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Sicherheit für 44 Billionen Jahre

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Von: Lena Karber

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Kinder wachsen mit dem Internet auf, für die Gefahren müssen sie jedoch sensibilisiert werden. SYMBOLFOTO: ZACHARIE SCHEURER/DPA-TMN © DPA Deutsche Presseagentur

Für viele Kinder ist das Internet Alltag und das Smartphone ihr ständiger Begleiter. Doch nach Einschätzung von Christine Weiß bedeutet das nicht, dass sie sich auch sicher im Netz bewegen können. Im Rahmen der Busecker Ferienspiele spricht die Medienpädagogin daher seit vielen Jahren mit ihnen über die Hintergründe und Zusammenhänge.

Kein Wort, sondern eine Kombination aus Groß- und Kleinbuchstaben mit Zahlen und Sonderzeichen und einer Länge von acht bis 16 Zeichen, die weder persönliche Daten noch ein leicht zu erratenes Muster enthält und keine Rückschlüsse auf die Person zulässt - die Kriterien, die laut Christine Weiß ein sicheres Passwort ausmachen, scheinen umfangreich, aber umsetzbar. Zumindest bis die Medienpädagogin noch zwei weitere Hinweise hinzufügt: »Das Passwort sollte so sein, dass man es sich gut merken kann«, sagt sie. Dann folgt der zweite Haken: Dieselbe Kennung für mehrere Anwendungen verwenden? Laut Weiß eine ganz schlechte Idee.

Nun dürften diese Kriterien für die meisten Erwachsenen zwar keine Neuigkeit sein, wohl aber Neuland. Denn Studien zeigen, dass die Verwendung von Geburtstagen, Namen, Zahlenfolgen wie 123456 oder des Begriffes »Passwort« weiterhin sehr beliebt ist. Daher möchte Weiß die Teilnehmer der Busecker Jugendspiele von Klein auf für den sicheren Umgang mit ihren Daten sensibilisieren.

Für die Medienpädagogin, die seit etwa zehn Jahren Kinder im Umgang mit dem Internet schult, gehört das Thema Passwortsicherheit sozusagen zu den Grundlagen, die Sicherheit im Netz gewährleisten. Andere Inhalte verändern sich laufend, angepasst an das Nutzungsverhalten der Kinder. »Man muss immer up to date sein«, sagt Weiß. Denn ebenso schnell wie die Trends bei Apps und Spielen ändern sich auch die Themen, die die Kinder beschäftigen.

So war zuletzt etwa Snapchat ein großes Thema. In der App werden Chats, in denen besonders viele Bilder ausgetauscht werden, mit einem Flammensymbol versehen und pro Tag, an dem beide Chatteilnehmer eine Momentaufnahme miteinander teilen, kommt eine Flamme hinzu. Verpasst es einer der beiden, verliert der Chat die Flammen. »Das ist natürlich dann ein großes Drama«, sagt Weiß und erzählt, dass sie Mädchen getroffen habe, die das Handy aus Angst, im Urlaub kein Internet zu haben, währenddessen bei einer Freundin gelassen hätten, damit diese die Chats am Laufen hält.

Für solche Mechanismen, die von den Herstellern bewusst eingesetzt werden, um die Nutzer an die App zu binden, möchte Weiß die Kinder sensibilisieren. Dabei werden die Teilnehmer ihrer Kurse immer jünger, denn spätestens mit dem Wechsel auf die weiterführende Schule bekommen die meisten ihrer Erfahrung nach ein Smartphone und damit weitgehend unkontrollierbaren Zugang zum Internet. »Für Kinder gehört der Umgang mit dem Internet zum Alltag und ist etwas ganz Normales«, sagt Weiß. »Aber das heißt nicht, dass sie die Hintergründe und Zusammenhänge durchschauen.«

Mit den Teilnehmern spricht sie daher darüber, dass die Betreiber der Plattformen und Spiele damit Geld verdienen wollen und das bei kostenlosen Apps in der Regel mit dem Verkauf von Daten oder dem gezielten Anregen von In-App-Käufen machen. Zudem geht es in ihren Kursen um Cybermobbing und um die Themen Nein sagen und übergriffiges Verhalten. »Jungs wird häufig nicht beigebracht, Grenzen zu akzeptieren«, sagt sie. Auf der anderen Seite würden sie als Opfer allerdings auch häufig nicht wahrgenommen.

An Bedeutung gewonnen hat auch das Thema Spiele, da Kinder über das Internet auf alles Mögliche Zugriff haben und über sogenannte »Let’s Play«-Videos von Youtubern auch an Inhalten teilhaben können, die eigentlich erst ab 18 freigeben sind. Dabei bekommen sie laut Weiß oftmals »problematische Umgangsformen« vermittelt. So gebe es bekannte Youtuber, die sexistische, rassistische und antisemitische Inhalte verbreiten. Gerade das vermittelte Frauenbild sei häufig sehr kritisch. »Die Jungs werden damit sehr allein gelassen«, sagt sie.

Ihrer Meinung nach ist das Sinnvollste, was Eltern tun können, sich für das zu interessieren, was ihre Kinder machen und viel mit ihnen zu kommunizieren. Dabei gehe es darum, ein Spiel nicht nur zu verbieten, sondern zu erklären, was genau einem daran nicht gefalle. Das habe das Kind dann beim Spielen zumindest im Hinterkopf, gewissermaßen als Korrektiv. »Je früher man anfängt, miteinander zu reden, desto besser«, sagt Weiß. Wichtig sei es, die Basis möglichst bereits vor der Pubertät aufzubauen.

Andersrum dürften die Kinder nach einem Kurs bei Weiß einige hilfreiche Tipps mit nach Hause bringen, die auch für die Eltern beim »Passwort-Bau« hilfreich sein können: Etwa die Anfangsbuchstaben der Wörter eines Satzes zu verwenden und einzelne Buchstaben durch ähnlich aussehende Sonderzeichen zu ersetzen. Wie gut das Passwort ist, lässt sich dann auf Webseiten wie www.checkdeinpasswort.de überprüfen, wo angezeigt wird, wie lange ein normaler Computer brauchen würde, um das Passwort zu knacken. 0,038 Sekunden sagt das Programm bei einem der Versuche der Busecker Kinder. Also wird weiter getüftelt - mit Erfolg: ein Teilnehmer schafft es schließlich auf 44 Billiarden Jahre. Ein tolles Ergebnis, das im Laufe der Ferien noch optimiert werden dürfte. Denn der Ehrgeiz ist geweckt.

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