Der Laubacher Autor Jürgen Bodelle alias Stefan König an seinem Arbeitsplatz in der Wohnung seiner Freundin in Lich. FOTO: LKL
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Der Laubacher Autor Jürgen Bodelle alias Stefan König an seinem Arbeitsplatz in der Wohnung seiner Freundin in Lich. FOTO: LKL

Sieben Bücher in einem Jahr

  • vonLena Karber
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Der Laubacher Autor Jürgen Bodelle hat im Jahr 2020 insgesamt sieben Bücher herausgebracht. Sein Repertoire reicht von politikwissenschaftlichen Schriften bis zu fotografischen Bilderbüchern für Kinder. Doch das Herzstück seiner Arbeit sind aktuell die Romane seiner Zeitreise-Serie. Hier hat Bodelle noch große Pläne.

Montagsdemonstrationen, Mauerfall und erste Verhandlungen am "Runden Tisch" - das Jahr 1989 nimmt in der deutschen Geschichte einen besonderen Platz ein. Jürgen Bodelle zeigt auf die Liste, die vor ihm auf dem Tisch liegt. "Es ist so viel passiert", sagt der Laubacher Autor, der meist unter dem Pseudonym Stefan König publiziert, und betrachtet die zahlreichen Stichpunkte, die er sich gemacht hat. Diese beziehen sich jedoch nicht nur auf reale geschichtliche Ereignisse, sondern vor allem auf das Leben seiner Romanfiguren, das in diesen ereignisreichen Wochen und Monaten ebenfalls sehr bewegt war.

Bodelle, der seit 1998 Romane schreibt, hat die durch Corona gewonnene Zeit im Jahr 2020 produktiv genutzt. Insgesamt sieben Bücher hat er im vergangenen Kalenderjahr veröffentlicht - darunter ein Kinderbuch, zwei politikwissenschaftliche Studien, ein Fotobuch und gleich drei Romane seiner Zeitreise-Serie. Im Januar erschien Band vier mit dem Titel "Bunte Zeiten - 1980 etc.", im Sommer folgte "Rasante Zeiten - 1985 etc." und Mitte Dezember sein jüngster Roman "Blühende Zeiten - 1989 etc.", für den der 71-jährige Autor erstmals von seinem bewährten Schema abgewichen ist: Bislang deckte ein Roman seiner Serie jeweils einen Zeitraum von fünf Jahren ab. Die 432 Seiten von "Blühende Zeiten" spielen jedoch zwischen Januar 1989 und März 1990.

Als Bodelle 2018 einen Roman herausbrachte, der zur Zeit der 68er-Bewegung spielte, wusste er noch nicht, dass sich daraus eine Serie entwickeln würde. Heute kann der ehemalige Bildungsunternehmer lachen, wenn er an die holprigen Anfänge des Projekts zurückdenkt und von einem Klassentreffen erzählt, bei dem er mit seinem ersten Zeitreise-Roman auf wenig Begeisterung stieß.

Seine früheren Schulkameraden hätten keinen Sinn darin gesehen, einen Roman über eine Zeit zu lesen, die sie selbst miterlebt hatten, sagt Bodelle - nicht mal als er ihnen das Buch schenken wollte. "Wie erniedrigend für einen Autor! Ich bin fast heulend nach Hause", erinnert sich der gebürtige Frankfurter. Doch dann habe er ihnen das Buch ungefragt zugeschickt und zahlreiche begeisterte Anrufe bekommen, weil er den Zeitgeist so gut eingefangen habe und der Blick zurück für einige doch erhellend war. "Man vergisst eben einiges", sagt Bodelle. Allerdings, betont er, sei sein Ziel eher, dass die Enkel-Generation die Romane lese. "Für die alten Knallköppe habe ich die Bücher nicht geschrieben."

Rund um Bodelles Arbeitsplatz in der Wohnung seiner Freundin in Lich stapeln sich Fachbücher, alte Zeitschriften und Zeitungen sowie persönliche Dokumente von anno dazumal. Vieles stammt aus seinem eigenen Fundus, den er jedoch nicht in weiser Voraussicht angelegt hat, sondern wegen einer Marotte, die früher bei seinen Mitbewohnern oft auf wenig Gegenliebe stieß. "Ich bin Sternzeichen Jungfrau und konnte mich nie von etwas trennen", sagt Bodelle und lacht. Gerade bei den Liebesbriefen sei das bei seinen Freundinnen nicht immer gut angekommen, verrät er. "Da werden alte Kontoauszüge mehr akzeptiert."

Nun helfen die Dokumente Bodelle bei der Arbeit. Wenn man die Atmosphäre einer Zeit einzufangen wolle, gehe es oftmals um Feinheiten, wie Veränderungen der Sprache, die nur bei der Arbeit mit Originalunterlagen offenkundig werden, sagt der 71-Jährige. Dass Bodelle studierter Politologe ist, hilft ihm ebenfalls. Die Politik sei natürlich der Rahmen für alles, sagt er. "Aber ich versuche, sie eher in den Hintergrund zu stellen". Mehr als politische Analysen sei es im Moment "das fantasievolle Schreiben", das ihm Freude bereite.

Trotz aller Produktivität war das Jahr 2020 für Bodelle jedoch, so wie für die meisten Künstler, ein schwieriges Jahr. Das liege daran, dass nicht der Buchhandel, sondern der Verkauf bei Festivals sein Hauptverdienst sei, sagt er. Wenn sich das Festival-Publikum, nach mehreren Tagen nach etwas Ruhe sehne, würden viele mit einem Roman über die Hippie-Zeit oder über die Jahre, die sie als "ihre Zeit" betrachten würden, einsteigen - und dann weiterlesen. Denn die Romane sind in sich geschlossene Geschichten, die auch unabhängig voneinander gelesen werden können.

Und wer bereits Gefallen gefunden hat, darf sich freuen: In den kommenden drei Jahren wird sich Bodelle bis in die Gegenwart vorarbeiten. Und selbst dann soll noch nicht Schluss sein, denn für den letzten Teil der Serie schwebt dem Autor etwas besonderes vor: ein Zukunftsroman, der 2033 spielen soll - und somit 100 Jahre nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten.

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