Landrätin Anita Schneider nimmt die Desinfektionsmittelspende der Dietrich-Bonhoeffer-Schule von Chemielehrer Bernhard Krenig entgegen. Mit dabei Krenigs Tochter Andrea, die die Etiketten auf den Flaschen angebracht hat. FOTO: GECK
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Landrätin Anita Schneider nimmt die Desinfektionsmittelspende der Dietrich-Bonhoeffer-Schule von Chemielehrer Bernhard Krenig entgegen. Mit dabei Krenigs Tochter Andrea, die die Etiketten auf den Flaschen angebracht hat. FOTO: GECK

50 sehr begehrte Liter

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Licher Schüler helfen dem Kreis als Schulträger in der Krise aus: In der "Nitrotoxy-AG" haben sie die Produktion eines Hände-Desinfektionsmittels auf den Weg gebracht. 50 Liter wurden nun an die Kreisverwaltung übergeben. Dort werden sie hände- ringend gebraucht.

Sich zum Wohle anderer einbringen, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen - davon ist gerade dieser Tage häufig die Rede. Die Schülerfirma "Nitrotoxy/Biotech AG" an der Licher Dietrich-Bonhoeffer-Schule hat dies mit einer besonderen Aktion umgesetzt: Gemeinsam mit Chemielehrer Bernhard Krenig haben sie die Produktion von Hand-Desinfektionsmittel in die Wege geleitet. Am Dienstag wurden 100 Einheiten zu je einem halben Liter von Krenig an Landrätin Anita Schneider übergeben - stellvertretend für den Landkreis Gießen, der dieses Produkt händeringend braucht. Die Lösung werde nun dort eingesetzt, wo der Bedarf am dringendsten sei, äußert sich Kreis-Pressesprecher Dirk Wingender - vor allem beim Gesundheits-, dem Jugend- und dem Veterinäramt.

Krenig, der auch diplomierter Chemiker ist und früher unter anderem am Frankfurter Uni-Klinikum geforscht hat, erläutert, wie das Projekt zustande kam: Im Januar war das Coronavirus hierzulande eher am Rande ein Medienthema. Erst am Ende dieses Monats gab es erste bestätigte Fälle in Europa und schließlich auch in Deutschland. Er habe schon damals die Gefahr gewittert, dass die Infektionen bald auch hier um sich greifen könnten, sagt Krenig. "Das Virus hätte in eine harmlosere Form mutieren können - oder es geht los." Letzteres war der Fall, und plötzlich wurde Infektionsschutz auch hierzulande zu einem drängenden Thema.

Krenig, auch Gesundheitsbeauftragter an der Schule, ließ Desinfektionsspender aufhängen. Bei der Schulleitung habe er damit "offene Türen eingerannt". Die Kontrolle und das Nachfüllen der Spender habe eine Hauptschulklasse übernommen, "und die haben es richtig gut gemacht". Allerdings war das Desinfektionsmittel, wie zurzeit allenthalben, bald aufgebraucht. Und da es zurzeit ein überaus gefragtes Produkt ist, war es mit dem Nachschub schwierig.

Was also tun? Krenig kam der Gedanke, eigenes Desinfektionsmittel zu produzieren, so nahm die Sache Fahrt auf. Schüler fragten bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin an, ob eine lizensierte Herstellung möglich sei. "Die Antwort kam schnell", sagt Krenig. Die Behörde habe empfohlen, für die Herstellung eine vom Robert-Koch-Institut empfohlene Rezeptur zu verwenden.

Bei der Umsetzung dieses Projekts konnten Krenig und die Schülerfirma auf Erfahrungen aus der Praxis zurückgreifen. Der Diplom-Chemiker bringt Kenntnisse ein, die er auch im familieneigenen Betrieb erworben hat: Das 1938 gegründete Laborinstitut Spieker produziert Kosmetika, und die Registrierung der Desinfektionsmittelproduktion in der Schule läuft, wie Krenig erläutert, nun formal über den Betrieb.

Er betont: "Wir wollen Firmen in der Region natürlich keine Konkurrenz machen." Aber Desinfektionsmittel sei zurzeit eben ein knappes Gut und werde dringend gebraucht. Ohnehin sei die Lösung quasi zum Produktionspreis an den Kreis übergeben worden - und nicht etwa, um Gewinn zu machen.

Die Arbeit im Labor hat Krenig in den vergangenen Wochen alleine gewuppt, wegen der Aussetzung des Schulbetriebs ging das nicht anders. "Aber das Hexenwerk dabei ist nicht das Mischen, sondern das Rechtliche", sagt er. Das Einholen der Zulassung, die marken- und patentrechtliche Klärung, die Erarbeitung von Warnhinweisen auf den Behältern - all dies hätten vor allem die Schüler umgesetzt. Und darauf, so Krenig, könnten sie stolz sein. Bundesweit gebe es keine andere Schülerfirma, die Desinfektionsmittel produziere.

Für die beteiligten Schüler sei das Projekt auch eine praktische Vertiefung des Unterrichtsstoffs, erläutert der Chemielehrer: Alkohol, ein Hauptbestandteil des Desinfektionsmittels, habe ohnehin gerade auf dem Lehrplan gestanden. Und die Schüler seien überrascht gewesen, dass der meiste Alkohol nicht etwa in Bier, Schnaps und Co. lande, sondern bei der Produktion von Kosmetika und Desinfektionsmitteln verwendet werde.

"Wir sind Alkoholexperten", äußert sich Krenig mit Blick auf die Schüler - und meint damit natürlich nicht den Konsum, sondern die Kenntnisse. Zumal ein vorheriges, preisgekröntes Projekt der Schülerfirma sich auch um diese Substanz drehte: 2019 wurde das Team "Nitrotoxy" mit dem MINT-Sonderpreis ausgezeichnet, der im Rahmen des Junior-Projekts des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln in Kooperation mit dem hessischen Kultusministerium verliehen wurde. "Wir haben Algen auf Gülle aufgetragen und so Alkohol hergestellt", erklärt Krenig in einfachen Worten.

Jener Alkohol, der nun im Desinfektionsmittel Verwendung findet, sei natürlich nicht aus Gülle gewonnen, fügt der Chemiker hinzu, sondern extern bezogen.

Momentan weiteren Ethanol für die Produktion aufzutreiben, sei fast ein Ding der Unmöglichkeit, sagt Krenig. Die Nachfrage ist zuletzt ins Unermessliche gestiegen. Von der Frage nach dem Nachschub abgesehen könne er sich aber gut vorstellen, die Produktion fortzusetzen. Etwa für Krankenhäuser oder den Landkreis, "alles Soziale eben".

An Bedarf wird es in den nächsten Wochen sicher nicht mangeln.

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