Solo für eine Schauspielerin: "Oben bleiben!" in Marburg

Das Stück von Carsten Goldbeck wurde erst im letzten Jahr in Hamburg uraufgeführt und ist nun mit Uta Eisold in der Hauptrolle am Landestheater zu sehen.

Das Thema ist nicht neu, das Stück schon. Wenn Schauspielerinnen in die Jahre kommen, haben sie nicht nur Probleme mit dem Älterwerden, sondern auch mit mangelnden Rollenangeboten. Carsten Goldbeck, gebürtiger Bremer und lange Zeit Dramaturg am Münchner Volkstheater, hat daraus ein Solo gestrickt unter dem besonderen Aspekt der Wende. "Oben bleiben!" erlebte erst im vergangenen Jahr seine Uraufführung an den Hamburger Kammerspielen mit Gerit Kling in der Hauptrolle.

In Marburg hat sich jetzt Uta Eisold dieses Monologs angenommen – quasi als nachträgliches Geschenk zum 60. Geburtstag für sich selbst und das langjährige treue Publikum. Seit 1991 gehört Eisold dem Ensemble am Landestheater an, das ihr Mann Ekkehard Dennewitz bis 2010 als Intendant leitete und der hier Regie führte. Beide sind so erfahren, dass sie um die Stärken, aber auch um die Schwächen des Stücks wissen, das bei einer Spieldauer von 90 Minuten durchaus kleine Längen hat. Gekonnt kitzeln sie die Pointen heraus, machen aber auch die Abgründe deutlich, an deren Klippen die Hauptdarstellerin eigentlich steht.

Bewunderswert, wie Eisold den umfangreichen Text ohne den geringsten Hänger bewältigt, zwischen Euphorie und Ängsten schwankt, mal locker direkt das Publikum anspricht, sich dann wieder räsonierend auf die Bühne in der Black Box zurückzieht. Ihre Vera Landis ist ein Opfer der Wende im doppelten Sinn. Als junge Schauspielerin sollte sie ihre erste Hauptrolle ausgerechnet am 9. November 1989 spielen – doch keiner kam hin: "Die Mauer fiel auf unser Stück." Die geplante Uraufführung von "Die Überlebende der Titanic" platzte genauso wie der Traum von einer Theaterkarriere. Stattdessen landete Vera Landis beim Fernsehen. Doch ein Vierteljahrhundert nach der Wende sind ihre Tage als Chefstewardess in der Dauerserie "Traumflug ins Glück" gezählt.

Der Autor spart nicht mit spitzfindigen Bemerkungen – über die Fernsehkultur, den Sparwahn am Theater, Krieg und Frieden, den Kapitalismus: "Das Geld ist beschäftigt, es hat keine Zeit mehr für Kultur." Das Ganze ist nicht ohne Witz, und wird von Eisold launig rübergebracht. Am Ende ist ihre Einzelkämpferin aber Opfer der eigenen Durchhalteparolen. "Du musst absaufen, um neu starten zu können", hat proklamiert sie – und kann den Rausschmiss aus der Serie einfach nicht begreifen.

Ein starker Abgang, wenn Eisold minutenlang sprachlos mit der Fassung ringt, sich dann unter Tränen für ihren Auftritt schminkt und auf wackligen Beinen die Leiter erklimmt: "Oben bleiben, das muss man wollen." Zu erleben erst wieder am 9. und 14. November im Theater am Schwanhof.

Marion Schwarzmann

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