Schwere Zeiten fürs Ehrenamt

  • Jonas Wissner
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Ausgefallene Veranstaltungen, kaum Einnahmen, wenig direkte Begegnungen: Die Pandemie bringt auch viele Vereine in Bedrängnis. Kreative Lösungen und neue Wege sind gefragt.

Corona war der Schlusspunkt«, sagt Helga Ramanzadeh. Die scheidende Vorsitzende des Gesangvereins »Einigkeit-Harmonie« Reiskirchen spricht über den Abgesang nach 123 Jahren. Im Herbst haben die Mitglieder die Auflösung beschlossen.

Mangels Nachwuchses sei der Verein ohnehin dem Ende nah gewesen, vor allem Männer hätten gefehlt. Dann kam die Pandemie. »Wir konnten im Bürgerhaus nicht mehr singen, das Vereinslokal ist damit weggefallen«. Den Dirigenten habe man sich allmählich nicht mehr leisten können. Und ein Zusammenschluss mit anderen Chören sei keine echte Option gewesen, auch weil es mit Fahrten in andere Orte gerade für nicht mobile Senioren schwierig sei. »Das Modell Gesangverein ist ein Auslaufmodell«, sagt Ramanzadeh.

Auch andernorts, etwa in Lauter und Vetzberg, haben sich Gesangvereine während der Pandemie und unter Verweis auf sie aufgelöst. Noch sind das eher Ausnahmen. Doch gerade für schon zuvor von Nachwuchssorgen geplagte Vereine waren und sind Corona-Einschränkungen eine schwere Bürde, wie auch Alexandra Böckel vom Leitungsteam des Freiwilligenzentrums für Stadt und Kreis Gießen zu berichten weiß. Das Zentrum berät Ehrenämtler und Vereine, zeigt ihnen Perspektiven auf, vermittelt Kontakte.

»Bei Chören ist es noch einmal eine besondere Situation. Generell sind Vereine besonders betroffen, bei denen die Aktivitäten vor allem in öffentlichen Veranstaltungen bestehen«, so Böckel. Wo es viele Aktive gebe, die Motivation in einem Verein hoch sei, überstehe man vielleicht auch eine »Durststrecke«. Für andere dagegen gerät die Pandemie offenbar zum letzten Sargnagel.

»Insgesamt zeigt Corona viele Probleme wie unter einem Brennglas«, sagt Böckel - das Reiskirchener Beispiel lässt grüßen. Man könne nicht alle Gruppen über einen Kamm scheren, doch es gebe Parallelen.

So habe sich bei etlichen Vereinen »ein Gefühl der Ermüdung« eingestellt - etwa, weil aufwendige Hygienekonzepte für Veranstaltungen erstellt wurden, die dann doch abgesagt werden mussten.

Auch Vorstandssitzungen und Mitgliederversammlungen konnten wegen Corona teils nicht in Präsenz stattfinden. Übergangsregelungen, um zum Beispiel Versammlungen zu verschieben oder online abzuhalten, wurden erlassen und inzwischen verlängert.

Den Trend zur Digitalisierung habe Corona beschleunigt, »das mag für nervige Verwaltungsarbeit oder reinen Info-Austausch auch sinnvoll sein«, meint Böckel. Doch das »soziale Miteinander« als »Kitt« vieler Vereine« lasse sich dadurch eben nicht ersetzen.

Hinzukommen finanzielle Einbußen, auch weil Einnahmen aus Märkten, Festen und Co. fehlen. Zwar lässt die Politik das Ehrenamt nicht im Regen stehen: Der Kreis Gießen hat ein Programm aufgelegt, um Vereine mit bis zu 300 Euro zu fördern. Auch das Land bietet seit 2020 Corona-Vereinshilfen.

Doch zumindest die Landesprogramme seien nicht für alle Vereine passgenau, so Böckel: »Der große Faktor sind oft Mietkosten«, etwa für Räume zum Proben oder Trainieren. Könne ein Verein dies nicht mehr stemmen, seien einmalige Förderungen eher »ein Tropfen auf den heißen Stein«. Auch spiele die Deckung laufender Kosten bei solchen Programmen teils allenfalls eine Nebenrolle.

Diesen Schluss legt auch eine Auskunft der Landesregierung auf GAZ-Anfrage nahe: »Aus dem Kulturbereich sind 2020 und 2021 insgesamt 161 Anträge auf Corona-Vereinshilfe eingegangen, davon drei aus dem Kreis Gießen. Insgesamt wurden 40 Anträge bewilligt, aus dem Kreis Gießen wurde kein Antrag bewilligt. Der Hauptgrund für Nicht-Bewilligungen war, dass die finanziellen Defizite nicht im ideellen Bereich lagen«, äußert sich stellvertretend das Innenministerium in Wiesbaden. Im Sportbereich dagegen seien im Rahmen der Förderprogramme zur Mitgliedergewinnung und zu »Profihilfen« 2021 zehn Anträge aus dem Kreis gestellt und allesamt bewilligt worden.

Nicht zuletzt mangelt es laut Böckel vielfach an zeitlichen Ressourcen. »Dass sich aktive Vorstandsarbeit und berufliche sowie private Verpflichtungen zunehmend nicht mehr so gut zeitlich vereinen lassen, ist ein grundsätzliches Problem unserer Zeit.«

Trotz der Probleme gebe es aber viele Menschen, »die inhaltlich etwas voranbringen wollen«, nur nicht unbedingt im recht starren Format von Vereinen. Regelmäßig wendeten sich Menschen an das Freiwilligenzentrum, die sich einbringen wollen, häufig mit Migrationshintergrund. Es gelte, sie mit ehrenamtlich aktiven Gruppen zusammenzubringen - und dafür müssten Vereine auch offen sein, so Böckel.

Unterm Strich wird es kreative Lösungen brauchen, damit das Ehrenamt der Pandemie dauerhaft trotzen kann - ob in Vereinen oder anderen Strukturen.

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