In Pflegeheimen gelten strenge Besuchskonzepte. Eine komplette Isolation der Bewohner wie im Frühjahr soll jedoch vermieden werden.
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In Pflegeheimen gelten strenge Besuchskonzepte. Eine komplette Isolation der Bewohner wie im Frühjahr soll jedoch vermieden werden.

Besuchsbeschränkungen oder Kontaktverbot?

Corona in Seniorenheimen: „Für den größten Teil ist es eine absolute Katastrophe“

  • vonLena Karber
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Die Verunsicherung in den Seniorenheimen ist groß - sowohl bei den Bewohnern als auch bei den Mitarbeitern. Die anstehende Weihnachtszeit bereitet Michael Welsch, Pflegedienstleiter in Lich, daher Sorgen.

Steigende Infektionszahlen bedeuten strengere Sicherheitsvorkehrungen in den Pflegeheimen. Wie ist die Stimmung unter Ihren Bewohnern?

Man merkt den Leuten eine gewisse Traurigkeit an. Als die Infektionszahlen im Oktober so schnell gestiegen sind, wurden Besuche bei uns für drei Wochen komplett eingestellt. In dieser Zeit konnten die Bewohner, die das kognitiv umsetzen können, nur telefonisch mit ihren Angehörigen sprechen. Alle anderen überhaupt nicht. Erschwerend ist auch der Wechsel in diese kalte, triste Jahreszeit, die für ältere Menschen sowieso schon schwierig ist.

Sie haben gesagt, die Besuche waren vorübergehend ausgesetzt. Wie sind die Regelungen in Ihrem Haus aktuell?

Aktuell ist es so, dass wir in Rücksprache mit dem Gesundheitsamt und der Heim- und Betreuungsaufsicht seit zwei Wochen wieder Besuche zulassen - am liebsten draußen, wenn das Wetter schön ist. Ansonsten dürfen in unserer Cafeteria maximal drei Bewohner besucht werden - mit Abstand, Masken und jeweils einem der Angehörigen.

Wird denn die Möglichkeit der Online-Kommunikation genutzt?

Die Möglichkeit haben wir. Aber gerade für diejenigen, die kognitive Defizite haben, ist es ziemlich schwierig, wenn da auf diesem Bildschirm jemand spricht. Wir haben in einem Zwischenraum einen Laptop eingerichtet, so dass die Leute in Ruhe und alleine mit ihren Angehörigen skypen können. Davon haben wir uns eigentlich mehr erhofft, aber leider haben wir unter den Bewohnern nur einen, der regelmäßig skypt.

Corona und Seniorenheime: Hochemotionale Weihnachtszeit steht vor der Tür

Der aktuelle Kurs der Bundesregierung setzt darauf, die Menschen in den Heimen, anders als im Frühjahr, nicht komplett zu isolieren. Ist das der richtige Weg?

Was ist der richtige Weg bei einer Pandemie, die man so noch nie hatte? Das weiß man erst hinterher. Prinzipiell kann man sagen: wir müssen einen Mittelweg finden und abwägen, wie man das Risiko so klein wie möglich halten, gleichzeitig aber Besuche zulassen kann. Wir müssen die Menschen irgendwie zusammenkommen lassen. Weihnachten steht bald vor der Tür und im Altenheim ist das generell eine hochemotionale Geschichte, die sehr, sehr viel mit Vergangenheit zu tun hat und für viele Bewohner auch sehr traurig ist. Wenn wir da auch noch die Angehörigen aufgrund von Corona außen vor lassen, ist das der absolute Supergau für unsere Bewohner.

Wie wollen Sie diese schwierige Zeit für die Bewohner gestalten?

Durch unser spezielles Hausgemeinschafts-Konzept leben die Bewohner bei uns in Kleingruppen zusammen, wie in einer Wohngemeinschaft. Räumlich haben wir damit die Möglichkeit, dem eigentlichen Zuhause der Bewohner schon sehr nahe zu kommen. Aber das Familiäre, die Emotionen, die Bindung zu den Kindern und zu den Enkeln - das können die Kollegen natürlich nicht kompensieren. Das ist in den Altenheimen immer schon schwierig gewesen, aber unter Corona ist es zum Verrücktwerden. Wir überlegen natürlich, was wir tun können, allerdings muss man ja auch immer gucken, wie die Fallzahlen gerade sind.

Wo liegen aktuell die größten Probleme bei der Arbeit der Pflegeheime?

Ich muss ganz ehrlich sagen, am meisten hat es uns verärgert, wenn freitags nachmittags über die Medien neue Regelungen verkündet wurden. Das setzt uns als Altenheim maximal unter Druck. Wir haben keine Kapazitäten, um noch großartig Personal einzustellen, um das Ganze zu koordinieren. Das muss alles von den Leute vor Ort erarbeitet werden. Aber die Konsequenz einer solchen Aussage in den Medien ist, dass die Angehörige im Sturmlauf hier anrufen. Dadurch werden die Prozesse, die wir eigentlich betreiben müssten, hinausgezögert.

