Pläne. Sie hatten jetzt ein noch schöneres Dach.

Es handelte sich um den langersehnten Neubau des Behindertenzentrums Al Amal, dessen ehrenamtlicher Präsident Atmane Maissou eng in die Städtepartnerschaft mit Lich eingebunden ist. Gemeinsam mit Moulay Mehdi hat er dicke Bretter gebohrt. Mehr als zehn Jahre lang haben die beiden nicht locker gelassen, um Planung und Finanzierung dieses Herzensprojekts voranzutreiben.

Oelschläger war von ihrem Einsatz so beeindruckt, dass er gemeinsam mit seiner Frau 5000 Euro für das Projekt spendete. Er hatte, so erzählt er, damals eine Lebenskrise überwunden. Das Glück, das er darüber empfand, wollte er mit anderen teilen. "Außerdem haben mich die Leute überzeugt", sagt er und meint damit die Partner in Marokko, aber auch Iris Fischer, die als Vorsitzende des Partnerschaftsvereins die Kontakte zu Tata auf deutscher Seite mit viel Energie und großer Kreativität vorantreibt. "Der Partnerschaftsverein und die Stadt Lich haben das Projekt sehr befürwortet und unterstützt. Die Umsetzung lag aber allein in den Händen von Gerd Oelschläger in Zusammenarbeit mit der GIZ und den Partnern vor Ort", unterstreicht Fischer.

Auch Oelschläger weist darauf hin, dass durch die Einbindung der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit in Eschborn der Hebel für das Al-Amal-Projekt vergrößert werden konnte, und freut sich heute noch sehr darüber: "Gut, dass die GIZ uns schon im Jahr 2017 mit unserem Projekt Al Amal durch unsere Partner und Freunde aus Tata in Lich gefunden hatte, und eine Kooperation vorschlug."

Der Experte weiß, dass mittlerweile etwa 50 kleine Projekte der GIZ in Marokko angelaufen sind. Eines davon wurde übrigens auf dem Dach der Frauenkooperative von Zaouiya El Hanani in der Provinz Tata in Tizounine realisiert. Auch sie hat Gerd Oelschläger Anfang März noch besuchen können.

Dank der Kooperation mit der GIZ standen für das Projekt der Behindertenkooperative in Tata am Ende insgesamt 13 000 Euro zur Verfügung. Oelschläger konnte nun "ein bisschen größer" planen. Rund zehn Jahre nach der ersten Idee, im Januar 2018, konnte die Anlage installiert werden. Oelschläger war vor Ort. Ausgeführt wurden die Arbeiten von GTE aus Agadir und einer lokalen Elektrokooperative aus Tata, TechnoSolaire. Zudem waren Schüler der örtlichen Technikerschule OFPPT im Rahmen ihrer Ausbildung in das Projekt eingebunden. Dieser didaktische Ansatz - "Hilfe zur Selbsthilfe" - ist dem Ingenieur aus Lich besonders wichtig. Die GIZ etablierte inzwischen an der Technikerschule OFPPT in Tata einen dreijährigen Ausbildungsgang für Fotovoltaik.

Aber mit dem Bau der Anlage war es nicht getan. Auch die Pflege darf nicht vernachlässigt werden. Oelschläger ist da kategorisch: "Ohne Wartung kann man es gleich lassen." Gerade im Süden Marokkos seien Fotovoltaikanlagen extremen Umwelteinflüssen ausgesetzt: viel Sonne, viel Wind, viel Staub. Oelschläger hat in der Region bereits Solaranlagen gesehen, die nach einem Betriebsjahr schon mit erheblichen Störungen und defektem Material kämpften.

Die Anlage in Tata hingegen ist mit einer Großanzeige ausgestattet, die die aktuellen Zahlen im Foyer des Behindertenzentrums für die Öffentlichkeit anzeigt. Der Planer aus Lich kann zudem auch von zu Hause aus über das Internet jederzeit auf die Daten zugreifen.

Die GIZ und TechnoSolaire aus Tata verhandeln derzeit über einen Wartungsvertrag für die Fotovoltaikanlage von Al Amal.

Seit der ersten Wartung, die Oelschläger mit den Technikern vor Ort nach zweijähriger Laufzeit vorgenommen hat, läuft sie weiterhin reibungslos. Pro Jahr produziert sie etwa 14 000 Kilowattstunden, ungefähr 80 Prozent dessen, was das Behindertenzentrum verbraucht. 30 000 Dirham, etwa 3000 Euro, können dadurch pro Jahr eingespart werden, rechnet Oelschläger vor. Geld, das Atmane Maissou gut für die von Al Amal betreuten Menschen gebrauchen kann.

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