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Schutz vor krebserregendem Staub

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Von: Patrick Dehnhardt

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Max Schöneck beim Arbeiten in einem Bad. Dank Luftreiniger bleibt der Raum staubfrei und so auch die Lunge des Handwerkers sauber. © Patrick Dehnhardt

Egal ob bei Hobbyhandwerkern oder Profis: Auf Baustellen entsteht jede Menge Staub, beispielsweise beim Abschleifen von Holz, beim Abstemmen von Fliesen oder beim Schneiden von Steinen. Nur wenigen ist bewusst, dass diese Stäube krebserregend sind. Reinhold Rühl sensibilisiert Handwerker für dieses Thema.

Der Boden im Wohnzimmer müsste mal wieder abgeschliffen werden, die Eichenbretter haben einige Kratzer abbekommen. Da das für ordentlich Staub sorgt, muss erst mal das Zimmer ausgeräumt werden. Dann kann es schon mit der Schleifmaschine ans Werk gehen. Vor dem Lärm schützen Ohrenschützer, vor Staub in den Augen die Schutzbrille. Gut, nachher heißt’s dann einmal richtig Naseputzen, damit der ganze Dreck wieder rauskommt...

Reinhold Rühl kennt diese Bilder zu Genüge, sowohl von Hobby- als auch professionellen Handwerkern. Und er weiß, dass sich viele der Gefahr nicht bewusst sind: »Eichen- und Buchenholzstaub macht nachweislich Krebs. Es ist egal, ob ich das beruflich oder als Privatmann mache.«

Das Problem beschränkt sich dabei allerdings nicht auf Eiche und Buche. Viele weitere Stäube, die beim Bau anfallen, sind krebserregend, krebsgefährdend oder in anderer Weise giftig. Bei Asbest ist dies längst bekannt. Doch auch andere, vermeintlich harmlose Baustoffe können zur Gefahr werden. Und der Schleifstaub gerade exotischer Hölzer steigert das Risiko für Allergien.

Rühl stammt aus Lich, ist Experte für Staubbelastungen an Arbeitsplätzen und die Auswirkungen auf die Gesundheit: Er war Leiter des Bereichs Gefahrstoffe bei der BG BAU - Berufsgenossenschaft für Bauwirtschaft. Er wirbt in Betrieben dafür, staubarme Arbeitsweisen zu nutzen. So auch beim Ortstermin mit Fliesenlegemeister Michael Schöneck und seinem Sohn Max auf einer Baustelle. Ein Bad soll saniert werden.

Normalerweise wirbelt es jede Menge Staub auf, wenn die Fliesen von den Wänden gestemmt werden. Doch als Max Schöneck den Presslufthammer ansetzt und die ersten Brocken nach unten fallen, passiert nichts. Denn mitten in den Raum hinein führt ein Schlauch. Dieser ist an einen Luftreiniger angeschlossen, der draußen im Flur steht. Die Luft wird durch ihn permanent gereinigt, der Staub so abgesaugt, bevor er sich im Raum verteilen kann.

Auch nach mehreren Minuten arbeiten ist im Raum die Sicht ungetrübt, selbst auf der Kameralinse findet sich nicht ein Staubkorn. Der Beweis, dass die Technik funktioniert. Fliesenlegermeister Michael Schöneck ist begeistert. Rühl informiert, dass Fliesenleger besonders durch Quarzstäube belastet werden. Das kann zur Staublunge und Lungenkrebs führen. Insbesondere bei Abrissarbeiten oder dem trockenen Schneiden von Fliesen werde der gesetzliche Grenzwert für die Staubbelastung deutlich überschritten.

Das Problem sind dabei nicht die großen Teilchen, die man sofort sieht, sondern der Feinstaub. Dieser setzt sich tief in die Lunge und bleibt dort. Das Problem: Dieser Staub hängt extrem lange in der Luft. Rühl schildert, dass ein Teilchen, welches ein Tausendstel Millimeter klein ist und bis in die Lungenbläschen vordringen kann, rund sieben Stunden braucht, um in der Luft einen Meter abzusinken. Dies bedeutet, dass der Staub von einer Bohrung an der Decke zu Arbeitsbeginn bei Feierabendbeginn noch immer nach unten absinkt.

Früher galt das Arbeiten in einer Staubwolke als normal. Doch bereits seit Jahrzehnten sind die Gefahren bekannt. Bereits 2005 wurden Arbeiten mit Quarzstäuben als krebserregend eingestuft. In den letzten Jahren rückte das Problem auf den Schirm von immer mehr Handwerksbetrieben. Die Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft sensibilisierte für das Thema und schuf zudem mit Förderprogrammen Anreize, in staubarme Arbeitstechniken und Luftreinigungsanlagen zu investieren.

Kehrverbot in der Werkstatt

Doch noch ist es ein langer Weg, bis die Botschaft in allen Köpfen ankommt, sagt Rühl. Und manche alte Gewohnheit muss dabei aufgegeben werden. Beispielsweise, dass der Lehrling die Werkstatt oder die Baustelle ausfegt. »Wenn man kehrt, bringt man den Staub erst in Wallung - und damit in die Luft und in den Menschen.« In der Gefahrstoffverordnung sei daher explizit ein Kehrverbot genannt. Stattdessen sollten Baustellenstaubsauger zum Einsatz kommen. Zum einen schützen sie die Mitarbeiter, zum anderen verhindern sie auch, dass der Dreck nur im Raum neu verteilt wird.

Und beim Hobbyhandwerker? Rühl lächelt: »Die meisten kaufen sowieso Maschinen mit Absaugvorrichtung, weil sie nicht unnötig Dreck machen wollen.« Entsprechende Schleif- und Bohrmaschinen gibt es daher in jedem gut sortierten Baumarkt. »Ob sie sie nun wegen der Sauberkeit nutzen oder bewusst wegen Krebs, ist egal. Hauptsache, sie benutzen sie.«

Für Fliesenlegermeister Michael Schöneeck war der Schutz der Gesundheit ein Grund, in die staubfreie Technik zu investieren. »Wir haben in unserem Leben wirklich schon genug Staub geschluckt«, sagt er. Zudem sieht er noch einen großen Vorteil: Es bleibt im Haus des Kunden sauber, dieser muss sich nicht die Freude über das neue Bad durch anschließendes ausgiebiges Putzen in allen Räumen trüben lassen.

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