Corona und Seniorenheime: Bürokratie erschwert Lage zusätzlich

Das klingt als sei die Arbeitsbelastung im Moment enorm hoch.

Es ist aktuell so, dass unser Tagesgeschehen immer wieder fremdbestimmt wird und wir immer wieder agieren müssen. Mit unserem Alltagsgeschäft, der Bürokratie und der Verwaltung kommen wir deshalb kaum hinterher. Außerdem müssen wir mit den Bewohnern, aber auch mit den Kollegen viel, viel sprechen.

Zuletzt gab es auch hierzulande wieder positive Fälle in Seniorenheimen. Führt das zu einer großen Verunsicherung?

Ja, auch die Kollegen sind zur Zeit sehr, sehr verängstigt. Zum einen haben sie die Angst, dass sie eventuell etwas in der Familie haben, zum anderen - und das habe ich in den letzten Wochen ganz oft festgestellt - haben viele unheimlich Angst, Corona hier ins Pflegeheim reinzubringen und dass einem Bewohner etwas passieren könnte. Die Kollegen wachsen alle gerade maximal über sich hinaus und leisten eine verdammt gute und wertvolle Arbeit.

Abgesehen vom Psychischen - was macht die Arbeitsbelastung so hoch?

Vor allem, wenn ein Verdachtsfall reinkommt, ist der Aufwand sehr hoch wegen der Schutzmaßnahmen. Die Mitarbeiter müssen maximal flexibel sein und sind es auch. Es kann sein, dass ich dann am Vorabend um 20 Uhr einen Anruf bekomme, dass eine Kollegin in der Familie Kontakt zu jemandem hatte, der positiv getestet wurde. Dann muss ich gucken, wer den Dienst am nächsten Tag machen kann. Die Belastung ist enorm. Sowohl Frau Steinmetz als Einrichtungsleitung und ich als auch der sozialtherapeutische Dienst gehen viel in die Hausgemeinschaften, um zu reden. Und wir gehen auch in die Pflege, um mitanzupacken.

Stehen genug Tests zur Verfügung und laufen diese problemlos ab?

Wir bieten allen Menschen, die hier bei uns in der Einrichtung arbeiten, regelmäßige Tests an - mit Reinigungskräften und sozialtherapeutischem Team sind das circa 55 bis 60 Personen. Das wird bei uns auch fast zu 99 Prozent angenommen. In einem regelmäßigen Intervall zu testen, ist auf jeden Fall sinnvoll. Allerdings hatte man vor ein paar Wochen nach zwei Tagen die Mitteilung über das Ergebnis, mittlerweile sind wir schon bei fünf oder sechs Tagen. Bei einem positiven Abstrich wird die Angst dann noch größer.

Mitte Oktober wurde beschlossen, dass in Heimen auch Schnelltests durchgeführt werden können.

Mir ist noch nicht bekannt, dass da irgendwas kommen soll und wie effektiv und hundertprozentig das Ganze ist.

Corona und Seniorenheime: Viele Bewohner verstehen nicht, was gerade passiert

Gab es bei Ihnen in der Einrichtung bereits positive Fälle?

Ich hatte bei den Bewohnern einen positiven Fall. Die Dame wurde unter Quarantäne gesetzt, ebenso die Hausgemeinschaft. Die anderen Bewohner waren jedoch alle negativ und hatten auch keine Symptome, so dass sie aus der Isolation gelassen werden konnten. Allerdings hatte auch die Bewohnerin selbst keine Symptome, obwohl sie nach zwei Wochen noch positiv war - ein Punkt, der das Personal sehr verunsichert hat.

Wieso?

Aus dem Frühjahr kennen wir alle die schweren Fälle, die auf der Intensivstation landen und wissen, welche Ausmaße das hat. Und dann hatten wir auf einmal eine 97-Jährige, die positiv war, aber keinerlei Symptome hatte. Das ist schwierig zu verstehen. Mitunter muss ich den Kollegen sagen, dass wir einfach gar nicht versuchen sollten, es zu verstehen, weil es einfach so abstrakt und zum Teil auch unlogisch ist.

Verstehen die Bewohner, was los ist?

Für den größten Teil ist es eine absolute Katastrophe. Wir haben im Haus A sehr viele kognitiv defizitäre Menschen. Die verstehen es nicht, wenn Menschen vom Gesundheitsamt in Vollmontur, so dass man sie gar nicht erkennt, kommen und ihnen ein Stäbchen in den Mund und in die Nase führen wollen. Mitunter haben wir schon versucht den Bewohnern zu sagen, dass das ein Zahnarzt sei. Denn da weiß man: Aha, ich mache den Mund auf. Aber die Situation ist einfach zu abstrakt. Da müssen wir viel erklären. Das ist kein schöner Zustand.

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