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"Sie wollen genauso spüren"

  • vonKatharina Gerung
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Für viele ist die Sexualität von Menschen mit Behinderung ein Tabu. Dabei müsse eine richtige Aufklärung von Geburt an erfolgen, sagt Erika König. Die Pädagogin berät seit gut 20 Jahren Betroffene im Kreis Gießen. Bezüglich der Offenheit zu diesem Thema hätte sich seitdem aber eher wenig getan.

Julia und Peter küssen und streicheln sich beide gegenseitig. Das fühlt sich gut an" - so steht es in der bunt bebilderten Broschüre "Julia und Peter entdecken ihre Lust", die pro familia zur Aufklärung an Menschen mit Behinderung gibt. "Aufklärung in einfacher Sprache" steht noch dabei - die sei besonders wichtig, sagt Erika König. Die Pädagogin ist seit gut 20 Jahren eine der Ansprechpartner für Menschen mit Behinderung aus dem Landkreis. Vor allem bei Themen wie Liebe, Sex und Partnerschaft herrsche großer Redebedarf.

Frau König, warum liest sich die Broschüre wie ein Kinderbuch mit nicht jugendfreiem Inhalt?

Vor allem Menschen mit geistiger Behinderung liegen in der Entwicklung oft zurück. Ihr Körper verändert sich aber genauso wie der eines Menschen ohne Behinderung. Wir sprechen also zum Beispiel von einer 18-Jährigen, die geistig und emotional noch auf dem Level einer 12-Jährigen oder jünger sein kann. Dann ist es wichtig, die Art und Weise der Aufklärung anzupassen, nicht aber ihren Inhalt. Dabei helfen Bilderbücher. Mit einfacher Sprache, großer Schrift und vielen Illustrationen.

Menschen mit Behinderung haben keine Sexualität. Was sagen Sie zu diesem Vorurteil?

Das ist Quatsch. Völliger Quatsch. Diese Menschen haben eine geistige oder körperliche Behinderung, aber ihre Sexualität ist deswegen ja nicht behindert. Sie wollen genauso spüren, genauso fühlen und Liebe und Zuneigung erfahren, wie andere Menschen auch. Es geht da nicht in erster Linie um den Geschlechtsverkehr an sich, sondern auch darum, einen Partner zu haben, oder eben auch um Selbstbefriedigung.

Für viele Menschen scheinen diese Themen aber immer noch ein Tabu. Warum?

Das hat unterschiedliche Gründe. Eltern beispielsweise sehen in ihrem behinderten Sohn, ihrer behinderten Tochter, oft lebenslang das Kind. Sie widmen sich intensiv der Pflege und wollen vielleicht nicht wahrhaben, dass sich aus ihren Kindern junge Erwachsene mit sexuellen Bedürfnissen entwickeln. Andererseits wollen sie ihre Kinder auch besonders schützen und übergehen dabei, dass sie auf diesem Gebiet nur ihre eigenen Erfahrungen machen können.

Stichwort Schutz: Es gibt Zahlen, wonach Menschen mit Behinderung öfter Opfer von sexueller Gewalt werden als die ohne. Hängt das mit der mangelnden Aufklärung zusammen?

Wir gehen davon aus, dass das bei Frauen mit Behinderung zwei bis dreimal häufiger vorkommt. Bei Männern ist es eher die körperliche Gewalt. Das Problem ist, dass Menschen mit Behinderung es gewohnt sind, dass über ihren Körper verfügt wird - beim Waschen oder Wickeln beispielsweise. Das macht es für sie schwierig einzuschätzen, was als übergriffig zählt. Verschlimmernd wirkt sich darauf dann natürlich auch eine mangelnde Aufklärung aus.

Wann und wie sollte man Ihrer Meinung nach mit der Aufklärung beginnen?

