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Blick in die Ausstellung »Jüdisches Leben in Heuchelheim«.

»Sie lebten mitten unter uns«

  • Rüdiger Soßdorf
    VonRüdiger Soßdorf
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Seit 2016 erinnern Stolpersteine an jüdische Bürger von Heuchelheim. Jetzt gibt es zudem eine Ausstellung zum jüdischen Leben im Dorf - eröffnet im Beisein von Nachfahren der Familie Süßkind, die einst am Haag wohnte. Lebendige, gelebte Erinnerungskultur.

Eine kleine Flagge des Staates Israel in einer Vitrine, Chanukkaleuchter, Kippot, die Promotionsurkunde von Dr. Karl Siegfried Süßkind, dazu eine Material- und Dokumentensammlung plus etwas Literatur, an der Wand ein älteres Luftbild von Heuchelheim. Kleine Fahnen zeigen darauf die Häuser, in denen in den 1930er Jahren jüdische Familien lebten. Sally, Jenny und Karl Süßkind am Haag, Schönbergs in der Bachstraße, Meier und Irene Süßkind in der Gießener Straße. Darüber der Titel eines Vortrags von Otto Bepler, einem Freund und Klassenkameraden von Karl Süßkind: »Sie lebten mitten unter uns«.

Sehr viel ist nicht geblieben an Spuren jüdischen Lebens in Heuchelheim. Umso verdienstvoller das Engagement des Arbeitskreises Heimatmuseum um Gerhard Kreiling, der in den vergangenen Jahren die Exponate zusammengetragen hat. Sie sind jetzt Teil einer neuen Dauerausstellung im Heimatmuseum im einstigen Kinzenbacher Bahnhof. Besondere Gäste der Eröffnung am Sonntag waren Karl Süßkinds Söhne Dan und Gidon, letzterer mit Ehefrau Nava. Sie waren eigens aus Herzlia im Norden von Tel Aviv angereist; zudem war der Enkel Or Süßkind aus den USA gekommen. »Es ist in besonderer Moment für uns alle«, bekennt ein sichtlich bewegter Gidon Süßkind. Er und seine Familie haben vor einigen Jahren auf Einladung engagierter Heuchelheimer, namentlich der evangelischen Martinsgemeinde mit Pfarrerin Cornelia Weber, die Kontakte der Familie in das Dorf ihrer Vorfahren wieder aufgenommen.

Süßkinds war es eine Herzensangelegenheit, die kleine Ausstellung mit weiteren wertvollen Stücken aus ihrem Besitz zu bereichern, Dokumente und Gebetsbücher etwa, ein Schofar-Horn und eine Torarolle. Am Türpfosten des Ausstellungsraums befestigte der heute 70-jährige Gidon Süßkind eine Mesusa, eine Schriftkapsel mit einem Gebet, die den Menschen bei Ein- und Ausgang Gottes Schutz und Segen zukommen lassen soll.

Deutschland feiert in diesem Jahr 1700 Jahre jüdisches Leben im Land. In Heuchelheim lebten nachweislich seit 1542, vermutlich aber schon länger, jüdische Familien, erinnert Gerhard Kreiling. Der Ansatz jetzt: Wenn Geschichte lebendig werden soll, dann gehören dazu Ausstellungsstücke, um Dinge anschaulich zu machen. Das Museum als Ort, an dem sich Menschen mit ihrer Herkunft und Gesichte auseinandersetzen und dazulernen können.

Pfarrerin Weber hatte Karl Süßkind 1996 bei einem Besuch in Heuchelheim just im Begegnungsraum des Museums kennengelernt. Dort traf sich Süßkind mit ehemaligen Schulkameraden. Er war der einzige jüdische Bürger Heuchelheims, der den Holocaust überlebt hat; dank seiner Auswanderung nach Palästina 1936. Weber zeigt sich dankbar, dass es seinen Kindern und Enkeln wichtig ist, bei der Ausstellungseröffnung anwesend zu sein. Engagierte Bürger hatten sich vor etlichen Jahren schon auf den Weg gemacht, einstiges jüdische Leben in der Gemeinde wieder sichtbar zu machen. Äußeres Zeichen sind die 2016 von Gunter Demnig verlegten Stolpersteine vor den Häusern, in denen bis zur Zeit zu ihrer Vertreibung, Flucht oder Ermordung jüdische Familien im Dorf lebten. Bei der Verlegung waren Süßkinds anwesend. Erwachsen ist daraus in Heuchelheim ein gemeinsames, lebendiges Arbeiten an einer Kultur der Erinnerung.

Auch aktuell waren Süßkinds wieder beim Verlegen von Stolpersteinen für Angehörige zugegen, die Opfer des nationalsozialistischen Terrors wurden, so in Bebra und in Eppingen im Kraichgau.

Den Wert der Erinnerungskultur griff Dr. Manfred Ehlers, der Erste Beigeordnete von Heuchelheim, auf: »Wir dürfen das beschämende Unrecht und die Schreckensereignisse, die gerade in unserem Land und auch in unserem Dorf geschehen sind, nicht vergessen. Stolpersteine und Gedenktafeln können nur einen kleinen Teil leisten«. Viel mehr jedoch könne die ständige Erinnerungskultur, das Sprechen miteinander und das Verzeihen leisten: »Damit sind wir hier und heute im Heimatmuseum angelangt.« Süßkinds begrüßte er ausdrücklich als Freunde.

Mit Blick auf den Jahrestag des Anschlags auf die Synagoge in Halle am Samstag und das Fehlverhalten eines Hotelangestellten gegenüber dem Sänger Gil Ofarim sagte Ehlers: »Empörungen bei antisemitischem Verhalten allein reichen bei Weitem nicht«. Und appellierte: »Zeigen wir in unserer Gesellschaft eine aufrechte Haltung für ein friedvolles und versöhnendes Zusammenleben!«

Gidon Süßkind (rechts) bringt eine Mesusa am Eingang zur Ausstellung an.

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