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100 000 Soldaten im Gleiberger Land

  • vonLena Karber
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Wer genau hinschaut, der kann im Atzbacher Wald noch mehrere Schanzen aus dem Siebenjährigen Krieg entdecken. Sie zeugen von einer Zeit, die für die Menschen in der Region von Hunger und Elend geprägt war. Über 100 000 Soldaten lagerten damals im Gleiberger Land.

Abseits der Wege liegen im Atzbacher Wald zwei Schanzen, die nie fertiggestellt wurden. Im grauen Schneematsch verschwimmen ihre Konturen und lassen kaum erahnen, dass es sich um etwas von Menschenhand Geschaffenes handelt. Doch ein paar hundert Meter weiter oben auf dem Himberg, wo sich der Schneematsch in eine hübsche weiße Schneedecke verwandelt, sieht das anders aus. Dort gibt es eine Info-Tafel sowie einen gut erkennbaren Trampelpfad, über den die größte Schanze, die im Siebenjährigen Krieg im Gleiberger Land gebaut wurde, leicht zu erreichen ist: die Sternschanze in der Nähe des Königsstuhls.

Die fünfeckige Befestigung ist eine von zahlreichen Schanzen, die in den Wäldern rund um Krofdorf noch heute von der Zeit des Siebenjährigen Krieges zeugen. In diesem militärischen Konflikt standen sich zwischen 1756 und 1763 Preußen, Großbritannien und ihre Verbündeten auf der einen Seite und Österreich, Frankreich, England und deren Verbündete auf der anderen Seite gegenüber - auch hierzulande, wo die Lahn die beiden Lager trennte. Südlich des Flusses, zwischen Gießen und Wetzlar, waren damals französische Truppen stationiert. Nördlich der Lahn hingegen die Verbündeten von Preußen.

»Unsere nähere Heimat wurde ab Mitte September 1759 militärisches Aufmarschgebiet«, berichtet der Hobby-Historiker Helmut Leib in seinem Aufsatz über die Zeit des Siebenjährigen Krieges im Gleiberger Land. Der Krofdorfer, der sich seit seinem zehnten Lebensjahr für Geschichte interessiert und seit 1977 Berichte über die Geschehnisse in seinem Ort schreibt, heimatkundliche Wanderungen begleitet und Vorträge hält, hat bereits Abhandlungen zu 180 Themen geschrieben und dazu etliche Stunden in Archiven verbracht. Ein Aufsatz trägt den Titel: »100 000 Soldaten im Gleiberger Land« - ein Hinweis auf die von ihm errechnete Truppenkonzentration hierzulande in dieser Zeit.

Leibs Recherchen zufolge lagerten damals 6000 englische Soldaten in Krumbach, Fellingshausen, Bieber und Rodheim. Hinzu kamen Truppen aus Braunschweig und Hessen-Kassel, die in Wißmar stationiert waren, hannoveraner Truppen auf dem Vetzberg und weitere braunschweigische Soldaten in Krofdorf. Sie errichteten eine Befestigungslinie mit zahlreichen Geschützstellungen und Podien, von denen die Sternschanze die größte war. Zu Kämpfen kam es im Gleiberger Land jedoch nicht.

Für die Menschen hierzulande war der Krieg dennoch eine Katastrophe. Sie litten unter der Anwesenheit der Soldaten, für deren Bedarf sie verzichten mussten. »Wenn dann die armen Leute des Abends müde nach Hause kommen, so finden sie nichts, nicht einmal ein wenig Suppe oder warmes Essen«, zitiert Leib einen Tagebucheintrag des Wißmarer Pfarrers in dieser Zeit. Noch deutlicher geht das Elend der Bevölkerung aus einem Eintrag aus dem Rodheimer Kirchenbuch von November 1759 hervor, den Leib ebenfalls aufgenommen hat: »Selig sind die Todden, die in dem Herrn Sterben bey dieser bekümmerten Zeit, die wahrlich nicht kläglicher seyn könnte, da Wälder und Felder, Haus und Hof und alle Nahrungsmittel verheret und verstöret, furagiert und den Leuten weggenommen und uns nichts als das Leben und nichts dazu gelassen wird. Herr erbarme dich unser!«, heißt es da.

Wegen der Knappheit an Essen und Futter für die Pferde zogen die Truppen im Januar 1760 schließlich weiter. Allerdings war der Siebenjährige Krieg damit für die Einwohner noch nicht vorbei: Ab August 1962 galt es abermals, 30 000 Soldaten der französischen Armee bei Königsberg zu versorgen, während in Krofdorf 5000 Soldaten mit fast 2000 Pferden lagerten. Erst als das Land »im wahrsten Sinne des Wortes von den Franzosen und ihren Pferden leer gefressen war«, sei das Heer nach Grünberg weitergezogen, schreibt Leib.

Für die Menschen im Gleiberger Land endete damit der Krieg. Am 21. September 1762 wurde laut Leib unterhalb von Amöneburg die letzte Schlacht in der Region ausgetragen und im November zwischen den Heerführern ein Waffenstillstand vereinbart. Im Februar 1763 wurde der Krieg dann auch offiziell mit einem Friedensvertrag beendet.

Das Gleiberger Land brauchte laut Leib jedoch Jahrzehnte, um sich von dem Krieg zu erholen. So starben seinen Recherchen zufolge in dieser Zeit rund 1000 Menschen an der »Roten Ruhr«, einer Durchfallerkrankung die wegen der Mangelernährung der Menschen seuchenartig auftrat. Ein Zitat aus dem Tagebuch eines unbekannten Vorstehers, auf das Leib gestoßen ist, gibt einen Einblick in die damalige Gefühlslage. »Der Krieg ist zu Ende, das Elend nicht!«, heißt es dort.

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