Die Aufklärung bei Menschen mit Behinderung sieht genauso aus wie bei Menschen ohne Behinderung. Zunächst geht es um Babys und wo sie herkommen - das ist allen Kindern wichtig. Dann um Menstruation und den ersten Samenerguss. Später dann um Sex, Liebe und Partnerschaft. Um Verhütung und den Kinderwunsch. Wichtig ist, dass diese Themen immer auf der Tagesordnung stehen. Es gibt nicht den richtigen Moment für Aufklärung. Ich sage immer, man sollte ab der Geburt damit anfangen.

Vor welche Herausforderungen stellt das die Angehörigen?

Menschen mit Behinderung über Sexualität aufzuklären, erfordert manchmal viel Geduld und viele Wiederholungen. Behinderte Menschen gehen oft mit sehr viel Naivität an die Sache. Erst kürzlich erzählte mir eine Mutter, dass ihre Tochter beim Einkaufen allen ihre Brüste gezeigt hat. Das ist eine unangenehme Situation für alle. Aber die junge Frau wollte einfach nur die Veränderung in ihrem Körper mit anderen teilen. Man muss klarmachen, in welchem Rahmen das okay ist. Zu Hause ja, in der Öffentlichkeit nicht.

Was sollte man in solchen Situationen machen?

Ganz klar die Grenzen aufzeigen, aber nicht mit Wut. Und es hilft auch nicht, das Thema ganz wegzuschieben. Das führt zu Frustration bei den Betroffenen. Vielmehr muss man versuchen, Verständnis aufzubringen. Verstädnis und Vertrauen - zwei ganz wesentliche Aspekte in dieser Thematik. Wenn mein behinderter Teenager einmal für zwei Stunden zu einem Freund oder einer Freundin will, sollte man nicht immer alles hinterfragen und die Kontaktaufnahme ermöglichen. Denn die Partnersuche gestaltet sich bei Menschen mit Behinderung besonders schwer.

Die Partnersuche zu erleichtern ist das eine. Wie weit darf Hilfe in Bezug auf Sexualität bei Menschen mit Behinderung gehen?

Auch hier gibt es verschiedene Möglichkeiten. Neben der Aufklärung beraten wir Menschen mit Behinderung auch dahingehend, dass wir ihnen erklären, wo und wie sie sich selbst stimulieren können und welche Hilfsmittel sie gegebenenfalls dazu brauchen. Das ist bei jedem Menschen und bei jeder Behinderung total unterschiedlich. Darum ist es wichtig, genau und individuell darauf einzugehen.

Und wie steht es um Sexualassistenz? Davon hört man immer wieder.

Grundsätzlich gilt, dass ein Pfleger oder Vormund oder Betreuer nicht Hand anlegen darf und das eigentlich auch nicht möchte. Natürlich gibt es Personen, die das für Geld machen, aber das grenzt dann manchmal an Prostitution. Auch, wenn es gar nicht zum Geschlechtsverkehr kommen muss. Es gab und gibt die Idee, Menschen speziell zur Sexualassistenz bei Menschen mit Behinderung auszubilden, aber dafür gibt es zu wenige, die das wirklich machen wollen. Zumindest habe ich keine andere Erfahrung hier gemacht. Ich glaube darum, dass das kein Modell mit Zukunft ist.

Was wäre es denn, was Sie sich für die Zukunft wünschen?

Mehr Offenheit mit diesem Thema. In den vergangenen 20 Jahren, die ich nun schon berate, wurde das besser, aber es ist noch viel Luft nach oben. Die Gesellschaft muss hier noch deutlich für die Thematik sensibilisiert werden. Dann fällt es auch leichter, sich behinderte Menschen mit Kindern vorzustellen - denn das kann gehen. Und auch Pflegepersonal muss geschult werden. Sexualität gehört zum Leben, auch bei Menschen mit Behinderung. Diese Menschen brauchen einen Ansprechpartner, am besten im direkten Umfeld. Geht das nicht, sollten sie an Stellen wie die unsere vermittelt werden.

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